Du spürst das Gras…
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Werd mal erwachsen!
Freitag, 22. April 2011, 00:04 Uhr
Abgelegt unter: aufreger, hirnwindung, polemik, popkultur

“Wie lange glaubst du, kannst du das erwachsen werden noch rauszögern?”
Markus Kavka könnte sich schon allein dann zur Ruhe setzen, wenn er für jedes Mal, da ihm diese oder eine inhaltlich entsprechende Frage in den letzten zehn Jahren gestellt worden ist, 10 Cent erhalten hätte.

Als jüngstes Beispiel sei hier das ansonsten recht nett geratene Interview bei on3.de genannt.

Es gibt offenbar eine ganze Reihe von Leuten, die sehen, dass er als DJ arbeitet, morgens um 8 Uhr am Wochenende irgendwo die After Hours beschallt und sich für eher nicht-mainstreamige Musik wie z.B. Minimal-Techno interessiert. Und da das mit 43 ungewöhnlich ist, muss diese Einschätzung (siehe Interview) ganz unweigerlich durch ein “immer noch” ergänzt werden. Und dass er doch mal langsam “erwachsen” werden solle.

Auch wenn ich (bin ja nur 2 Jahre jünger als Markus) mich in meinem Bekanntenkreis umhöre, herrscht eine ähnliche Meinung, weshalb ich mich mit zunehmender Verwirrung und Verärgerung frage, was damit nun eigentlich konkret gemeint ist.

Wenn ich dann das Spießer-Gegenbeispiel auf den Tisch bringe “Haus, Ehe, Bürojob, 2 Kinder und ein Hund” wird genauso vehement kundgetan, dass man das ja sooo auch nicht gemeint habe.1

Nur: es kommt kein wirkliches Argument nach.

“Erwachsen sein” scheint in vielen Köpfen ausschließlich eine immer länger werdende Liste von “Dingen, die man nicht mehr macht” zu sein.

Aber schon Kavka selbst sagt ja beispielhaft im o.g. Interview, dass er inzwischen ein verantwortungsvoller Mensch ist, dass er Termine einhält, verlässlich ist und dergleichen mehr.
Ich denke, man kann ihm auch unterstellen, und das ist jetzt nicht sooo weit aus dem Fenster gelehnt: dass er für seine Einkünfte einigermaßen ordnungsgemäß Steuern bezahlt und mit angemeldeter Arbeit vollständig seinen Lebensunterhalt verdient.

Ob er auch von härteren Drogen in ungesundem Ausmaß Abstand nimmt, ob nun aus Vernunft oder ganz konkret aus Erfahrungen aus Sturm-und-Drang-Zeiten, bleibt ebenfalls Spekulation, hat jedoch aufgrund seiner beruflichen Verpflichtungen eine gewisse Wahrscheinlichkeit.

Damit sind die “jugendliches verantwortungsloses Lotterleben”-Argumente schon mal entkräftet… nur: was genau ist an ihm oder seinem Lebensstil dann noch “unerwachsen”, bitteschön?

“Das macht man in dem Alter nicht mehr” ist ja ein ziemliches Nicht-Argument, es sei denn, die Kritiker meinen damit, dass sie selbst es nicht mehr können.

Irgendwie deutet alles darauf hin, dass es sich vielmehr um eine geistige Unbeweglichkeit bei denjenigen handelt, die diesen Lebensstil als “berufsjugendlich” stigmatisieren. Offensichtlich gibt es da eine unumstößliche Glechung im Kopf, die lautet “Musik = Party = haben wir früher gemacht/hat uns früher interessiert = wer das jetzt macht, ist nicht erwachsen”.
Und man könnte auch gleich noch hinterher fragen: Woher kommt überhaupt der Umkehrschluss, dass “man” das als “Erwachsener” nicht mehr macht?

Ich glaube, der große Clash in den Köpfen der Leute entsteht auch besonders dadurch, dass Kavka nicht auf “Ü-40″-Parties auflegt sondern auf dem Melt-Festival. Und dass er nicht ausschließlich von Depeche Mode und The Cure begeistert ist, sondern eben auch von (jetzt schreib ich das Wort doch einfach) undergroundiger Musik, mit der viele Altersgenossen nichts mehr anfangen können, weil sie sich vor 20 Jahren von jeglicher Musik verabschiedet haben.

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Würde Markus Kavka seine Bude mit Justin Bieber-Postern zukleistern und davon begeistert auf seiner Facebook-Seite berichten, würde ich nicht nur um seine geistige Verfassung fürchten, sondern gerne auch zugeben, dass das tatsächlich “unerwachsen” ist.

Aber Minimal auf Parties auflegen, wo ohnehin, wenn man hinguckt, regelmäßig 20-jährige auf 40-jährige treffen?
Sich “auch in diesem Alter” für aktuelle Musik interessieren, die nicht dem Mainstream entspricht?
In Clubs gehen wollen, auch wenn es sich nicht um eine “Ü-40″-Nacht mit Status Quo handelt?
Sich musikalische Neugier bewahren und sich für Popkultur interessieren??

“Unerwachsen” ist das alles nicht.
Höchstens “anders” als erwartet. Womit wir wieder beim dem Punkt sind, dass nicht das eigene Verhalten, sondern die Erwartungen von außen hinterfragt werden sollten.

  1. Nur so zur Sicherheit: Ich habe natürlich nicht grundsätzlich etwas gegen verheiratete Menschen, die vielleicht Kinder und einen Hund haben; es geht hier um das Klischee, dass das ein “typisches” oder gar “richtiges” Erwachsenenleben darstellen würde.
Bisher 1 Kommentar
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Ach Jan, ich ware lange nicht mehr hier, aber nach diesem Eintrag weiß ich wieder, warum ich doch ab und zu mal gerne hier rein schaue bei Dir. ;-)

Ich zumindest kann Dir auch nicht sagen, was dieses “typisch erwachsen” sein soll. :-)

Kommentar von janni am 30.05.2011 um 12:35



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