Es ist grad verdammt kalt in Deutschland. Was wie eine Metapher klingt, ist jetzt mal ganz wörtlich gemeint. Temperaturen jenseits von -20 Grad hat man hier wirklich nicht alle Tage. Klar, dass das ein Thema in den Nachrichten ist. Die Kälte hat auch ungewöhnliche (und damit erwähnenswerte) Auswirkungen: Gasleitungen eingefroren, Teile des Binnenschiffsverkehr eingestellt, Löschschaum der Feuerwehr friert auf dem Boden fest. Ob damit nun ein ARD-Brennpunkt wie gestern Abend gerechtfertigt ist, erscheint mir dennoch fragwürdig; über dessen Informationsgehalt hat Stefan Niggemeier bei FAZ.net wieder sehr schön berichtet.
Was mich hingegen den Kopf schütteln lässt, ist der seltsame Umstand, dass die Reaktionen der Menschen so völlig unvorbereitet, ratlos, engstirnig und wütend ausfallen:
- Ein Bäcker, der auf Grund einer defekten Gasleitung keine Backwaren produzieren konnte, berichtet von “wütenden Kunden”, weil diese keine Brötchen bekommen hätten.
- Bei mehreren der zahllosen Unfälle auf irgendeiner Bundesstraße hieß es, dass da noch Leute mit Sommerreifen unterwegs waren.
- An der Tanke kaufen die Leute die Regale mit Entfroster leer, weil sie ausgerechnet im Januar offenbar keinen Entfroster zuhaus haben.
- Wie lang die Feuerwehr, der Streudienst, das THW oder sonstwer gebraucht hat, bis sie am Einsatzort waren, XY erledigt haben usw., ist ebenfalls etwas, das für Unmut sorgt.
- Und bei der Deutschen Bahn beschweren sich Kunden, weil die Beeinträchtigungen durch diese extreme Kälte dazu führen, dass nicht alle Züge pünktlich sind oder gar, oh Graus, ausfallen.
Den schwachen Gag, dass sie doch sonst auch nicht pünktlich wären, lasse ich mal beiseite und gucke mir an, was Sache ist:
In Deuschland ist es scheißkalt. Es fällt Schnee. Es gibt Glatteis. Es friert.
Leitungen, Scharniere, Heizungen, Ventile, Motoren, Weichen, alles mögliche kann ein-, zu- oder abfrieren. Straßen können unpassierbar werden. Flüsse können zufrieren. Pkw, Lkw, Züge, Feuerwehren oder Busse können vielleicht nicht anspringen oder bleiben irgendwo stecken. Und. So. Weiter.
Anders gesagt:
Wenn richtig Winter ist, ist das öffentliche Leben eingeschränkt.
Das ist so. Und das war auch schon immer so.
Die Tatsache, dass die Winter der letzten Jahre eher mild waren, heißt nicht, dass wir vergessen dürfen, dass wir in der gemäßigten Klimazone leben, in der es, verdammt noch mal, auch richtigen Winter gibt! Mit all den Auswirkungen, die wir grad erleben.
Und da gibt es Menschen, die sind schwer irritiert, überfordert, ratlos und verärgert, weil im tiefsten Winter in Deutschland nicht alles genauso reibungslos läuft wie an einem milden Frühlingstag?
Aber die werden sich wahrscheinlich an eben jenem Frühlingstag auch darüber beschweren, dass ein Orkantief ihnen die Blumenzwiebeln im Vorgarten in Unordnung bringt und lamentieren, dass die Polizei das nicht verhindert hat.
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