Du spürst das Gras…
…hier und da bewegt sich was, es macht dir Spaß, nein es ist nicht nur das…

Geschichten für eine immer schneller werdende Kultur
Mittwoch, 28. Oktober 2009, 18:45 Uhr
Abgelegt unter: film, hirnwindung, medien, polemik, politik, popkultur

So lautet der Untertitel von Douglas Couplands Buch “Generation X”. Das im Jahr 1991 erschienen ist. Herrje, vor gut 18 Jahren also. Zu der Zeit stieg die beschriebene Beschleunigung noch so gemächlich an, dass Handys nicht verbreitet waren und nicht annähernd die bescheidenen Außenmaße hatten, wie wir sie jetzt kennen. Das Internet war zwar da, wurde aber nicht von einer breiten Masse verwendet, und die Übertragung größerer Datenmengen, wie sie für Musik oder gar Videos benötigt wurden, waren im wahrsten Sinne des Wortes Zukunftsmusik.

Was war das spannend und schön, diese ganze technische Revolution und die damit verbundene kulturelle/soziologische Veränderung bewusst mitzuerleben, besonders, wenn man noch die Zeit “vor dem Internet” kennt.

Noch in der ersten Hälfte dieses Jahrzehnts gab es kein Youtube, und user generated content wurde zu einem überwiegenden Teil durch html-Kenntnisse ermöglicht.

Ich bin jetzt Ende 30 und kenne in groben Zügen HTML und CSS, ich habe eine Website betrieben, ich schreibe in einem Blog, lese meine RSS-Feeds von anderen Blogs und lese mehr Online-Inhalte als Tageszeitunge. Bezogen auf den Teil meiner Freunde, die nicht jünger sondern in meinem Alter sind: Gegenüber denen bin ich, ich muss es so sagen, in Sachen Internet-Affinität voraus. So seltsam sich das auch für mich selbst sowie für jeden unter 30 anhören muss.

Ich liebe das alles, die Vernetzung, die Möglichkeiten, den Zugriff auf so unglaublich viel Musik, Film, Information, Meinungsaustausch. Mein DSL- ist mir wichtiger als mein Telefon-Anschluss.

Trotzdem erwische ich mich dabei, wie ich denke, dass Couplands Untertitel erst heutzutage so richtig greift. Denn ich werde den Eindruck nicht los, dass die Informationsmöglichkeiten meinen Kenntnisstand etwas schizophren werden lassen:

Auf der einen Seite kann ich mich genauer als je zuvor über alle z.B. politischen Vorgänge informieren, mein Hintergrundwissen hat subjektiv mit der Hilfe des Internets tatsächlich zugenommen. Einfach, weil man mal eben (und dieses nebenbei-hafte ist dabei sehr wichtig) Stichworte wie “Überhangmandat” nachschauen kann. Und eben auch so etwas wie “CDU-Spendenaffäre”, das man im Brockhaus (ein Lexikon, die deutlich Älteren werden sich erinnern) garantiert nicht finden konnte.

Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass ich immer weniger einen Überblick über die tagesaktuellen politischen Geschehnisse habe. Woher kommt es, dass ich den Eindruck habe, früher “besser” darüber informiert gewesen zu sein, wer sich wo wie geäußert hat oder wer welches Gesetz durchdrücken will?

Dauerten Skandale (Bestechung, üble Nachrede, Nazi-Vergleiche, ungeschickte Äußerungen, Gesetzesänderungs-Vorschläge, Umweltverschmutzung durch Konzerne, was auch immer) früher wirklich länger oder mahlten die Medien-Mühlen einfach langsamer, weil sie ausschließlich von Presse und TV geprägt waren?

Weshalb kann ich mich immer noch an politische Fehltritte der 80er und 90er erinnern, musste aber bei Rob Savelbergs wunderschöner Frage an Frau Merkel tatsächlich kurz überlegen, wie das mit dem Schäuble und der Spendenaffäre  noch war? Und nicht nur die Skandälchen: wann war nochmal die Tsunami-Welle, wann genau wurde Hartz IV eingeführt, wann bekam Kofi Annan seinen Nachfolger…

Es geht nicht um die einzelne Information – von der einzelnen Information kann man sagen, sie sei unwichtig und man könne auch ohne sie gut leben. Es geht mir um den Überbau: ich habe den Eindruck, als wenn ich in diesem Jahrzehnt immer weniger einen Überblick über das Geschehen in der Welt, in Europa oder einfach in Deutschland habe.

Und dieses Phänomen breitet sich auf jeden anderen Aspekt meines Lebens aus: ich bestelle fast beliebig CDs aus den USA, die mir über Neuseeland unterhalb des deutschen Ladenpreises geliefert werden, und ich habe mit Youtube, last.fm und myspace mehr Zugriff auf solche Massen von Musikstilen und Bands, als ich jemals hören kann. Ich könnte deshalb Anhänger eines einzigen Musikstils sein, und würde doch nicht mehr hinterherkommen.

Das, was VHS nicht leisten konnte, ist Wirklichkeit geworden: dass ich auf alle möglichen (okay, stimmt nicht, aber auf verdammt viele!) Klassiker oder skurrilen Nischenprodukte der Filmgeschichte Zugriff habe. Bis man auf VHS auf so etwas wie eine Originalfassung eines simplen Bogart-Films herankam, waren viel Geld und viel Geduld nötig, oder aber man resignierte lieber gleich. Das ist im Jahrzehnt der DVD dankenswerterweise anders.

Nur: Filme haben inzwischen eine Halbwertzeit von vier Wochen, bevor sie in den kleinsten Saal des Multiplexes rutschen, und drei Monate später kommen DVD und Blu-Ray sowieso raus. Okay, manchmal sind’s auch fünf Monate.

Das hat zur Folge, dass sich in immer mehr Bereichen meines Lebens eine Atemlosigkeit breitmacht: Filme sind aus dem Kino verschwunden, bevor ich sie registriert habe, Musik wird immer schneller der Schnee von gestern und ich überlege, wie ich Internet-Portale überhaupt noch überfliegen kann, ohne nicht zwei Stunden für reine Informationsaufnahme zu veranschlagen.

Und damit habe ich popkulturelle Phänomene wie das Kennen des neuesten Youtube-Hypes noch nicht mal erwähnt.

Es ist wunderschön, dass es all diese Möglichkeiten gibt, aber es wird zu viel. Das Grundrauschen, zwischen dem ich zu orten versuche, was wichtig, interessant und schön für mich ist, wird mir allmählich zu laut.

In jedem politischen oder auch popkulturellen Bereich wird jede Sau, ob nun positiv oder negativ, immer schneller durchs Medien-Dorf getrieben, und dementsprechend muss auch immer schneller eine neue Sau gefunden werden. Mittlerweile rennen so viele Säue gleichzeitig durchs Dorf, dass man schon von Schweinpanik sprechen könnte.

Oder webzweinullig gesagt: Ich glaube, ich leide unter “Did You Know 1 Stress Disorder”[tm].

Die Lösung, sich aus all dem zurückzuziehen, gefällt mir jedoch nicht. Denn es handelt sich ja um Aspekte meines Lebens, die ich schätze. Sie werden nur immer schwerer in ihrer Komplexität greifbar.

  1. Ich weiß, dass es eine aktuellere Version des Videos gibt (was für eine Ironie bei diesem Thema), aber die 3.0-Version ist erstens immer noch sehenswert und zweitens passt sie besser zu diesem Eintrag.


And now for a completely different birthday
Dienstag, 27. Oktober 2009, 18:36 Uhr
Abgelegt unter: popkultur, tv

Heute wird John Cleese 70! Herzlichen Glückwunsch und danke für die Musik Sketche!



Der Wolf heult etwas leiser, aber mehr auch nicht
Freitag, 23. Oktober 2009, 14:15 Uhr
Abgelegt unter: aufreger, polemik

Die gute Nachricht vorweg: die Abmahnungen an die betroffenen Nutzer von dawanda.de werden eingestellt.
Drüben beim Werbeblogger ist eine neue Pressemitteilung von Jack Wolfskin erschienen, laut der die Angelegenheit seitens JW mit der Herunternahme der beanstandeten Objekte von der dawanda-Plattform erledigt sei und keine weiteren rechtlichen Schritte unternommen würden. Das lässt einen im ersten Moment aufatmen und man kann die direkt Betroffenen beglückwünschen. Dass die Sache zumindest für die Anbieter auf dawanda finanziell und rechtlich ausgestanden ist, das ist schon mal was Gutes.

Aber dann fängt man an, weiter über das Gesagte nachzudenken:
Denn die beanstandeten Objekte müssen weiterhin entfernt bleiben, und nur auf Grund der heftigen Kritik wird auf die Abmahnungen verzichtet… Einsicht in ein Fehlverhalten abseits der finanziellen Einschüchterung ist damit nicht zu erkennen, denn die hier vermittelte Einstellung ist nichts anderes als:

“Wir sind immer noch der Überzeugung, dass da ein eindeutiger Markenrechtsverstoß vorliegt, weshalb das Kissen mit der Katzenpfote da weg muss und auch wegbleiben muss. Da uns viele Kunden aber die Meinung gegeigt haben, verzichten wir zähneknirschend auf das uns für diesen Verstoß eigentlich zustehende Geld, damit unsere PR nicht noch schlechter wird.”

Man wolle “sein Vorgehen in Fällen von kleingewerblichen Angeboten verändern. Hier wird das Unternehmen in Zukunft zunächst auf anwaltliche Schritte verzichten und selbst Kontakt aufnehmen.”

JW sieht keineswegs, dass die kleinkarierte Durchsetzung ihres Markenschutzes als solches angesichts einer Katzenpfote(!!!), gelinde gesagt: überdenkenswert wäre. Sie teilen lediglich mit, dass man künftig nicht gleich abmahnen wolle.
Nicht einmal eine lapidare Entschuldigung bei den Betroffenen ist im Text zu finden. Und wer die Anwaltskosten der Abgemahnten vielleicht begleichen könnte (hint, hint!), wird ebenfalls nicht erwähnt…

Eine wirkliche Erkenntnis, dass man Markenschutz als solchen übertreiben kann und sich deshalb künftig diesbezüglich zurückhält, müsste sich deutlich anders anhören.

Update 14.45 h: Hier der direkte Link zum PDF von der JW-Website.

Update 17:15 h: Natürlich reißen die Kommentare beim Werbeblogger nicht ab, aber auch bei Spreeblick wird darüber diskutiert.



Abmahnwache
Dienstag, 20. Oktober 2009, 00:36 Uhr
Abgelegt unter: aufreger, polemik

Seltsam, Herr von G. ist hinter Gittern, Zwanziger vs. Weinreich sollte auch noch bekannt sein, die Firma Jako hat letztendlich zähneknirschend eingesehen, man habe gegenüber “Trainer Baade” “ganz offensichtlich überreagiert”…

…und jetzt geht Jack Wolfskin den gleichen Weg und beharrt sogar in einer offiziellen Stellungnahme darauf, dass es eine gute Idee ist, Privatpersonen und Kleinstunternehmer auf dawanda.com abzumahnen, die auf selbstentworfenen Kissen, Etuis und ähnlichen Artikeln Tierpfoten abbilden…

Weitere Hintergründe hier, die Stellungnahme hier, die ersten Mainstream-Artikel zum Thema hier und hier.

“Abmahn-Wahn” sollte ein fester und schwer zu bestrafender Tatbestand in der deutschen Rechtssprechung werden.