Du spürst das Gras…
…hier und da bewegt sich was, es macht dir Spaß, nein es ist nicht nur das…

Geschichten für eine immer schneller werdende Kultur
Mittwoch, 28. Oktober 2009, 18:45 Uhr
Abgelegt unter: film,hirnwindung,medien,polemik,politik,popkultur

So lautet der Untertitel von Douglas Couplands Buch “Generation X”. Das im Jahr 1991 erschienen ist. Herrje, vor gut 18 Jahren also. Zu der Zeit stieg die beschriebene Beschleunigung noch so gemächlich an, dass Handys nicht verbreitet waren und nicht annähernd die bescheidenen Außenmaße hatten, wie wir sie jetzt kennen. Das Internet war zwar da, wurde aber nicht von einer breiten Masse verwendet, und die Übertragung größerer Datenmengen, wie sie für Musik oder gar Videos benötigt wurden, waren im wahrsten Sinne des Wortes Zukunftsmusik.

Was war das spannend und schön, diese ganze technische Revolution und die damit verbundene kulturelle/soziologische Veränderung bewusst mitzuerleben, besonders, wenn man noch die Zeit “vor dem Internet” kennt.

Noch in der ersten Hälfte dieses Jahrzehnts gab es kein Youtube, und user generated content wurde zu einem überwiegenden Teil durch html-Kenntnisse ermöglicht.

Ich bin jetzt Ende 30 und kenne in groben Zügen HTML und CSS, ich habe eine Website betrieben, ich schreibe in einem Blog, lese meine RSS-Feeds von anderen Blogs und lese mehr Online-Inhalte als Tageszeitunge. Bezogen auf den Teil meiner Freunde, die nicht jünger sondern in meinem Alter sind: Gegenüber denen bin ich, ich muss es so sagen, in Sachen Internet-Affinität voraus. So seltsam sich das auch für mich selbst sowie für jeden unter 30 anhören muss.

Ich liebe das alles, die Vernetzung, die Möglichkeiten, den Zugriff auf so unglaublich viel Musik, Film, Information, Meinungsaustausch. Mein DSL- ist mir wichtiger als mein Telefon-Anschluss.

Trotzdem erwische ich mich dabei, wie ich denke, dass Couplands Untertitel erst heutzutage so richtig greift. Denn ich werde den Eindruck nicht los, dass die Informationsmöglichkeiten meinen Kenntnisstand etwas schizophren werden lassen:

Auf der einen Seite kann ich mich genauer als je zuvor über alle z.B. politischen Vorgänge informieren, mein Hintergrundwissen hat subjektiv mit der Hilfe des Internets tatsächlich zugenommen. Einfach, weil man mal eben (und dieses nebenbei-hafte ist dabei sehr wichtig) Stichworte wie “Überhangmandat” nachschauen kann. Und eben auch so etwas wie “CDU-Spendenaffäre”, das man im Brockhaus (ein Lexikon, die deutlich Älteren werden sich erinnern) garantiert nicht finden konnte.

Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass ich immer weniger einen Überblick über die tagesaktuellen politischen Geschehnisse habe. Woher kommt es, dass ich den Eindruck habe, früher “besser” darüber informiert gewesen zu sein, wer sich wo wie geäußert hat oder wer welches Gesetz durchdrücken will?

Dauerten Skandale (Bestechung, üble Nachrede, Nazi-Vergleiche, ungeschickte Äußerungen, Gesetzesänderungs-Vorschläge, Umweltverschmutzung durch Konzerne, was auch immer) früher wirklich länger oder mahlten die Medien-Mühlen einfach langsamer, weil sie ausschließlich von Presse und TV geprägt waren?

Weshalb kann ich mich immer noch an politische Fehltritte der 80er und 90er erinnern, musste aber bei Rob Savelbergs wunderschöner Frage an Frau Merkel tatsächlich kurz überlegen, wie das mit dem Schäuble und der Spendenaffäre  noch war? Und nicht nur die Skandälchen: wann war nochmal die Tsunami-Welle, wann genau wurde Hartz IV eingeführt, wann bekam Kofi Annan seinen Nachfolger…

Es geht nicht um die einzelne Information – von der einzelnen Information kann man sagen, sie sei unwichtig und man könne auch ohne sie gut leben. Es geht mir um den Überbau: ich habe den Eindruck, als wenn ich in diesem Jahrzehnt immer weniger einen Überblick über das Geschehen in der Welt, in Europa oder einfach in Deutschland habe.

Und dieses Phänomen breitet sich auf jeden anderen Aspekt meines Lebens aus: ich bestelle fast beliebig CDs aus den USA, die mir über Neuseeland unterhalb des deutschen Ladenpreises geliefert werden, und ich habe mit Youtube, last.fm und myspace mehr Zugriff auf solche Massen von Musikstilen und Bands, als ich jemals hören kann. Ich könnte deshalb Anhänger eines einzigen Musikstils sein, und würde doch nicht mehr hinterherkommen.

Das, was VHS nicht leisten konnte, ist Wirklichkeit geworden: dass ich auf alle möglichen (okay, stimmt nicht, aber auf verdammt viele!) Klassiker oder skurrilen Nischenprodukte der Filmgeschichte Zugriff habe. Bis man auf VHS auf so etwas wie eine Originalfassung eines simplen Bogart-Films herankam, waren viel Geld und viel Geduld nötig, oder aber man resignierte lieber gleich. Das ist im Jahrzehnt der DVD dankenswerterweise anders.

Nur: Filme haben inzwischen eine Halbwertzeit von vier Wochen, bevor sie in den kleinsten Saal des Multiplexes rutschen, und drei Monate später kommen DVD und Blu-Ray sowieso raus. Okay, manchmal sind’s auch fünf Monate.

Das hat zur Folge, dass sich in immer mehr Bereichen meines Lebens eine Atemlosigkeit breitmacht: Filme sind aus dem Kino verschwunden, bevor ich sie registriert habe, Musik wird immer schneller der Schnee von gestern und ich überlege, wie ich Internet-Portale überhaupt noch überfliegen kann, ohne nicht zwei Stunden für reine Informationsaufnahme zu veranschlagen.

Und damit habe ich popkulturelle Phänomene wie das Kennen des neuesten Youtube-Hypes noch nicht mal erwähnt.

Es ist wunderschön, dass es all diese Möglichkeiten gibt, aber es wird zu viel. Das Grundrauschen, zwischen dem ich zu orten versuche, was wichtig, interessant und schön für mich ist, wird mir allmählich zu laut.

In jedem politischen oder auch popkulturellen Bereich wird jede Sau, ob nun positiv oder negativ, immer schneller durchs Medien-Dorf getrieben, und dementsprechend muss auch immer schneller eine neue Sau gefunden werden. Mittlerweile rennen so viele Säue gleichzeitig durchs Dorf, dass man schon von Schweinpanik sprechen könnte.

Oder webzweinullig gesagt: Ich glaube, ich leide unter “Did You Know 1 Stress Disorder”[tm].

Die Lösung, sich aus all dem zurückzuziehen, gefällt mir jedoch nicht. Denn es handelt sich ja um Aspekte meines Lebens, die ich schätze. Sie werden nur immer schwerer in ihrer Komplexität greifbar.

  1. Ich weiß, dass es eine aktuellere Version des Videos gibt (was für eine Ironie bei diesem Thema), aber die 3.0-Version ist erstens immer noch sehenswert und zweitens passt sie besser zu diesem Eintrag.


Aphorismen als Selbstsabotage
Dienstag, 21. Juli 2009, 19:53 Uhr
Abgelegt unter: hirnwindung,literatur

Aus mir wird sowieso kein berühmter Schriftsteller mehr; wer weiß, ob es in zehn Jahren überhaupt noch Bücher gibt.



Paradoxe des Alltags
Freitag, 23. Januar 2009, 20:59 Uhr
Abgelegt unter: hirnwindung

Schuhe sind geweitet, wenn sie eingelaufen sind.



Aphoristisches
Donnerstag, 25. September 2008, 12:09 Uhr
Abgelegt unter: hirnwindung

Der Fortschrittsbalken ist die Lava-Lampe des 21. Jahrhunderts.



So rennt ein Jahrzehnt dahin
Sonntag, 14. September 2008, 14:50 Uhr
Abgelegt unter: film,hirnwindung,internet-nostalgie,popkultur

Am 20. August 1998 startete Tom Tykwers Film Lola rennt in den deutschen Kinos.
Am 14. September 1998, also heute vor exakt zehn Jahren, ging meine private Fanpage über Tom Tykwer online. Auch wenn sie veraltet ist und Tom seit einigen Jahren seine eigene hat – sie ist immer noch online.

So ein Jahrestag bringt einen wirklich zum Nachdenken angesichts all der Aspekte, Erlebnisse und Erinnerungen, die mit dieser Website und dem nun abgelaufenen Jahrzehnt verknüpft sind. Mal schauen, wie ich das alles geordnet kriege und ob es in einen Blog-Eintrag passt.

Da ist zunächst der technische Aspekt des Internets:

  • Die erste Adresse war eine Geocities-Adresse(!), da 1998 eigener Webspace unerreichbar oder unbezahlbar war (und eine Uni-Adresse mochte ich dafür einfach nicht). Das Layout, so gruselig, wie die meisten privaten Webseiten zu der Zeit aussahen, war nichts für schwache Nerven. Ich glaube, nur <blink> hab ich mir tatsächlich von Anfang an verkniffen.
  • Es waren nicht einmal 7 Millionen Menschen in Deutschland online, und die “surften” (eher: schlichen) auch noch mit Modem im Netz herum, was dazu führte, dass schon das Hochladen eines Bildes, das mehr als 100 KB groß war (und das beim Surfen auf die Website ja runtergeladen werden musste, um angezeigt zu werden), von einem schlechten Gewissen begleitet war. So musste auch jeder Link zu einer riesigen 6 MB-Film-Datei mit einem Warnhinweis auf deren Größe versehen werden.
  • Das Internet war noch geradezu übersichtlich. Die Internet-Suche fand bei altavista.com(!) statt, und es lohnte sich tatsächlich, alle paar Tage mal nachzuschauen, ob die Stichworte “Tom Tykwer” ein paar neue Seiten ausspuckten. Auf die konnte man dann aufgeregt auf der eigenen Homepage verlinken, da neue Seiten oder Artikel zu der Zeit noch nicht in einem unüberschaubaren Maß hinzukamen. Natürlich muss man dazu sagen, dass Tom zu der Zeit außerhalb Deutschlands auch noch nicht bekannt war, der internationale Release von Lola rennt war noch ein dreiviertel Jahr entfernt.

Dann die Internetkultur:

  • Zwischen Websites wurden Links getauscht, man war Mitglied in verschiedenen Webrings, um gemeinsam in der stetig wachsenden Menge an Internetseiten zumindest die eigenen Interessengebiete präsentabel zu halten.
  • Der Zulauf zum Usenet mit seiner Unmenge an Newsgroups hatte seinen Höhepunkt noch nicht mal erreicht, und da sie ja textbasiert waren und deshalb vergleichsweise wenig Bandbreite benötigten, waren sie der ideale Tummelplatz, um mit Leuten über alles zu diskutieren.
  • Überhaupt: die Tatsache, dass man über E-Mails, Webseiten, Mailinglisten und Newsgroups mit Menschen aus aller Welt(!) in Kontakt treten konnte, war das, was einen wirklich umgehauen hat. Ich erinnere mich noch, als ich die jeweils erste E-Mail-Anfrage wegen meiner Website über Tom aus den USA und Japan bekam, das war ein unglaubliches Gefühl. Die (nachvollziehbare) Selbstverständlichkeit von heute lässt mich manchmal die Euphorie von damals etwas vermissen.
  • Es ist seltsam, festzustellen, dass es im Jahre 2008 bereits Menschen gibt, die sich ganz selbstverständlich im Internet bewegen und so etwas wie Webrings, Mailinglisten und Newsgroups gar nicht mehr kennen. Was aber natürlich nachvollziehbar ist, da diese Werkzeuge quasi aus der Not der Bandbreite geboren wurden und heutzutage in Foren und Blogs, die man DSL besucht, schlicht unnötig geworden sind. Aber es sind Werkzeuge, die mich in meinen ersten Internetjahren immer begleitet haben.

Tom Tykwers Filme:

  • Im Winter 1997 sah ich zum ersten Mal Winterschläfer, ohne je den Namen Tom Tykwer gehört zu haben, nur Heino Ferch, der mitspielte, sagte mir etwas. Der Film war seltsam, und lotete die Grenze zur Glaubwürdigkeit aus, weil alles, was passierte, so unwahrscheinlich (aber eben nicht unmöglich) war. Aber vor allem sah ich nach der Beziehungskomödienwelle mit ihrer sachlichen, zweckdienlichen, aber nicht beeindruckenden Kameraarbeit endlich einen deutschen Film, der sich um Kinobilder bemühte. Der mit Bildern und Musik eine traumartige und traumhafte Atmosphäre schuf. Der sich Zeit ließ und in dem ein Unfall wie in Zeitlupe abzulaufen scheint, obwohl gar nicht nur Zeitlupe verwendet wird. Und ein Film, in dem die Protagonisten zunächst einmal “ungewöhnlich” handeln, und man im Laufe des Films immer mehr entdeckt, weshalb sie so handeln. Ein Prinzip, das Tom später in Der Krieger und die Kaiserin beeindruckend auf die Spitze trieb.
  • Über Lola rennt und die dazugehörenden Erinnerungen schreibe ich noch einen eigenen Eintrag.
  • Im August 2000 bekam ich per Mail einen Hinweis, dass in Hamburg eine Pressvorführung von Der Krieger und die Kaiserin lange vor dem Starttermin stattfinden sollte. Klar konnte ich mir das nicht entgehen lassen und setzte mich in Bremen in den Zug, um gegen 10 Uhr morgens (die Vorteile des Studentenlebens) ohne weitere Nachfrage nach Hamburg in ein mir unbekanntes Kino zu fahren. Dummerweise war zeitgleich eine andere Pressevorführung anberaumt worden, weshalb die Zahl der Leute im Foyer unangenehm übersichtlich war. Als ich am Tresen vorsichtig nachfragte, ob das hier richtig wäre für die Aufführung des neuen Tykwer-Films, wurde ich an die Frau verwiesen, die direkt neben mir saß, es war Maria Köpf, Produzentin von X-Filme. Es war einerseits schon witzig, ihr die Hand geben zu können, andererseits kam ich mir für einen Augenblick wie der aufdringliche unangenehme Fan vor, der sich zuviel rausnimmt und den Beteiligten damit auf den Geist geht. Aber als ich dann erklärte, weshalb ich von der Vorführung wusste, durfte ich bleiben, mir ein Presseheft schnappen und Toms neuen Film auf der großen Breitwand-Leinwand genießen.

Soviel fürs Erste. Das ist noch lange nicht alles, aber jetzt geht mir grad die Puste aus.

Als LoIa rennt rauskam, gab es außer einer minimalistischen “Website zum Film” und einigen Filmkritiken quasi nichts über Tom im Netz zu lesen. Und so wurde, für mich überraschend, meine Website damals tatsächlich die erste, die sich speziell mit dem Werk Tom Tykwers beschäftigte.

Zehn Jahre im Netz kommen mir vor wie 20 Jahre im echten Leben. Und es ist unfassbar, was sich seitdem alles geändert hat. Unser Umgang mit Informationen, die Verfügbarkeit von (zuviel) Informationen, und natürlich die Selbstverständlichkeit dieser Verfügbarkeit. Mal sehen, wie sich die kommenden zehn Jahre in zehn Jahren anfühlen.



Wortspiel mit "Obama" bitte hier einfügen
Sonntag, 27. Juli 2008, 12:42 Uhr
Abgelegt unter: hirnwindung,polemik,politik,us-wahl

Einmal noch das Thema Obama, nur einmal noch.
Nun, da der Mann wieder weg ist und in Berlin vor allen Ernstes 200.000 Menschen gesprochen hat, bleibt ja noch die Frage, die sich nach jedem Ereignis stellt: “Und, wie war’s?”
Neulich geriet ich darüber in ein Zwiegespräch zwischen mir und mir selbst:

Ich: Wieso jubeln die Deutschen einem Amerikaner zu, der weder US-Präsident noch offiziell Präsidentschaftskandidat ist, als wenn er der Heilsbringer wäre?

Ich: Weil es gut tut, einem Amerikaner zuzuhören, der kein akustisch unverständliches Kaugummi-Englisch redet, der zusammenhängende Sätze sprechen kann, und der uns nicht automatisch den Bösen zurechnet.

Aber ist das nicht die Grundvoraussetzung eines aufgeklärten Menschen allgemein?

Ja, klar.

Wenn Obama damit also lediglich Grundvoraussetzungen erfüllt, ist das doch noch nichts, was ihn auszeichnet?

Ja, was diesen Punkt angeht, sagt das weniger über die Qualität Obamas aus, sondern mehr über das riesige Ausmaß an Schaden, den die unglaubliche Arroganz, Dummheit, Primitivität und Engstirnigkeit George W. Bushs angerichtet hat. Dessen Attitüde ist so ablehnenswert, dass schon das Auftreten Obamas als deutlicher “Nicht-Bush” ihm schon viele Sympathien bringt.

Soll das heißen, dass sein freundliches Auftreten verschleiert, dass auch Obama einige Standpunkte vertritt, die den Deutschen eigentlich gar nicht schmecken?

Richtig. Im Presseclub der ARD wies jemand darauf hin, dass McCain oder Bush bestimmte Positionen (Afghanistan etc.) auch hätten vertreten können, bei einer vergleichbaren Veranstaltung aber ausgepfiffen worden wären. Der Mann hat so eine Ausstrahlung, dass er auch unbehagliche Ansichten verkünden kann, und das (deutsche) Volk jubelt trotzdem.

So ein Mechanismus ist doch auch bedenklich, oder? Wenn man das weiterdenkt, kriegt das ja den Touch, dass er sagen (und letztendlich machen) kann, was er will, weil er durch sein Charisma die Leute trotzdem auf seine Seite zieht.

Ja, natürlich.

Wenn er in der öffentlichen Wahrnehmung quasi machen kann, was er will, was unterscheidet ihn dann von Bush?

Hrgs.

Aber wenn dem schon so ist, fragt man sich doch, was eigentlich diese Keimfrei-Aktion sollte, dass in den Zuschauermassen keine Plakate erlaubt waren?

In der Tat, auch wenn das ein Wahlkampf-Auftritt für die US-Wahlen war, bei dem man schöne Bilder in die USA senden will:
Was mich wirklich aufgeregt hat, war, dass sich niemand drüber aufgeregt hat. Stell dir mal vor, bad old Bush wäre hier gewesen und hätte dergleichen verlangt! “Missachtung der Grundrechte! Passt zu dem!” und was hätte es nicht alles geheißen. Aber wenn einer so strahlend daherkommt, murrt allen Ernstes keiner, wenn angeordnet wird, ihm bloß nicht durch ein Plakat gegen die Todesstrafe oder Ähnliches in die Suppe zu spucken.

Übernimmst du jetzt meine Sichtweise?

Nee, so nun doch nicht, aber das hat mich echt geärgert. Es ist vertrackt, denn es gibt einiges, was ich an diesem Auftritt geschätzt habe:
Nach acht endlosen ekelhaften Jahren Bush, tritt mal wieder ein charismatischer Amerikaner auf, der sich ausdrücken kann, der versöhnliche statt distanzierende Worte spricht, der uns nicht als Achse des Bösen der Feiglinge betrachtet, der einen Gegenpol zum Amtsinhaber bildet und endlich zumindest wieder das Gefühl vermittelt, dass da einer nicht auf die Ansicht der gesamten Weltgemeinschaft scheißt, sondern sich halbwegs wieder wie ein Teil von ihr aufführt. Einer, dessen Charisma auch für mich beeindruckend ist. Das ist grundsätzlich was wert.
Was davon bleibt, ist abzuwarten und kann sehr enttäuschend werden, aber schon allein, dass er überhaupt mit dieser Haltung auftritt, ist einfach eine Wohltat.

Gleichzeitig hat das Ganze so eine gemachte und strahlende Oberfläche, und die Inszenierung der Obamania hat so viel Eigendynamik entwickelt, dass kritische, hinterfragende oder überhaupt nur abwartende(!) Standpunkte unterdrückt werden oder als “überskeptisch” abgestempelt werden.
Und wenn allen Ernstes ein wahrscheinlicher US-Präsidentschaftskandidat eine öffentliche Rede in Deutschland hält, und seine Kampagnenhelfer ohne Widerstand durchsetzen können, dass Plakate im Publikum nicht erlaubt sind und sich niemand an dieser Tatsache stört, stellt sich die Frage, mit wieviel Sachlichkeit sein Auftritt in Deutschland wahrgenommen wird.

Und spätestens dann kriegt das von ihm in seiner Anspache vermittelte Wir-Gefühl den seltsamen Beigeschmack, dass die deutschen Zuhörer reine Wahlkampfhelfer sind, die keineswegs als Partner ernstgenommen werden, weil sie lediglich Komparsen in der strahlenden Inszenierung sind und zumindest in Sachen Widerworte die Klappe zu halten haben.

Ich sehe, wir verstehen uns. Außerdem: Jeder scheinbare Umbruch nach einer politschen Ära hatte zunächst den Anstrich des frischen Neuanfangs und eines “Jetzt wird’s anders”, denk doch nur mal an Schröder nach 16 Jahren Kohl, oder an Blair nach 18 Jahren Thatcher und Major. Und, fühlte es sich wenige Jahre nach dem Wechsel noch irgendwie gut an?

Wohl wahr. Also, wenn du zugestehst, dass es sich zumindest im Moment mit Obama wieder anders und wohlwollender anfühlt als mit Bush, bin ich gerne bereit, die Obamania weiterhin wohlwollend, aber deutlich skeptisch weiterzuverfolgen.

Abgemacht. Und wie überflüssig werden all diese Gedanken gewesen sein und wie ratlos werden sich alle umgucken, wenn’s im November doch der McCain wird.

Hrgs.



Bombenstimmung
Mittwoch, 25. Juni 2008, 14:57 Uhr
Abgelegt unter: aufreger,hirnwindung,politik

Dieses Jahrzehnt ist ein seltsames Jahrzehnt. Gut, das könnte jetzt der Einleitungssatz für eine Unmenge von Themen sein, deshalb werde ich mal präziser:

Noch vor zehn Jahren wäre Folgendes passiert: Irgendwo am Potsdamer Platz, am Bremer Hauptbahnhof oder der Düsseldorfer Einkaufspassage steht ein Koffer oder eine Tasche herum. Lange Zeit wäre sie ignoriert worden, und irgendwann wäre jemand, der grad etwas Zeit übrig hat, vorbeigekommen, hätte die Tasche genommen, sich einmal umgeguckt und sie am nächsten Informationsstand abgegeben: “Das hat hier wohl einer vergessen.”

In diesem Jahrzehnt ist die Hysterie so tief in “normales” Verhalten eingebettet, dass ein herrenloser Koffer grundsätzlich einen Polizeieinsatz mit Sprengkommando/Wasserwerfer nach sich zieht. Natürlich kann man in diesem Fall sagen, dass bei dem Menschenaufkommen eines Public Viewing erhöhte Aufmerksamkeit und Vorsicht geboten ist. Und ja, es gab in diesem Jahrzehnt Anschläge, die einen skeptisch werden lassen konnten. Aber gab es in den vergangenen Jahrzehnten keine Anschläge?

Denn auch an anderen Stellen wird mittlerweile als erstes von einer Bedrohung ausgegangen, das geht so weit, dass unter Umständen das Abstellen eines Koffers den Tatbestand des Vortäuschens einer Straftat erfüllen kann.

Das hat mich schon vor einigen Jahren davon überzeugt, dass der Frontalangriff auf die Demokratie und das öffentliche Leben ganz anders geführt werden wird als sich Wolfgang Schäuble und andere Paranoiker das vorstellen: Giftgas, Waffen, Selbstmordkommandos in Passagierflugzeugen, Zügen oder U-Bahnen…. weit gefehlt.

Stattdessen werden sich sämtliche Terroristen irgendwann zusammenraufen und alle gemeinsam…. Koffer kaufen gehen.
Mit diesen werden sie ohne nennenswerten Inhalt legal in verschiedene europäische Staaten einreisen, um sie zeitgleich an mehreren tausend öffentlichen Plätzen in ganz Europa stehenzulassen. Vielleicht sogar mehrmals hintereinander. Der flächendeckende andauernde Bombenalarm wird die europäische Polizei so dermaßen in Atem halten, dass sie für alles andere keine Zeit/Personal mehr hat. Damit werden nicht nur Banküberfälle ein Kinderspiel, sondern mit den übermäßigen Absperrungen kommt zudem das öffentliche Leben zum Erliegen und die Wirtschaft wird beeinträchtigt (Lieferanten kommen wegen der Absperrungen nicht mehr weiter, Reisende kommen nicht ans Ziel, Tourismus bleibt aus, Unzufriedenheit des Volkes über die ständige Einschränkung im öffentlichen Leben etc.).

Damit könnten Die Terroristen[tm] wesentlich mehr erreichen als eine Bombe in einem Bahnhof oder auf einem Flughafen, und das alles ohne Sprengstoff, ja sogar ohne tatsächliche Bedrohung von Menschenleben, lediglich durch Ausnutzen der allgegenwärtigen Paranoia.



Mannpreisung
Mittwoch, 30. April 2008, 15:45 Uhr
Abgelegt unter: hirnwindung,musik,popkultur

Dass gerade Stefan Raab Sangestalente entdeckt, macht mich nicht grad euphorisch, aber TV-Unterhaltung kann der Mann ja, was (im Gegensatz zu TV Total) seine abendfüllenden TV-Shows der letzten Jahre ja gezeigt haben.
In diesem Sinne: ja, Stefanie Heinzmann kann singen. Soll sie. Dass sie für meine Ohren eher belanglos klingt, soll hier aber keine Rolle spielen und auch nicht gegen sie verwendet werden.

Aber auch wenn man den Text eines Popsongs nicht überbewerten soll, erscheint es doch seltsam, dass der von ihr besungene Mean Man keine positiven Eigenschaften zu haben scheint. Sie soll ja keinen Biedermann an ihrer Seite haben, aber wenn der ganze Song nur davon handelt, dass die Eltern sich beschweren und er selbst ja so gemein ist, frag ich mich doch, weshalb sie von ihm nicht loskommt sondern trotzig zu ihm hält. Romantisch bei Sonnenuntergang, keiner trinkt so stilvoll wie er, fantastisch im Bett… irgendwas muss ihn doch positiv auszeichnen. Erfährt man aber nicht.

Und spätestens dann wirkt die Leidenschaft, mit der das Lied gesungen wird (“Ich sing hier über große Gefühle!”), ein wenig albern. Den dadurch naheliegenden Gedanken “Froh, einen abgekriegt zu haben?” lasse ich aufgrund von Stillosigkeit weg. Auch, weil ich ihr einen besseren Grund wünsche, an ‘nem Mann zu hängen.



Das Leben, irritiert durch die Kunst
Freitag, 25. April 2008, 14:31 Uhr
Abgelegt unter: hirnwindung

Vor einigen Tagen hat mein PC-Monitor das Zeitliche gesegnet. Das an sich wäre vielleicht nicht unbedingt einen Eintrag wert, aber das Wie und wie es auf mich wirkte, schon eher.

Es handelte sich um einen mittlerweile siebeneinhalb Jahre alten Röhrenmonitor, der in den letzten Wochen immer häufiger mit einem kurzen Zucken die Anzeige meines Desktops links und rechts zusammendrückte. Das Bild bekam sozusagen einen Schluckauf.

Am vergangenen Sonntag war es dann soweit: Ohne größere Vorwarnung bekam das angezeigte Bild schwarz-weiße Streifen, ging dann in ein schwarz-weißes Rauschen über und verkleinerte sich zur Bildmitte hin, wo es in einem einzigen Punkt verschwand. Das Ganze wurde begleitet von einem lauten Knall und heftigem Knistern, und schließlich stieg tiefschwarzer Rauch aus dem hinteren Teil des Gerätes auf. Der Gestank hing trotz intensiven Lüftens noch 24 Stunden später in meiner Wohnung.

Abgesehen davon, dass ich mich sehr erschrak, war mein erster Gedanke: “Das sieht total nach Klischee, völlig gekünstelt aus.” Es war viel zu viel “Typisches” dabei, als dass das echt sein konnte. Als wenn ein Regisseur eines Sketches oder einer TV-Serie den Spezialeffekt-Leuten gesagt hätte: “Los, das muss richtig was hermachen, auch der Dümmste muss beim Angucken wissen: ‘Der Monitor ist hin!’”

Was mich wieder daran erinnert hat, dass ein Vor-Ort-Reporter an einer Flugzeugabsturz-Stelle oder bei einem Waldbrand schon mal berichtet: “Es sieht hier aus wie in einem Katastrophenfilm!

Sind wir nur noch so wenig Realität gewöhnt, dass wir Vergleiche aus der Kultur bemühen müssen, um die Realität zu erfassen? Oder erschreckt uns die Realität erst recht, wenn sie tatsächlich so aussieht wie etwas, von dem wir sonst immer beruhigt sagen können: “Ist ja nur gestellt”?



Und was sammeln wir jetzt? oder: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner ständigen Verfügbarkeit.
Donnerstag, 10. April 2008, 14:05 Uhr
Abgelegt unter: film,hirnwindung,musik,popkultur

Ein erstes Brainstorming, dem noch weitere folgen werden.

Es ist zwar schon zehn Jahre her, aber im großen Zusammenhang gesehen ist es eben doch erst zehn Jahre her, als ich wieder einmal dem überaus coolen London einen Besuch abstattete. 1998 also, der letzte Besuch im alten Jahrtausend.

Die ersten Stationen meiner eigenen Art des Sightseeings führten mich zu HMV, Virgin und Tower Records (anschließend auch zu kleineren Musikgeschäften abseits der großen Straßen).
Zum einen wollte ich neue Musik kennenlernen, was, da ich mich im Heimatland des Pop befand, sogar in den großen Ladenketten ging. Denn das, was dort selbstverständlich und mainstreamig aus den Kopfhörern schallte, wurde in Deutschland im kleinen Club deines Vertrauens oder in einer versteckten Sendung auf VivaZwei(RIP) gespielt.

Und außerdem gab es dort englischspachige Filme! Mit Betonung auf englischsprachig. Endlich Videokassetten mit original englischer Tonspur. Auch die gab es hierzulande nur per Import oder mit langen Wartezeiten in der Videothek des geringsten Misstrauens. Denn auch die Online-Shops des Internets steckten erst knapp in den Kinderschuhen.

Diese Kleinode wurden mit leuchtenden Augen gekauft, nur selten habe ich im Kopf die geforderten Pfund-Preise in horrende D-Mark-Preise umgerechnet, und selbst wenn, war die Aussicht, diesen Film in der Originalfassung oder diese CD endlich selbst in Händen zu halten, ohnehin das entscheidende Argument.

Wieder in Deutschland, habe ich mehr als einmal meinen Kabelnetzbetreiber verflucht, weil er West3, auf dem häufiger Filme in Zweikanalton ausgestrahlt wurden, per Satellit ins Netz einspeiste und deshalb nur schnöder, deutscher Einkanalton übrigblieb.

Mittlerweile lasse ich mir per Mausklick CDs unter deutschem Ladenpreis aus den USA schicken, die in Neuseeland abgefertigt werden. Der CD-Katalog wird nicht mehr durch einen Händler hinterm Tresen zur Verfügung gestellt, sondern ich selbst habe in meinen eigenen vier Wänden am Bildschirm Zugriff auf den “Weltkatalog” der Musik.

(Fast) Jede deutsche DVD-Fassung eines nicht-deutschssprachigen Films enthält die Originaltonspur (“Ich hab ja neulich Tiger and Dragon auf Mandarin gesehen; ganz anderer Wortwitz!”). Man muss einen deutlich exotischeren Filmgeschmack haben als früher, um darüber zu stolpern, dass es bestimmte Filme noch nicht in die deutsche DVD-Veröffentlichung geschafft haben, auch wenn es hier durchaus noch bestimmte Defizite gibt (wann werden z.B. endlich Robert Altmans The Player, Short Cuts und Alan Rudolphs Mrs Parker and her vicious circle in anständigen Editionen auf den Markt geworfen?).
Auch TV-Serien, die auf Video nur spärlich veröffentlicht wurden, überschwemmen den Markt, von hochwertig bis zu “Mein Gott, das hat jemand nochmal auf DVD gepresst??”.

Hinzu kommt, dass ich, wenn ich denn wollte, durch EMule, Torrent und Konsorten jeden nur erdenklichen Film, jede TV-Serie und jedes Musikalbum sehen und hören könnte, gelegentliche längere Wartenzeiten wegen mangelhafter Verfügbarkeit zugestanden. Selbst amazon.de hat einen riesigen DVD-Verleih, wodurch auch die Videothek um die Ecke ihre Wichtigkeit verloren hat.

Wenn ich denn also will, bekomme ich jeden filmischen oder musikalischen Inhalt auf meine Festplatte oder ins Haus. Zu jeder Zeit. Von moralischen und urheberrechtlichen Bedenken abgesehen: ohne Einschränkung.
Und ja, es ist fantastisch, nicht mehr auf den guten Willen oder das (mangelnde) Wissen eines Plattengeschäft-Mitarbeiters angewiesen zu sein, wenn man da neulich so’n bestimmtes Lied gehört hat. Klar ist es ein herrliches Gefühl, sich recht sicher sein zu können, einen Film, den man sehen will, auf DVD zu bekommen und in der gewünschten Sprache anschauen zu können.

Aber was macht das mit mir? Wie beeinflusst dieser Umstand meine Wahrnehmung und Wertschätzung dessen, was ich an medialer Unterhaltung konsumiere? Wie groß ist die Freude, eine CD oder auch nur ein bestimmtes Musikstück gefunden zu haben (und dazu gleich zu besitzen!), wenn ich lediglich in einem Programm oder auf einer Online-Shop-Website die Suchfunktion verwenden muss und mich nicht einmal aus dem Haus bewegen brauche?

Ein Bekannter von mir meinte kürzlich: “Ich hab jetzt 160 Gigabyte MP3s auf meiner Festplatte, ich weiß gar nicht, wie ich mich da jemals durchhören soll.” Das war der Moment, in dem mir auffiel, dass mein CD- und DVD-Sammeltrieb auf einem ganz ähnlichen Prinzip beruhte: Ich war froh und glücklich, dass ich durch den Besitz die Möglichkeit erhielt, zu jeder Zeit “da ranzukommen”. Das war das Besondere daran, eine CD oder DVD sein Eigen zu nennen.
Aber seit einigen Jahren habe ich, wie eben gesagt, all diese Inhalte ohnehin ständig zur Verfügung. Das Besondere des Besitzes einen physischen Datenträgers fällt immer mehr weg. Wenn in absehbarer Zeit in der Filmindustrie das Stream- und Download-Geschäft sich doch mal dazu herablässt, ins Rollen zu kommen, würden sogar, wie schon beim Musik-Download, die Scheiben als Verkaufsgut wegfallen. Verkauft werden also reine Inhalte, keine Objekte, auf denen sie gespeichert sind. Und dazu sind es noch Inhalte, die immer zur Verfügung stehen, da sie keinen Datenträger zum Transport mehr benötigen.

Wenn das also so ist, und der Kauf/Besitz einer DVD, CD oder einem ähnlichen Medium nicht mehr Voraussetzung ist, um Zugriff auf gewünschte Filme, Musik oder TV-Serien zu haben, wird meine Musik- und Filmsammlung quasi überflüssig. Und daraus ergibt sich die überschriftgebende Frage, die ich für mich noch nicht beantworten kann:
Was sammeln wir jetzt?

Geht etwas verloren, wenn das Gefühl fehlt, ein konkretes Objekt zu besitzen, auf dem sich der gewünschte Inhalt befindet? Wenn ja, was? Wenn nein, ist das schlimm und wird es vielleicht sogar durch irgendwas ersetzt? Schätzen wir Musikstücke und Filme weiterhin genauso, wenn wir sie alle einfach immer bekommen können, ohne den geringsten Jagdinstinkt einsetzen zu müssen?

[EDIT 13.10.2008: Zu diesen Gedanken passt wunderbar ein Artikel drüben beim Spreeblick.]