Du spürst das Gras…
…hier und da bewegt sich was, es macht dir Spaß, nein es ist nicht nur das…

Das Leben, irritiert durch die Kunst
Freitag, 25. April 2008, 14:31 Uhr
Abgelegt unter: hirnwindung

Vor einigen Tagen hat mein PC-Monitor das Zeitliche gesegnet. Das an sich wäre vielleicht nicht unbedingt einen Eintrag wert, aber das Wie und wie es auf mich wirkte, schon eher.

Es handelte sich um einen mittlerweile siebeneinhalb Jahre alten Röhrenmonitor, der in den letzten Wochen immer häufiger mit einem kurzen Zucken die Anzeige meines Desktops links und rechts zusammendrückte. Das Bild bekam sozusagen einen Schluckauf.

Am vergangenen Sonntag war es dann soweit: Ohne größere Vorwarnung bekam das angezeigte Bild schwarz-weiße Streifen, ging dann in ein schwarz-weißes Rauschen über und verkleinerte sich zur Bildmitte hin, wo es in einem einzigen Punkt verschwand. Das Ganze wurde begleitet von einem lauten Knall und heftigem Knistern, und schließlich stieg tiefschwarzer Rauch aus dem hinteren Teil des Gerätes auf. Der Gestank hing trotz intensiven Lüftens noch 24 Stunden später in meiner Wohnung.

Abgesehen davon, dass ich mich sehr erschrak, war mein erster Gedanke: “Das sieht total nach Klischee, völlig gekünstelt aus.” Es war viel zu viel “Typisches” dabei, als dass das echt sein konnte. Als wenn ein Regisseur eines Sketches oder einer TV-Serie den Spezialeffekt-Leuten gesagt hätte: “Los, das muss richtig was hermachen, auch der Dümmste muss beim Angucken wissen: ‘Der Monitor ist hin!’”

Was mich wieder daran erinnert hat, dass ein Vor-Ort-Reporter an einer Flugzeugabsturz-Stelle oder bei einem Waldbrand schon mal berichtet: “Es sieht hier aus wie in einem Katastrophenfilm!

Sind wir nur noch so wenig Realität gewöhnt, dass wir Vergleiche aus der Kultur bemühen müssen, um die Realität zu erfassen? Oder erschreckt uns die Realität erst recht, wenn sie tatsächlich so aussieht wie etwas, von dem wir sonst immer beruhigt sagen können: “Ist ja nur gestellt”?



Was ist eigentlich Rekursion?
Donnerstag, 17. April 2008, 11:14 Uhr
Abgelegt unter: popkultur, tv

Wenn auf RTL “Die ultimative Chart-Show” mit Oliver Geissen am Freitag eine Ausgabe zeigt, in der die erfolgreichsten Casting-Stars aller Zeiten vorgestellt werden.



Fundstücke
Samstag, 12. April 2008, 22:31 Uhr
Abgelegt unter: fundstücke

~~ Uschi Nerke* erzählt im Radio von irgendeinem Musiker, der einen schweren Unfall ohne Schaden überstanden hat:
“Da hat das Schicksal wirklich einen goldenen Hut aufgehabt.”

*Ich wartete auf den Beginn der Nachrichten, ich höre die Frau sonst ausdrücklich nicht.

~~ Im Musikantenstadl singt Andy Borg erst: “Endstation Sehnsucht[!], ich hab Sehnsucht nach dir”.
Anschließend erzählt ein von ihm interviewter Chorleiter: “Wir machen breite Musik für ein breites Publikum.”



Und was sammeln wir jetzt? oder: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner ständigen Verfügbarkeit.
Donnerstag, 10. April 2008, 14:05 Uhr
Abgelegt unter: film, hirnwindung, musik, popkultur

Ein erstes Brainstorming, dem noch weitere folgen werden.

Es ist zwar schon zehn Jahre her, aber im großen Zusammenhang gesehen ist es eben doch erst zehn Jahre her, als ich wieder einmal dem überaus coolen London einen Besuch abstattete. 1998 also, der letzte Besuch im alten Jahrtausend.

Die ersten Stationen meiner eigenen Art des Sightseeings führten mich zu HMV, Virgin und Tower Records (anschließend auch zu kleineren Musikgeschäften abseits der großen Straßen).
Zum einen wollte ich neue Musik kennenlernen, was, da ich mich im Heimatland des Pop befand, sogar in den großen Ladenketten ging. Denn das, was dort selbstverständlich und mainstreamig aus den Kopfhörern schallte, wurde in Deutschland im kleinen Club deines Vertrauens oder in einer versteckten Sendung auf VivaZwei(RIP) gespielt.

Und außerdem gab es dort englischspachige Filme! Mit Betonung auf englischsprachig. Endlich Videokassetten mit original englischer Tonspur. Auch die gab es hierzulande nur per Import oder mit langen Wartezeiten in der Videothek des geringsten Misstrauens. Denn auch die Online-Shops des Internets steckten erst knapp in den Kinderschuhen.

Diese Kleinode wurden mit leuchtenden Augen gekauft, nur selten habe ich im Kopf die geforderten Pfund-Preise in horrende D-Mark-Preise umgerechnet, und selbst wenn, war die Aussicht, diesen Film in der Originalfassung oder diese CD endlich selbst in Händen zu halten, ohnehin das entscheidende Argument.

Wieder in Deutschland, habe ich mehr als einmal meinen Kabelnetzbetreiber verflucht, weil er West3, auf dem häufiger Filme in Zweikanalton ausgestrahlt wurden, per Satellit ins Netz einspeiste und deshalb nur schnöder, deutscher Einkanalton übrigblieb.

Mittlerweile lasse ich mir per Mausklick CDs unter deutschem Ladenpreis aus den USA schicken, die in Neuseeland abgefertigt werden. Der CD-Katalog wird nicht mehr durch einen Händler hinterm Tresen zur Verfügung gestellt, sondern ich selbst habe in meinen eigenen vier Wänden am Bildschirm Zugriff auf den “Weltkatalog” der Musik.

(Fast) Jede deutsche DVD-Fassung eines nicht-deutschssprachigen Films enthält die Originaltonspur (“Ich hab ja neulich Tiger and Dragon auf Mandarin gesehen; ganz anderer Wortwitz!”). Man muss einen deutlich exotischeren Filmgeschmack haben als früher, um darüber zu stolpern, dass es bestimmte Filme noch nicht in die deutsche DVD-Veröffentlichung geschafft haben, auch wenn es hier durchaus noch bestimmte Defizite gibt (wann werden z.B. endlich Robert Altmans The Player, Short Cuts und Alan Rudolphs Mrs Parker and her vicious circle in anständigen Editionen auf den Markt geworfen?).
Auch TV-Serien, die auf Video nur spärlich veröffentlicht wurden, überschwemmen den Markt, von hochwertig bis zu “Mein Gott, das hat jemand nochmal auf DVD gepresst??”.

Hinzu kommt, dass ich, wenn ich denn wollte, durch EMule, Torrent und Konsorten jeden nur erdenklichen Film, jede TV-Serie und jedes Musikalbum sehen und hören könnte, gelegentliche längere Wartenzeiten wegen mangelhafter Verfügbarkeit zugestanden. Selbst amazon.de hat einen riesigen DVD-Verleih, wodurch auch die Videothek um die Ecke ihre Wichtigkeit verloren hat.

Wenn ich denn also will, bekomme ich jeden filmischen oder musikalischen Inhalt auf meine Festplatte oder ins Haus. Zu jeder Zeit. Von moralischen und urheberrechtlichen Bedenken abgesehen: ohne Einschränkung.
Und ja, es ist fantastisch, nicht mehr auf den guten Willen oder das (mangelnde) Wissen eines Plattengeschäft-Mitarbeiters angewiesen zu sein, wenn man da neulich so’n bestimmtes Lied gehört hat. Klar ist es ein herrliches Gefühl, sich recht sicher sein zu können, einen Film, den man sehen will, auf DVD zu bekommen und in der gewünschten Sprache anschauen zu können.

Aber was macht das mit mir? Wie beeinflusst dieser Umstand meine Wahrnehmung und Wertschätzung dessen, was ich an medialer Unterhaltung konsumiere? Wie groß ist die Freude, eine CD oder auch nur ein bestimmtes Musikstück gefunden zu haben (und dazu gleich zu besitzen!), wenn ich lediglich in einem Programm oder auf einer Online-Shop-Website die Suchfunktion verwenden muss und mich nicht einmal aus dem Haus bewegen brauche?

Ein Bekannter von mir meinte kürzlich: “Ich hab jetzt 160 Gigabyte MP3s auf meiner Festplatte, ich weiß gar nicht, wie ich mich da jemals durchhören soll.” Das war der Moment, in dem mir auffiel, dass mein CD- und DVD-Sammeltrieb auf einem ganz ähnlichen Prinzip beruhte: Ich war froh und glücklich, dass ich durch den Besitz die Möglichkeit erhielt, zu jeder Zeit “da ranzukommen”. Das war das Besondere daran, eine CD oder DVD sein Eigen zu nennen.
Aber seit einigen Jahren habe ich, wie eben gesagt, all diese Inhalte ohnehin ständig zur Verfügung. Das Besondere des Besitzes einen physischen Datenträgers fällt immer mehr weg. Wenn in absehbarer Zeit in der Filmindustrie das Stream- und Download-Geschäft sich doch mal dazu herablässt, ins Rollen zu kommen, würden sogar, wie schon beim Musik-Download, die Scheiben als Verkaufsgut wegfallen. Verkauft werden also reine Inhalte, keine Objekte, auf denen sie gespeichert sind. Und dazu sind es noch Inhalte, die immer zur Verfügung stehen, da sie keinen Datenträger zum Transport mehr benötigen.

Wenn das also so ist, und der Kauf/Besitz einer DVD, CD oder einem ähnlichen Medium nicht mehr Voraussetzung ist, um Zugriff auf gewünschte Filme, Musik oder TV-Serien zu haben, wird meine Musik- und Filmsammlung quasi überflüssig. Und daraus ergibt sich die überschriftgebende Frage, die ich für mich noch nicht beantworten kann:
Was sammeln wir jetzt?

Geht etwas verloren, wenn das Gefühl fehlt, ein konkretes Objekt zu besitzen, auf dem sich der gewünschte Inhalt befindet? Wenn ja, was? Wenn nein, ist das schlimm und wird es vielleicht sogar durch irgendwas ersetzt? Schätzen wir Musikstücke und Filme weiterhin genauso, wenn wir sie alle einfach immer bekommen können, ohne den geringsten Jagdinstinkt einsetzen zu müssen?

[EDIT 13.10.2008: Zu diesen Gedanken passt wunderbar ein Artikel drüben beim Spreeblick.]



Holzklotz statt Brett vorm Kopf
Dienstag, 8. April 2008, 00:31 Uhr
Abgelegt unter: realsatire


Die Polizei sucht ja nun immer noch die AsisVerantwortlichen, die Holzklötze von Autobahnbrücken geworfen haben. Das ist in Ordnung und man soll dazu alle Hilfmittel nehmen, die einem sinnvoll erscheinen.

Aber bin ich wirklich der Einzige, dem beim Anblick dieses Fahndungsfotos als erstes “Eminem, du Sau!!” einfiel? Mit diesem Bild eine Gang von Teenies zu jagen – da kann man auch einen Goth mit der Beschreibung suchen: “Er trug schwarz.”



From my cold dead hands
Montag, 7. April 2008, 14:18 Uhr
Abgelegt unter: film, nachruf, politik, popkultur

Nun könnense ihn endlich beim Wort nehmen.

Hin- und hergerissen, ob ausgerechnet ein Nachruf wirklich ein so guter Einstieg in ein nigelnagelneues, frischbezogenes Blog ist, habe ich mich doch für diesen Eintrag entschieden, denn es ist eine von den aktuellen Storys, zu denen ich so drauflosplappern kann, gefragt oder ungefragt.

Dass Charlton Heston nicht mehr unter den Lebenden weilt und im annehmbaren Alter von 84 Jahren gestorben ist, kann zwar nicht mehr als Neuigkeit gelten, immerhin wurde das ja schon gestern bekanntgegeben, und spätestens seit Mitte dieses Jahrzehnts ist gestern gleichbedeutend mit letzte Woche (dass gestern Sonntag und somit tatsächlich “letzte Woche” war, ist lediglich ein ironischer Zufall des Kalenders).

Dennoch überlege ich immer noch, welche abschließende Einstellung ich eigentlich zu Mr. Heston habe. Auf der einen Seite steht sein Name für sonnengebräunte Sandalen-Bombast-Unterhaltung in jedem guten Feiertags-Filmprogramm im TV, bei dem sowohl das Filmformat als auch das Pathos ohne Breitbildfernseher gar nicht adäquat dargestellt werden können.
Wenn er mit seinem kantigen Gesicht in Ben Hur zum x-ten Mal die Schikanen der bösen Römer erduldet, um anschließend in Kitsch und religiösem Quark versinkend gegen alle Widerstände doch das Wagenrennen zu gewinnen, ist das immer wieder unterhaltend und hat geradezu etwas Versicherndes, Beruhigendes: solange Charlton Heston in Technicolor in den Vierspänner steigt, geht das Osterfest seinen beruhigend gewohnten Gang.

Auf der anderen Seite war er in späteren Jahren bekannterweise Vorsitzender der amerikanischen National Rifle Association und hat ätzenden, reaktionären Schund von sich gegeben, der unter anderem in den titelgebenden Ausspruch dieses Eintrags gipfelte, mit dem er ausdrückte, wann die anderen ihm frühestens sein Gewehr aus den Händen reißen könnten.

Charlton Heston ist einer der großen Namen, wenn es um die US-amerikanische Filmgeschichte geht und ist eine von mehreren spontanen Assoziationen, die ich zu großen Leinwandspektakeln der 50er und 60er Jahre habe. Trotz Kitsch und oft übertriebenem Pathos steckt darin auch eine Qualität. Aber seine Verbohrtheit und sein erschreckendes Umschwenken zu republikanischem Erzkonservatismus in späteren Jahren hinterlassen einen verdammt üblen Beigeschmack.

Insofern erlaube ich mir jetzt, ihm endgültig seine verdammte Knarre abzunehmen – wo er jetzt ist, braucht er sie ja wohl nicht mehr.