Pretty in pink
Als mir vor zwei Jahren eine 22-jährige Praktikantin erklärte, dass sie und ihre Mama sich am 8. März immer gegenseitig in pink verpackte Geschenke machten und mich fragte, wo denn von mir als Mann an jenem Tag die Blumen und die Pralinen für die weiblichen Mitarbeiter meiner Arbeitsstelle seien – da wusste ich wieder, weshalb der Weltfrauentag weiterhin auch “in unseren Breiten”* eine notwendige Einrichtung ist.
* Was ihm hier ja gerne mal abgesprochen wird.
Drei oder vier Randbemerkungen zum Schwulsein im Fußball
Die Sache mit Christoph Daum scheint ja nun vom Tisch zu sein, aber durch einen aktuellen Artikel auf 11freunde.de (der übrigens auch beim Tagesspiegel mit leicht geänderter Überschrift zu lesen ist) und einen ähnlich gelagerten Artikel bei zoomer.de fielen mir wieder ein paar Dinge auf:
- Wenn es nicht genau das widerspiegeln würde, worum es geht, wäre die Vehemenz überaus amüsant, mit der einige Kommentatoren unter letzterem Artikel garantieren(!) können, dass der eine oder andere bestimmte Bundesligaspieler nicht schwul ist. Schon allein, dass irgendwer “verteidigt” werden muss, dass es das ja vielleicht gibt, aber der nun bestimmt nicht, belegt, dass die von einigen gewünschte und selbst formulierte Normalität (“Ist doch egal, ob einer schwul ist oder nicht”) eben noch nicht gegeben ist.
- Gern genommen ist auch die Aussage “Solange er auf dem Platz seinen Job gut macht, ist das doch ganz egal.” Das klingt tolerant, aber heißt das, dass es nicht mehr egal ist, falls der Typ schlecht spielt? Ich frag ja nur.
- Unweigerlich wird zur Beschreibung der Homohobie wieder einmal die Phrase verwendet, dass Fußball “die letzte Bastion der Männlichkeit” sei. Diese Phrase wird (wie z.B. in diesem Artikel) häufig und gern von Leuten verwendet, die Homophobie verurteilen. Wenn es aber schon nicht die dumpfen Phobiker sind, die so reden, muss sich aber doch irgendwann jemand bei der Wortwahl mal am Kopf kratzen:
Denn wenn die “letzte Bastion von Männlichkeit” also durch den “Angriff” der Homosexualität “bedroht” wird, ist durch Verwendung dieser Phrase eine Männlichkeit durch Heterosexualität definiert. Homosexuelle wären demnach unmännlich…
Bei zoomer.de umgeht Autor Peer Göbel das Problem ganz simpel dadurch, dass er davon schreibt, dass Fußball “die letzte Bastion der reinen Heterosexualität zu sein [scheine]“. Ein Wörtchen geändert, und schon verliert die Aussage ihren schalen Beigeschmack.
- Und zum Schluss: Schwulsein ist wie…. wie… hm, welchen Vergleich könnte man da bringen…:
“Das ist keine Krankheit, das ist einfach eine Vorliebe, so wie manch einer eben ein Eis mit Nüssen haben will, ein anderer nicht.”
Wenn dieses Bonmot in den Kommentaren zum zoomer-Artikel absichtlich so gewählt wurde, Chapeau, aber auch sonst fühle ich mich gut amüsiert.
Dee-vine Birthday
“Es war einmal ein weißes Blatt Papier, das sagte:
‘Ich möchte immer so rein, so unbefleckt und weiß bleiben, wie ich jetzt bin.’
‘Oh’, sagte die Tinte und wunderte sich, respektierte den Wunsch des Blattes aber.
Und so blieb das Blatt Papier unbeschrieben und vergilbte.”
Heute hat die wilde, den Spagat zwischen Rumpoltern und stilvoller Poesie hinkriegende, leidenschaftliche und grundsympathische, kurz: die einzig wahre Diva Georgette Dee Geburtstag. Manchmal weiß ich gar nicht, ob mir ihre vorgetragenen Songs oder die herrlich(en) endlosen Geschichten zwischen den Songs besser gefallen.
Von mir einen herzlichen Glückwunsch und danke für schon so manchen Sekt-seligen Abend voller Hingabe, Witz und Leidenschaft!
“Über mich wurde mal gesagt, ich sei die bestbezahlte Trinkerin Deutschlands. Das glaub ich nicht. Ich denke es gibt welche die kriegen mehr und trinken mehr.”
Fußball ist immer noch wichtig
So, das war sie nun, die DSF-Reportage über Das große Tabu – Homosexualität & Fußball. Für den Stand der Dinge war sie gar nicht schlecht. Der Knackpunkt ist nur: es wurde deutlich, dass es eigentlich noch gar keinen Stand der Dinge gibt.
Um den größten Aufreger dieser Reportage gleich vorwegzunehmen: Die Abschrift von Christoph Daums umstrittenem Zitat ist (leider) nicht verfälscht oder verkürzt worden, er sagt tatsächlich wörtlich:
„Da wird es sehr deutlich, wie sehr wir dort aufgefordert sind, gegen jegliche Bestrebungen, die da gleichgeschlechtlich ausgeprägt ist, vorzugehen. Gerade den uns anvertrauten Jugendlichen müssen wir mit einem so großen Verantwortungsbewusstsein entgegen treten, dass gerade die, die sich um diese Kinder kümmern, dass wir denen einen besonderen Schutz zukommen lassen. Und ich hätte da wirklich meine Bedenken, wenn dort von Theo Zwanziger irgendwelche Liberalisierungsgedanken einfließen sollten. Ich würde den Schutz der Kinder über jegliche Liberalisierung stellen.“
Dazu muss man sich ins Gedächtnis rufen, dass es sich ja nicht um ein ausführliches Interview mit Daum handelte , in dem es um Gott und die Welt ging, und seine Weiterleitung zum nächsten Thema ging schlicht daneben: er wurde für die Reportage zum Umgang mit Homosexualität im Fußball befragt.
Auch seine anschließende auf der Website des 1. FC Köln veröffentlichte Stellungnahme zu dieser Passage räumt überhaupt nicht mit dem auf, was ihm vorgeworfen wird:
„Grundsätzlich bin ich ein toleranter und liberaler Mensch. Ich habe keinerlei Berührungsängste zu homosexuellen Menschen. Auch in meinem Bekanntenkreis gibt es Einige, die in gleichgeschlechtlichen Beziehungen leben. Kinderschutz geht mir aber über alles. Kinder müssen vor Gewalt und sexuellen Übergriffen, ganz gleich ob von homo- oder heterosexuellen Menschen, geschützt werden. Deswegen arbeite ich auch aktiv bei der Organisation Power-Child e.V. mit.“
Power-Child e.V. ist ein Verein mit dem Anliegen, Kinder vor sexuellen Übergriffen zu schützen. Und genau deshalb beginnt spätestens ab hier Daums Fahrlässigkeit in Vorsatz und Dummheit umzuschlagen: im besten Herman’schen Stil beharrt er auf seiner Sicht der Dinge und begreift nicht, dass seinen Aussagen ekelhafte Assoziationen zugrunde liegen.
In seiner Stellungnahme hatte er die Möglichkeit, Vergleiche geradezurücken bzw. auszuschließen. Stattdessen wiederholt er, dass trotz seiner selbsterklärten Toleranz Kinderschutz vorgehe. Auch mit Abstand bleibt also Homosexualität für ihn etwas, vor dem man Kinder (wie vor Pädophilie) dringend schützen müsse…
Laut 4 Buchstaben soll er nach dieser Erklärung sogar gesagt haben:
„Soll ich mich etwa für meine Gedanken zum Kinderschutz entschuldigen? Der Schutz der Kinder steht einfach über allem.“
Offenbar ist sein Hirn wirklich nicht in der Lage, seine eigenen Gedanken zu reflektieren. Der Mann versteht tatsächlich nicht, was ihm konkret vorgeworfen wird.
Zurück zur Reportage:
Dass es schwule Fußballspieler nicht nur im Amateur- und Freizeitbereich, sondern im bezahlten und bejubelten Profisport geben soll, dass Leute “ungeahnt” beim Torerfolg der eigenen Mannschaft einem Schwulen zujubeln könnten, ist für einige Fans schlicht unvorstellbar.
Peter Neururer sagt treffend: “Es ist eigentlich überhaupt kein Thema. Aber dadurch, dass es kein Thema ist, wird es doch ein Thema.”
Das wird im Verlauf des Films sehr deutlich: die Aussagen von Fans vor diversen Stadien der Republik schwanken zwischen “ekelig”, “mir egal” und “solang er Leistung aufm Platz bringt, macht das doch nichts”. Als des Teufels Advokat möchte man glatt nachfragen: Wenn er die Flanke nicht hinkriegt, wird seine sexuelle Orientierung oder sein ‘Lebensstil’ also doch wieder für seine Beurteilung wichtig?
Fast schon suspekt, weil sehr sympathisch, die Aussagen von Reiner Calmund und ausgerechnet Theo Zwanziger, die mehrfach kundtun, dass das ja auch alles nette Leute sind, mit denen man ein Bier trinken gehen kann (Calmund) und denen man volle Unterstützung beim Coming Out zusichert (Zwanziger). Es ist tatsächlich positiv bemerkenswert, dass letzterer gerade in seiner Eigenschaft als DFB-Präsident so überaus undiplomatische und wohlwollende Worte findet.
Neben diesen beiden souveränen Menschen besteht der Rest des Films im Wesentlichen aus Aussagen, die aus einem Merkblättchen “Schwule und Lesben für Einsteiger” stammen könnten – egal, ob man den toleranten Fans oder den toleranten Fußballern zuhört, immer fallen die gleichen Phrasen: “auch nur Menschen”, “trotzdem nett”, “wie du und ich”, “wenn sie gut spielen, macht das ja nichts”.
Natürlich kann man prinzipiell froh sein, wenn wenigstens diese Einstellung bei den Leuten zu finden ist. Aber es macht deutlich, auf welchem primitiven Anfangsniveau sich die Beschäftigung mit der Möglichkeit von Homosexualität im “reinen Hetensport” Profifußball überhaupt befindet. Da müssen Fans vor laufender Kamera sichtbar tapfer sein, um diese Möglichkeit tatsächlich in Betracht zu ziehen, kein Wunder, dass sie sich anhören wie 12-jährige, die “mal was von Schwulsein gehört” haben.
Dass die Reportage ein zu großes Fass aufmacht und gleich noch in drei Nebensätzen das “offene Geheimnis” lesbischer Spielerinnen in der Frauen-DFB-Auswahl erwähnt und außerdem noch eine Schiedsrichterin, die früher ein Mann war, ins Boot holt, sei ihr verziehen. Schließlich sind wir ja noch in der Phase, in der erstmal darauf hingewiesen werden darf und soll, dass es im Profifußball bestimmte Themen wie nicht-heterosexuelle Beteiligte überhaupt gibt. Außerdem ist der ganze Beitrag unreißerisch und kommt ohne große Klischeeansammlungen aus, was ihm bei RTL und Konsorten wohl nicht vergönnt gewesen wäre.
Und so hat diese Reportage es auf jeden Fall geschafft, aufzuzeigen, wie sehr die Diskussion, ja sogar das grundsätzliche “Zulassen” des Themas Homosexualität im Profifußball noch in den Anfängen steckt. Mal sehen, was noch kommt. Der DFB ist immerhin wesentlich weiter als Christoph Daum: der Verband beteiligt sich an der Finanzierung eines Umzugswagens für den diesjährigen CSD in Köln.
[EDIT, 4.8.2008: Am 31. Juli hat sich Christoph Daum immerhin mit Mitgliedern von Andersrum Rut-Wiess getroffen und offenbar die wesentlichen Missverständnisse und Ärgernisse aus dem Weg räumen können. Ob das nun bedeutet, dass er das alles wirklich überhaupt nicht so gemeint hat, oder ob es auch zeigt, dass eine von Daums Charaktereigenschaften diejenige ist, beim Reden in der Öffentlichkeit sein Gehirn immer wieder mal zu Hause zu lassen (ich sage nur: freiwillige Haarprobe zum Kokainnachweis), bleibt die Entscheidung der werten Leserschaft. Den deutlich gezeigten guten Willen möchte ich ihm aber durchaus zugute halten.]
Kann mich gar nicht entscheiden, alles so schön feucht hier
Was war?
Landauf, landab wird über das Phänomen Charlotte Roche diskutiert. Madame tingelt durch die TV-Shows und liest vor ausverkauften Häusern, das Feuilleton kratzt sich am Kopf und fragt sich, wie der Erfolg ihres schriftstellerischen Erstlingswerkes Feuchtgebiete denn bloß zustande kommen kann.
Ich möchte dieser Diskussion eine neue Facette hinzufügen:
Ich habe Charlottes Buch tatsächlich gelesen.
Was ist?
Der Inhalt ist tatsächlich so schnell erzählt wie häufig kolportiert und lässt sich mit den ersten beiden Sätzen auf der Buchrückseite zusammenfassen: “Nach einer missglückten Intimrasur liegt die 18-jährige Helen auf der Inneren Abteilung von Maria Hilf. Dort widmet sie sich jenen Bereichen ihres Körpers, die gewöhnlich als unmädchenhaft gelten.” Das macht sie 220 Seiten lang, und zum Schluss gibt’s ein kleines Happy End.
Das ist grundsätzlich in Ordnung, es gib viele Romane, deren tatsächlicher Inhalt und konkrete Handlung nebensächlich sind. Es geht dann stattdessen um Gefühle, Situationsbeschreibungen, emotionale Weiterentwicklung, raffinierte literarische Formulierungen oder treffende Atmosphären-Beschreibungen.
Trotz einer Hand voll gelungener Ausdrucksweisen bietet Feuchtgebiete all dies allerdings nicht. Es gibt weder einen nennenswerten roten Faden in Bezug auf die Geschehnisse im Krankenhaus noch eine nennenswerte Entwicklung in Helens Gefühlsleben oder ihren Emotionen. Für eine literarisch-ansprechende Beschreibung der Situation fehlt es Helen zum einen an Ausdrucks- und Reflexionsvermögen und zum anderen ist ihr das eigene Ego dafür viel zu wichtig und deshalb im Weg.
Stattdessen ist alles, was die geneigte Leserschaft beim Schmökern erlebt, eine 18-jährige im Dialog mit sich selbst, die erfahren über Sex berichtet, die Ausdrucksweise einer 12-jährigen hat, die egozentrisch-naive Weltsicht einer 8-jährigen und die Bockigkeit einer 5-jährigen. Hinzu kommt die Körpersekretfixierung einer 3-jährigen.
Alle vorkommenden Themen werden immer nur kurz angerissen, ohne dass sich daraus am Ende des Buches mit einem wenigstens kleinen Aha-Effekt ein Gesamtbild ergäbe: Helens Ablehnung von Sauberkeit, ihre Ablehnung der Kirche, ihre (schlimme) familiäre Vergangenheit, ihr selbstverletztendes Verhalten, ihre Hyperaktivität… alles wird immer schön knapp und provokant in Szene gesetzt, und dabei bleibt es, wodurch sämtliche Erläuterungen, weshalb Helen so ist, wie sie ist, nichts als Klischees bleiben: Scheidungskind, darum gestört, Mama konnte sich nicht durchsetzen und ist selbst gestört, ein traumatisches Ereignis in der Kindheit etc.
Und schon ist sie, ihrem kindlichen Verhalten entsprechend, bei einem ganz anderen Thema oder “muss jetzt rumlaufen”. Überhaupt muss Helen immer was machen. Von der Beschäftigung mit Körpersekreten bis zu Weintrauben, in die sie mit Hingabe Nüsse und Rosinen friemelt, natürlich beträufelt mit ihren eigenen Tränen. Das ist jedoch keine bewusste Beschäftigungsmaßnahme, die sie selbstironisch als solche entlarven würde (weil sie körperlich eingeschränkt im Krankenhaus liegt und sich mit irgendetwas von der Langeweile ablenken müsste), sondern für sie wirklich wichtig, zumal sie auch aus ihrem sonstigen Leben ausschließlich die pathologische Beschäftigung mit Kleinigkeiten berichtet.
Das Einzige, das ausführlich dargestellt wird, ist Helens Körpersäfte-Obsession, die durchaus an Tabus rührt und begründeter Anlass für das Aufsehen (aber nicht unbedingt für die Ablehnung) ist, das das Buch hervorgerufen hat.
Helen will ihre seit langem geschiedenen Eltern wieder zusammenbringen und verletzt sich dafür im Krankenhaus ein weiteres Mal selbst, um einen längeren Krankenhausaufenthalt zu provozieren. Warum? Damit es einen längeren Zeitraum gibt, in dem die Eltern sie gemeinsam im Krankenhaus besuchen können und so wieder zueinanderfinden. In Helens Kopf ist das ein funktionierender Plan. Es würde schon eine große literarische Gabe erfordern, um eine solche psychologische Verdrehtheit so in eine Persönlichkeit einzubetten, dass man mit der Hauptfigur mitfühlt und denkt “Schade, da ist ihr Spleen jetzt etwas mit ihr durchgegangen, hoffentlich kriegt sie die Kurve wieder.” Roche versucht dies aber nicht einmal, sondern belässt Helens Weltsicht in der Trotzigkeit eines Kindes.
Jeder gelungene Bösewicht hat sympathische oder faszinierende Eigenschaften, und jeder gute Held hat einen dunklen Fleck. Helen Memel ist einfach nur naiv, bockig, egozentrisch, kurz: nervig, wodurch das Mitfühlen mit der Romanheldin unmöglich wird und man für ein Nachdenken über ihre Ansichten (die eigentliche “Message” des Buches sozusagen) schlicht die Lust verliert.
Was bleibt?
Es ist irreführend, dass Charlotte Roche ausgerechnet mit diesem Buch das Banner gegen übertriebene Hygiene hochhält. Sie hat immer wieder kundgetan, dass sie mit diesem Buch gegen die (angebliche) gesellschaftliche Norm angehen möchte, dass Frauen eine Komplett-Intimrasur machen müssten und nie nach sich selbst duften dürften.
Dieser Ansicht stimme ich auch zu, nur – es besteht ein großer Unterschied zwischen der Kritik an der antibakteriellen Welt einer Heidi Klum und dem Dreck-Fetisch einer Helen Memel.
Mit ihr gegen die Absurditäten des Schönheitswahns anzugehen, erscheint so, als wenn jemandem die “übertriebene Intellektualität” Roger Willemsens auf den Geist geht und als Gegenmaßnahme Herrn Bohlen in die Arena schickt.
Darüber hinaus fällt noch etwas auf: Von den VIVA-VJs Gülcan und Johanna über Breitmaulslang sprechende Protagonistinnen aus MTV-Kuppelshows bis zu den dekadenten Berichten, wer für sein Hündchen eine große Villa in Palm Beach hat bauen lassen – all diese Mädchen aus der Popkultur sind doch genau wegen eben jener Mischung aus Zickigkeit, Bockigkeit, Selbstgefälligkeit und Naivität nicht zu ertragen oder gar ernstzunehmen. Von Unterschieden in der “Reinlichkeit” abgesehen, passt Helen Memels Charakter sehr gut in diese Reihe.
Und ausgerechnet Charlotte Roche kann nun wirklich nicht gewollt haben, dass man die Protagonistin ihres Buches aus denselben Gründen unsympathisch findet und ablehnt wie bei den Mädchen, gegen die sich das Buch richtet.
Und nu’?
Das eigentliche Buch tritt mittlerweile komplett in den Hintergrund, was gut ist, denn sonst würde irgendjemand mit einer einzigen Frage die ganz Diskussion abflauen lassen: “Dieses literarisch versandete Werk beschäftigt uns jetzt schon seit mehreren Monaten??”
Oder wie es Christian Kortmann in der taz ausdrückte: “Reaktion schafft das Werk.” Weiter führt er aus, dass der Roman einen nicht zum besseren Menschen mache und auch nichts hängenbleibe, aber man könne mitreden.
Die Diskussion über das Thema anzustacheln, das laut Charlotte Roche eigentlich das Thema des Buches hätte sein sollen, hat sie natürlich trotzdem geschafft und das ist ihr positiv anzurechnen. Der Meinungswust über Geschlechterrollen, Hygiene, Feminismus (oder was dafür gehalten wird) und Schönheitsideale ist längst am eigentlichen Buch vorbeigerollt und hat eine Eigendynamik entwickelt, durch die Feuchtgebiete nur noch Stichwortgeber und schon lange nicht mehr Gegenstand des Diskurses ist.
Nicht nur in diversen Fernsehauftritten, sondern auch in verschiedenen Interviews spiegelt sich wider, dass Charlotte Roche selbst wesentlich konzentrierter und näher an ihrer gewünschten Aussage dran ist als Helen Memel in ihren besten Momenten.