In einem Gebrauchsgegenstand kann soziologischer Sprengstoff stecken. Denn jeder, der eine Umhängetasche trägt und vielleicht schon Mitte 30 ist, ist nicht erwachsen. Sagt zumindest Martin Reichert in Wenn ich mal groß bin. Das Lebensabschnittsbuch für die Generation Umhängetasche (Fischer Verlag, 2008).
Es ist kein Sachbuch, denn dazu ist es zu unsachlich. Als Polemik geht es wohl noch durch.
In diesem Buch setzt Reichert voraus. Und zwar ständig.
Die Leserschaft, die von ihm, total erwachsen, gesiezt wird, sitze ja vor einem MacBook, das ja die Eltern oder Großeltern der Leserschaft spendiert hätten.
Die Leserschaft verstehe sich ja in langzeitadoleszenter Manier auf dem Job immer besser mit den Praktikanten als mit den Arbeitskollegen.
Sie würde bestimmte Klamotten tragen (Kapuzenshirts! Converse!).
Sie würde immer noch Pop-Musik hören. Mit einem iPod.
Sie würde keine vernünftigen Möbel besitzen, sondern immer wie “auf dem Sprung” eingerichtet sein.
Wer es noch nicht begriffen haben sollte: all diese Dinge sind daneben und ziemen sich selbstverständlich nicht mehr, wenn man laut Reichert (Jahrgang 1973) wirklich erwachsen ist.
Auch im Job, wo “man” sich ja als Freelancer durchschlägt, hat “man” Angst vor den ehrgeizigen, jüngeren Emporkömmlingen und ist besonders deshalb in der Karriere noch nicht vorangekommen, weil “man” sich eben in berufsjugendlicher Art nicht genug bemüht hat. (Ist so ein Blick auf den aktuellen Arbeitsmarkt jetzt altbacken, naiv oder zynisch?)
Dass jemand überdenken sollte, ob er für die wieder in Mode gekommenen Röhren-Jeans noch die passende Figur hat, ist ein Allgemeinplatz Reicherts, der weder für eine Generation noch für einen selbstständig denkenden Menschen überhaupt einen Mehrwert hat. Deswegen genügt ihm diese Aussage auch nicht, sondern er muss noch einen draufsetzen:
Es kann Sie ja niemand zwingen – aber ist Ihr jetziger Kleidungsstil wirklich das Nonplusultra für den Rest Ihres Lebens? Soll das immer so weitergehen?
Ein erwachsener Mensch ist “ordentlich” gekleidet [Ach was?!].
Außerdem müsse man doch endlich einsehen, dass man nicht mehr so viel Alkohol verträgt, und so oft Party machen ginge ja nun auch nicht mehr. Und man soll sich gefälligst eine(n) feste(n) Sexualpartner(in) suchen. Des Weiteren schaue man zuviel infantile Comedy, erwachsener Humor hingegen sei so etwas wie Dittsche.
Außerdem soll, bahnbrechender Tipp, keine Poser-Karre, sondern ein sparsames und vernünftiges Auto gefahren werden, von dessen Rücksitz aber der Schlafsack des Roskilde-Festivals 2002 endlich entsorgt werden soll(?).
Und nicht immer alles fotografieren, sondern es auch wirklich selbst erleben.
Der eine oder andere Satz in diesem Buch ist nicht grunsätzlich verkehrt. Auch das eine oder andere Detail ist würdig, darüber nachzudenken. Aber selbst diese wenigen ansprechenden Punkte sind wieder als herablassender Ratschlag formuliert und werden vom Autor manisch in die Kategorien “unerwachsen/schelcht” und “erwachsen/gut” einsortiert.
Das gesamte Buch hindurch nimmt Martin Reichert an, was seine Leserschaft macht, wie seine Leserschaft denkt, wie sie aussieht, wie sie sich benimmt und was sie will oder nicht will.
Und dann beschreibt er, dass Erwachsene anders sind als seine Leserschaft. Er sagt also, dass Erwachsensein anders ist als das, was er von seinen Lesern annimmt(!)…
Permanent legt er den Lesern Worte in den Mund oder Verhaltensweisen nahe, um dann mit erhobenem Zeigefinger den nervenden Großonkel auf einer Familienfeier zu spielen, der einen schon immer mit “Wenn du erst mal verheiratet bist”-Sprüchen genervt hat.
Wer eigentlich gleich diese ganze “Generation” sein soll, gegen die Reichert sich richtet, wird im gesamten Buch nicht klar, spätestens ab Seite 10 fragt man sich: “Welche seltsamen Exemplare unserer Gesellschaft hat dieser Mann getroffen und weshalb meint er darin eine ganze Generation zu erkennen?”
Vielleicht soll so manche Formulierung sogar ironisch und nicht so ernst gemeint sein, damit verstieße der Autor aber gegen seine eigenen Grundsätze, denn als Erwachsener hat man die Dauerironie ja hinter sich gelassen. Und 235 Seiten kann man nicht mit Ironie oder “lockerem Ton” rechtfertigen.
Und so bleibt nur der Schluss, dass er sein vor Arroganz triefendes Dozieren tatsächlich ernst meint.
Weshalb die Frage bleibt, was genau Reichert da eigentlich so vehement verurteilt und was er so dringend als erwachsenes (sprich: “richtiges”) Verhalten verteidigen möchte.
Denn: ist es besonders erwachsen, sich über eine Unmenge von Gegenständen, Ansichten, Verhaltens- und Lebensweisen in panischer Manier Gedanken zu machen, ob diese auch wirklich absolut zu einem “erwachsenen” Erscheinungsbild passen?
Wenn ich mal groß bin ist ein widerliches, nervtötendes Buch, dessen Autor mit erhobenem Zeigefinger und in herablassendem Ton seine eigene ekelerregende unfassbare Spießigkeit als fortschrittliche Änderung der Lebensweise einer ganzen Generation verkaufen will. Einer Generation, die so alt ist wie er, die er aber ablehnt. Weil er ja jetzt erwachsen ist.
Ein Geisterfahrer? Tausende!
Bisher 7 Kommentare
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Jetzt hast Du mich verdammt scheisse neugierig auf dieses Buch gemacht!
Kommentar von janni am 24.06.2009 um 16:10
Kannst ja mal gucken, ob du es so wie ich in der Stadtbibliothek finden kannst, Geld würd ich dafür nicht ausgeben wollen.
OK, ich schaue mal. Danke jedenfalls für den Beitrag über das Buch, sowas kannst Du sehr gerne öfter machen, bin ja auch immer auf der Suche nach neuem Lesestoff.
Danke für den Buchtip! Geeignet für die Sommerferien!
Kommentar von Sportwetten am 30.06.2009 um 20:25jetzt musste ich doch tatsächlich erst mal googlen, was “dittsche” ist! spricht das nun für oder gegen mich? ist “man” aus buchperspektive auch erwachsen, wenn man die erwachsenen-comedy nicht kennt?
Hehe, gute Frage! Sehr interessante Überlegung, denn wie “man” denn in der Kategorisierung so dasteht, wenn man tatsächlich nur sehr wenig TV schaut oder Vieles darin “ausblendet”, wär ja schon interessant gewesen.
Dittsche ist für mich ohnehin sehr zwiegespalten, denn auf der einen Seite schätze ich Olli Dittrich sehr dafür, dass er die Figur des Dittsche so darstellen kann.
Auf der anderen Seite geht mir die Figur, gerade weil sie so “echt” ist, tierisch auf den Geist. Gerade weil er diese Art von Leuten, um die ich einen Bogen mache, so treffend darstellt, kann ich Dittsche einfach nicht gut angucken.
und was noch viel schlimmer ist: seit tagen überlege ich nun, was denn bloß als alternative zu umhängetaschen in frage kommt. handtaschen? aktenkoffer? rücksäcke? (aber die gelten ja sicher auch als nicht-erwachsen!) strandtaschen??! ich bin quasi verzweifelt… steht dazu was im schlauen buch?
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