Du spürst das Gras…
…hier und da bewegt sich was, es macht dir Spaß, nein es ist nicht nur das…

Wortspiel mit "Obama" bitte hier einfügen
Sonntag, 27. Juli 2008, 12:42 Uhr
Abgelegt unter: hirnwindung,polemik,politik,us-wahl

Einmal noch das Thema Obama, nur einmal noch.
Nun, da der Mann wieder weg ist und in Berlin vor allen Ernstes 200.000 Menschen gesprochen hat, bleibt ja noch die Frage, die sich nach jedem Ereignis stellt: “Und, wie war’s?”
Neulich geriet ich darüber in ein Zwiegespräch zwischen mir und mir selbst:

Ich: Wieso jubeln die Deutschen einem Amerikaner zu, der weder US-Präsident noch offiziell Präsidentschaftskandidat ist, als wenn er der Heilsbringer wäre?

Ich: Weil es gut tut, einem Amerikaner zuzuhören, der kein akustisch unverständliches Kaugummi-Englisch redet, der zusammenhängende Sätze sprechen kann, und der uns nicht automatisch den Bösen zurechnet.

Aber ist das nicht die Grundvoraussetzung eines aufgeklärten Menschen allgemein?

Ja, klar.

Wenn Obama damit also lediglich Grundvoraussetzungen erfüllt, ist das doch noch nichts, was ihn auszeichnet?

Ja, was diesen Punkt angeht, sagt das weniger über die Qualität Obamas aus, sondern mehr über das riesige Ausmaß an Schaden, den die unglaubliche Arroganz, Dummheit, Primitivität und Engstirnigkeit George W. Bushs angerichtet hat. Dessen Attitüde ist so ablehnenswert, dass schon das Auftreten Obamas als deutlicher “Nicht-Bush” ihm schon viele Sympathien bringt.

Soll das heißen, dass sein freundliches Auftreten verschleiert, dass auch Obama einige Standpunkte vertritt, die den Deutschen eigentlich gar nicht schmecken?

Richtig. Im Presseclub der ARD wies jemand darauf hin, dass McCain oder Bush bestimmte Positionen (Afghanistan etc.) auch hätten vertreten können, bei einer vergleichbaren Veranstaltung aber ausgepfiffen worden wären. Der Mann hat so eine Ausstrahlung, dass er auch unbehagliche Ansichten verkünden kann, und das (deutsche) Volk jubelt trotzdem.

So ein Mechanismus ist doch auch bedenklich, oder? Wenn man das weiterdenkt, kriegt das ja den Touch, dass er sagen (und letztendlich machen) kann, was er will, weil er durch sein Charisma die Leute trotzdem auf seine Seite zieht.

Ja, natürlich.

Wenn er in der öffentlichen Wahrnehmung quasi machen kann, was er will, was unterscheidet ihn dann von Bush?

Hrgs.

Aber wenn dem schon so ist, fragt man sich doch, was eigentlich diese Keimfrei-Aktion sollte, dass in den Zuschauermassen keine Plakate erlaubt waren?

In der Tat, auch wenn das ein Wahlkampf-Auftritt für die US-Wahlen war, bei dem man schöne Bilder in die USA senden will:
Was mich wirklich aufgeregt hat, war, dass sich niemand drüber aufgeregt hat. Stell dir mal vor, bad old Bush wäre hier gewesen und hätte dergleichen verlangt! “Missachtung der Grundrechte! Passt zu dem!” und was hätte es nicht alles geheißen. Aber wenn einer so strahlend daherkommt, murrt allen Ernstes keiner, wenn angeordnet wird, ihm bloß nicht durch ein Plakat gegen die Todesstrafe oder Ähnliches in die Suppe zu spucken.

Übernimmst du jetzt meine Sichtweise?

Nee, so nun doch nicht, aber das hat mich echt geärgert. Es ist vertrackt, denn es gibt einiges, was ich an diesem Auftritt geschätzt habe:
Nach acht endlosen ekelhaften Jahren Bush, tritt mal wieder ein charismatischer Amerikaner auf, der sich ausdrücken kann, der versöhnliche statt distanzierende Worte spricht, der uns nicht als Achse des Bösen der Feiglinge betrachtet, der einen Gegenpol zum Amtsinhaber bildet und endlich zumindest wieder das Gefühl vermittelt, dass da einer nicht auf die Ansicht der gesamten Weltgemeinschaft scheißt, sondern sich halbwegs wieder wie ein Teil von ihr aufführt. Einer, dessen Charisma auch für mich beeindruckend ist. Das ist grundsätzlich was wert.
Was davon bleibt, ist abzuwarten und kann sehr enttäuschend werden, aber schon allein, dass er überhaupt mit dieser Haltung auftritt, ist einfach eine Wohltat.

Gleichzeitig hat das Ganze so eine gemachte und strahlende Oberfläche, und die Inszenierung der Obamania hat so viel Eigendynamik entwickelt, dass kritische, hinterfragende oder überhaupt nur abwartende(!) Standpunkte unterdrückt werden oder als “überskeptisch” abgestempelt werden.
Und wenn allen Ernstes ein wahrscheinlicher US-Präsidentschaftskandidat eine öffentliche Rede in Deutschland hält, und seine Kampagnenhelfer ohne Widerstand durchsetzen können, dass Plakate im Publikum nicht erlaubt sind und sich niemand an dieser Tatsache stört, stellt sich die Frage, mit wieviel Sachlichkeit sein Auftritt in Deutschland wahrgenommen wird.

Und spätestens dann kriegt das von ihm in seiner Anspache vermittelte Wir-Gefühl den seltsamen Beigeschmack, dass die deutschen Zuhörer reine Wahlkampfhelfer sind, die keineswegs als Partner ernstgenommen werden, weil sie lediglich Komparsen in der strahlenden Inszenierung sind und zumindest in Sachen Widerworte die Klappe zu halten haben.

Ich sehe, wir verstehen uns. Außerdem: Jeder scheinbare Umbruch nach einer politschen Ära hatte zunächst den Anstrich des frischen Neuanfangs und eines “Jetzt wird’s anders”, denk doch nur mal an Schröder nach 16 Jahren Kohl, oder an Blair nach 18 Jahren Thatcher und Major. Und, fühlte es sich wenige Jahre nach dem Wechsel noch irgendwie gut an?

Wohl wahr. Also, wenn du zugestehst, dass es sich zumindest im Moment mit Obama wieder anders und wohlwollender anfühlt als mit Bush, bin ich gerne bereit, die Obamania weiterhin wohlwollend, aber deutlich skeptisch weiterzuverfolgen.

Abgemacht. Und wie überflüssig werden all diese Gedanken gewesen sein und wie ratlos werden sich alle umgucken, wenn’s im November doch der McCain wird.

Hrgs.



"ObamaQuest – Fellowship of the Rhine"
Samstag, 26. Juli 2008, 15:08 Uhr
Abgelegt unter: link,politik,tv,us-wahl

Es ist an der Zeit, darauf hinzuweisen, dass man sich die kompletten Episoden der Daily Show mit Jon Stewart im Netz anschauen kann. Sollte es einen beunruhigen oder beruhigen, dass zu den treffenderen Blickwinkeln auf die amerikanischen Politik diejenigen eines Comedians gehören?
Egal, der Mann hat’s drauf, und die Folgen der aktuellen Woche (21. – 24. Juli) beschäftigen sich sehr witzig und treffend mit den Unterschieden der Berichterstattungen über Obama und McCain. Aus gegebenem Anlass ist natürlich die Ausgabe vom 24. Juli über Obamas Berlin-Besuch besonders zu empfehlen. Aber auch seine Sezierung der Aufregung um die Titelseite des New Yorker ist schön beißend.



I take pride in the words: Ich bin eine Siegessäule!
Sonntag, 20. Juli 2008, 17:32 Uhr
Abgelegt unter: politik,us-wahl

Er ist (mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit) Präsidentschaftskandidat. Auch wenn Barack Obama in den hiesigen (und offenbar auch in den amerikanischen) Medien deutlich präs(id)enter zu sein scheint, sollte einen dieser Eindruck nicht darüber hinwegtäuschen, dass er erstens nicht Präsident der USA ist und zweitens erst einmal noch gegen einen gewissen John McCain gewinnen muss, bevor er Selbiges werden kann.

Nun will Obama also in Berlin sprechen, und egal, wo er auftreten soll, rührt sich Widerstand, weil jeder optische Hintergrund seines Rednerpults einen viel zu geschichtlichen hat. Nachdem Angela Merkel das Brandenburger Tor als Ort der Veranstaltung abgelehnt hatte, wurde nun die Siegessäule auserkoren, das Dekor für seine Rede am 24. Juli zu stellen.

Dies wiederum wird von anderen deutschen Politikern kritisiert, da die Siegessäule an die Siege Preußens gegen Dänemark (1864), Österreich (1866) und Frankreich (1870/71) erinnert und somit für die damalige Ansicht der deutschen Überlegenheit steht. Unvermeidlich für eine Diskussion um deutsche Geschichte wird natürlich auch wieder Adolf Hitler erwähnt, der die Säule von ihrem ursprünglichen Platz vor dem Reichstag auf ihren heutigen Platz versetzen ließ. Natürlich wird ihm die Symbolik der Siegessäule gefallen haben, aber macht die Tatsache, dass Nazis ein Denkmal für sich missbraucht haben, es damit automatisch tabu?

Besonders, wenn man hinzunimmt, dass die Siegessäule in den letzten 20 Jahren jährlich von hunderttausenden Ravern, Public Viewing-Massen und TeilnehmerInnen des Christopher Street Day umströmt wurde, was ein mehr als deutliches Zeichen gegen ihre urspüngliche und hässliche Bedeutung ist?

Die grundsätzliche Überlegung, ob ein Ort für eine bestimmte Person oder Rede angemessen ist, mag ja verständlich und gerechtfertigt sein. Nur stellt sich die Frage, ob es irgendeinen Fleck in Berlin gibt, den man nicht vor dem Hintergrund der Geschichte betrachten (und somit ablehnen) kann. Auf welchen Platz, vor welches Gebäude kann sich überhaupt jemand hinstellen, ohne dass der Ort nicht in irgendeiner ekelhaften Weise von jemandem instrumentalisiert wurde?

Es ist anzunehmen, dass Obamas Rede viel heiße Luft enthalten wird. Aber aus seinen bisherigen geäußerten Positionen ist ebenso zu schließen, dass diese Luft wenigstens angenehmer, versöhnlicher und intelligenter “duften” wird als jene der Reden des amtierenden US-Präsidenten. Wenn also schon jeder Ort Berlins irgendwie von der deutschen Geschichte “verseucht” ist und Obama in Berlin eine Rede halten will, dann soll er sie doch vor der Siegessäule halten dürfen.

Schließlich sind solche Anlässe weitere gute Gelegenheiten, um dem “belasteten” Ort ein positives Zeichen entgegenzusetzen. Der Kontrast zu dem, was diesen Ort dann historisch umweht, kann diesem positiven Zeichen nur dienlich sein.



Super-Symbolfoto
Mittwoch, 9. Juli 2008, 13:42 Uhr
Abgelegt unter: aufreger,fundstücke,politik,realsatire

Normalerweise sind Stefan Niggemeier oder in Vertretung Coffee And TV für Super-Symbolfotos zuständig, aber dieses Fundstück ist einfach so gut, dass ich mir einfach mal anmaßen möchte, mich in die Reihe von Symbolfoto-Einträgen, äh, einzureihen.

Der Weser Report, die “auflagenstärkste Anzeigenzeitung in Bremen und Umgebung” (soll heißen: das, was den Briefkasten vollmacht, wenn man ihm keinen “Keine Werbung”-Aufkleber verpasst), berichtet über einige geistig verwirrte Schüler, die letzte Woche die Idee hatten, aus Bremen ein Erfurt, Littleton zu machen.

Den größten Platz auf der Titelseite beansprucht das den Artikel begleitende Bild, dessen Unterschrift wahrlich durch journalistische Exaktheit besticht. Und denjenigen, die nicht die Zeit oder die Nerven haben, die Meldung zu lesen, sei verraten: im gesamten Artikel werden Videospiele noch nicht einmal erwähnt. Aber da der Zusammenhang ja allgemein bekannt und selbstverständlich ist, kann man so’n passendes Bild ja schon mal bringen.