Ein erstes Brainstorming, dem noch weitere folgen werden.
Es ist zwar schon zehn Jahre her, aber im großen Zusammenhang gesehen ist es eben doch erst zehn Jahre her, als ich wieder einmal dem überaus coolen London einen Besuch abstattete. 1998 also, der letzte Besuch im alten Jahrtausend.
Die ersten Stationen meiner eigenen Art des Sightseeings führten mich zu HMV, Virgin und Tower Records (anschließend auch zu kleineren Musikgeschäften abseits der großen Straßen).
Zum einen wollte ich neue Musik kennenlernen, was, da ich mich im Heimatland des Pop befand, sogar in den großen Ladenketten ging. Denn das, was dort selbstverständlich und mainstreamig aus den Kopfhörern schallte, wurde in Deutschland im kleinen Club deines Vertrauens oder in einer versteckten Sendung auf VivaZwei(RIP) gespielt.
Und außerdem gab es dort englischspachige Filme! Mit Betonung auf englischsprachig. Endlich Videokassetten mit original englischer Tonspur. Auch die gab es hierzulande nur per Import oder mit langen Wartezeiten in der Videothek des geringsten Misstrauens. Denn auch die Online-Shops des Internets steckten erst knapp in den Kinderschuhen.
Diese Kleinode wurden mit leuchtenden Augen gekauft, nur selten habe ich im Kopf die geforderten Pfund-Preise in horrende D-Mark-Preise umgerechnet, und selbst wenn, war die Aussicht, diesen Film in der Originalfassung oder diese CD endlich selbst in Händen zu halten, ohnehin das entscheidende Argument.
Wieder in Deutschland, habe ich mehr als einmal meinen Kabelnetzbetreiber verflucht, weil er West3, auf dem häufiger Filme in Zweikanalton ausgestrahlt wurden, per Satellit ins Netz einspeiste und deshalb nur schnöder, deutscher Einkanalton übrigblieb.
Mittlerweile lasse ich mir per Mausklick CDs unter deutschem Ladenpreis aus den USA schicken, die in Neuseeland abgefertigt werden. Der CD-Katalog wird nicht mehr durch einen Händler hinterm Tresen zur Verfügung gestellt, sondern ich selbst habe in meinen eigenen vier Wänden am Bildschirm Zugriff auf den “Weltkatalog” der Musik.
(Fast) Jede deutsche DVD-Fassung eines nicht-deutschssprachigen Films enthält die Originaltonspur (“Ich hab ja neulich Tiger and Dragon auf Mandarin gesehen; ganz anderer Wortwitz!”). Man muss einen deutlich exotischeren Filmgeschmack haben als früher, um darüber zu stolpern, dass es bestimmte Filme noch nicht in die deutsche DVD-Veröffentlichung geschafft haben, auch wenn es hier durchaus noch bestimmte Defizite gibt (wann werden z.B. endlich Robert Altmans The Player, Short Cuts und Alan Rudolphs Mrs Parker and her vicious circle in anständigen Editionen auf den Markt geworfen?).
Auch TV-Serien, die auf Video nur spärlich veröffentlicht wurden, überschwemmen den Markt, von hochwertig bis zu “Mein Gott, das hat jemand nochmal auf DVD gepresst??”.
Hinzu kommt, dass ich, wenn ich denn wollte, durch EMule, Torrent und Konsorten jeden nur erdenklichen Film, jede TV-Serie und jedes Musikalbum sehen und hören könnte, gelegentliche längere Wartenzeiten wegen mangelhafter Verfügbarkeit zugestanden. Selbst amazon.de hat einen riesigen DVD-Verleih, wodurch auch die Videothek um die Ecke ihre Wichtigkeit verloren hat.
Wenn ich denn also will, bekomme ich jeden filmischen oder musikalischen Inhalt auf meine Festplatte oder ins Haus. Zu jeder Zeit. Von moralischen und urheberrechtlichen Bedenken abgesehen: ohne Einschränkung.
Und ja, es ist fantastisch, nicht mehr auf den guten Willen oder das (mangelnde) Wissen eines Plattengeschäft-Mitarbeiters angewiesen zu sein, wenn man da neulich so’n bestimmtes Lied gehört hat. Klar ist es ein herrliches Gefühl, sich recht sicher sein zu können, einen Film, den man sehen will, auf DVD zu bekommen und in der gewünschten Sprache anschauen zu können.
Aber was macht das mit mir? Wie beeinflusst dieser Umstand meine Wahrnehmung und Wertschätzung dessen, was ich an medialer Unterhaltung konsumiere? Wie groß ist die Freude, eine CD oder auch nur ein bestimmtes Musikstück gefunden zu haben (und dazu gleich zu besitzen!), wenn ich lediglich in einem Programm oder auf einer Online-Shop-Website die Suchfunktion verwenden muss und mich nicht einmal aus dem Haus bewegen brauche?
Ein Bekannter von mir meinte kürzlich: “Ich hab jetzt 160 Gigabyte MP3s auf meiner Festplatte, ich weiß gar nicht, wie ich mich da jemals durchhören soll.” Das war der Moment, in dem mir auffiel, dass mein CD- und DVD-Sammeltrieb auf einem ganz ähnlichen Prinzip beruhte: Ich war froh und glücklich, dass ich durch den Besitz die Möglichkeit erhielt, zu jeder Zeit “da ranzukommen”. Das war das Besondere daran, eine CD oder DVD sein Eigen zu nennen.
Aber seit einigen Jahren habe ich, wie eben gesagt, all diese Inhalte ohnehin ständig zur Verfügung. Das Besondere des Besitzes einen physischen Datenträgers fällt immer mehr weg. Wenn in absehbarer Zeit in der Filmindustrie das Stream- und Download-Geschäft sich doch mal dazu herablässt, ins Rollen zu kommen, würden sogar, wie schon beim Musik-Download, die Scheiben als Verkaufsgut wegfallen. Verkauft werden also reine Inhalte, keine Objekte, auf denen sie gespeichert sind. Und dazu sind es noch Inhalte, die immer zur Verfügung stehen, da sie keinen Datenträger zum Transport mehr benötigen.
Wenn das also so ist, und der Kauf/Besitz einer DVD, CD oder einem ähnlichen Medium nicht mehr Voraussetzung ist, um Zugriff auf gewünschte Filme, Musik oder TV-Serien zu haben, wird meine Musik- und Filmsammlung quasi überflüssig. Und daraus ergibt sich die überschriftgebende Frage, die ich für mich noch nicht beantworten kann:
Was sammeln wir jetzt?
Geht etwas verloren, wenn das Gefühl fehlt, ein konkretes Objekt zu besitzen, auf dem sich der gewünschte Inhalt befindet? Wenn ja, was? Wenn nein, ist das schlimm und wird es vielleicht sogar durch irgendwas ersetzt? Schätzen wir Musikstücke und Filme weiterhin genauso, wenn wir sie alle einfach immer bekommen können, ohne den geringsten Jagdinstinkt einsetzen zu müssen?
[EDIT 13.10.2008: Zu diesen Gedanken passt wunderbar ein Artikel drüben beim Spreeblick.]
Bisher 4 Kommentare
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ja. gute frage. schwierige frage. mein erster gedanke grad war: mensch, dann werden die regale wieder frei! platz für….? bücher werden ja nicht aussterben. also vielleicht bücher. oder andenken aus fernen ländern. oder man richtet sich einfach sparsamer mit regalen ein.
mir machen so entwicklungen ja immer erstmal angst. schon allein die vorstellung dass ich fleißig cds gesammelt habe und ich die dann irgendwann einfach in die tonne treten kann. sehr unschön. zumal andere dann schon seit jahren nur noch datenmengen sammeln und sich ins fäustchen lachen.
ich hab jetzt ‘grad mal’ 18,5 GB musik. und schon davon kenn ich nicht alles. aber das meiste. und viel mehr muss es auch grad nicht sein.
Kommentar von meera am 10.04.2008 um 17:20Ja, ich hab auch schon mein ja doch recht stattliches CD/Vinyl-Regal beguckt und überlegt, was stattdessen da reinkönnte, sollte die Musik dort jemals rauskommen. Aber ich mag mich nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass der Besitz von Musik “nichts mehr wert” ist. Also nicht im materiellen Sinne “Löse Musiksammlung auf, möchte 10000 EUR”; sondern im Sinne von “Du kommst ohnehin jederzeit an viel mehr Musik als du da im Schrank stehen hast, was soll sie noch dort im Schrank?” Der Gedanke ist mir einfach noch zu gruselig.
)
[...] hat. Unser Umgang mit Informationen, die Verfügbarkeit von (zuviel) Informationen, und natürlich die Selbstverständlichkeit dieser Verfügbarkeit. Mal sehen, wie sich die kommenden zehn Jahre in zehn Jahren anfühlen. Bisher keine Kommentare [...]
Pingback von Du spürst das Gras… am 14.09.2008 um 14:50[...] Bis man auf VHS auf so etwas wie eine Originalfassung eines simplen Bogart-Films herankam, waren viel Geld und viel Geduld nötig, oder aber man resignierte lieber gleich. Das ist im Jahrzehnt der DVD dankenswerterweise [...]
Pingback von Du spürst das Gras… am 28.10.2009 um 19:01Einen Kommentar hinterlassen