Du spürst das Gras…
…hier und da bewegt sich was, es macht dir Spaß, nein es ist nicht nur das…

Tita hüpf!
Freitag, 17. Oktober 2008, 21:41 Uhr
Abgelegt unter: aufreger, musik, polemik, popkultur, tv

Liebe Polylux-Redaktion,

ich bin 38 Jahre alt [Orchester-Akkord, Reifenquietschen, rasante Kamerafahrten auf entsetzte Gesichter von Passanten in den Straßen, verzweifelte "Nein!"-Rufe und Angstschreie, "Mann krass, Alde, ischglaubdasnich, und so'n Jopi Heesters hab ich gelesen, ey!", kopfschüttelnd vorne rechts aus dem Bild laufend].

[mit säuerlicher Miene meine in solchen Situationen unvermeidliche Grampa-Simpson-Stimme aufsetzend:]
Warum schreien die Leute grade so, und worauf wollte ich eigentlich hinaus?

Ach ja:
Herr Niggemeier hat mal Eurer Ansicht nach ganz gemein über Euch geschrieben, dass Eure Sendung nur noch in einem Sinne funktioniere, nämlich “als Gradmesser, um das Ende eines Trends zu bestimmen: ‘Ist XY eigentlich noch angesagt oder hat ‚Polylux’ schon was drüber gemacht?’”

Nach langer Zeit hab ich gestern mal wieder bei Euch reingeschaut, und in besagter Sendung vom 16.10.2008 habt Ihr Jumpstyle als neuen Jugend-Tanz-Trend vorgestellt. Obwohl ich nun oben erwähntes Alter erreicht habe, habe ich vor ungefähr einem dreiviertel Jahr zum ersten Mal davon gehört und prompt die ersten Youtube-Videos gesehen, die es zu der Zeit schon mindestens ein halbes Jahr gab.
Mittlerweile wird man dort mit Videos aus der Richtung erschlagen, auch mit solchen, in denen nicht nur 10 einsame Streiter, sondern ganze Fantreffen zu sehen sind.

Mein Empfinden: Der Tanzstil hat Step-Anleihen und sieht auch ein bisschen wie Breakbeat auf Valium aus, höhö (damals, frühe Prodigy und so, sehr sympathisch). Die Musik hat vom Stumpfheitsgrad her Charly-Lownoise-, Gabber- und Scooter-Anleihen (nicht sehr sympathisch). Uuuund abgehakt.
Ob ich selbst so tanzen will, steht auf einem anderen Blatt. Hätt ich aber drauf. Locker. Klar. Kein Ding.

Also, ich bin ja grundsätzlich der Auffassung, dass wir in den nächsten Jahren, noch mehr als jetzt schon, eine Gleichzeitigkeit von Trends haben werden, die von niemandem mehr komplett kartografiert werden kann, weshalb es immer häufiger vorkommen wird, dass man von Dingen hört, die “in anderen Kreisen” schon lange in oder schon wieder out sind.

Aber wenn Ihr Polyluxer schon für Euch in Anspruch nehmt, ein aktuelles Lifestyle-Magazin zu sein: werdet Ihr nicht skeptisch, wenn ausgerechnet ich (und deshalb das Intro dieses Textes) Euch diese Infos so auftischen kann?
Außerdem lautet Euer Urteil – wie frisch, wie raffiniert in der Formulierung – “Der Tanz sieht ziemlich seltsam aus.”
Die distanzierende süffisante Ironie im Off-Kommentar funktioniert übrigens nur dann gut, wenn sie nur dosiert eingesetzt wird. Ansonsten wird da nämlich angestrengt-herablassendes Berlin-Mitte-Geplapper draus. Das man genau deshalb am besten ignoriert.

Aber wer tatsächlich jemandem Raum gibt, der die Plastik-Umhängetasche zum Symbol fürs Nicht-Erwachsenwerden erklärt, nimmt sowas vermutlich ohnehin nicht mehr wahr.

Herr N. hatte wohl wirklich recht. Wieder eine Sendung, bei der ich nicht das Gefühl zu haben brauche, etwas zu verpassen, wenn ich sie nicht sehe.


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