“Das ist Gesetz. Wo gäbe es da einen Irrtum?”
(aus: Franz Kafka, “Der Prozeß”)
Dass die Deutsche Nationalbibliothek deutsch(sprachig)e Publikationen aus dem Printbereich sammelt, ist ein hehres Anliegen, schließlich ist der Printbereich dadurch gekennzeichnet, dass er nicht allen jederzeit zugänglich ist. Deshalb ist die Prämisse des Sammelns, Archivierens und zur Verfügung stellen dort sinnvoll.
Als ich vor mehr als einem Jahrzehnt das Internet für mich entdeckte, herrschten dort, also hier, noch etwas andere, “unsicherere” Zustände. Juristische Grauzonen, was das Kopieren und Veröffentlichen von Texten und anderen Inhalten anging, viele Websites, die auf Geocities oder ähnlich vertrauenerweckenden Hosts zugänglich waren. Deshalb speicherte ich mir damals durchaus die eine oder andere Webseite ab, man konnte ja nicht wissen, ob es die einen Monat später noch gab.
Aber das ist 10-11 Jahre her! Mittlerweile sind handfeste, werbefreie Domains für wenig Geld zu haben und auch sichere kostenlose Webhosts verfügbar, man denke nur an die zahlreichen Bloghosts. Es gibt also keinen Grund mehr, seine Festplatte mit Webpages zuzumüllen. Man kommt ja immer an die gewünschten Inhalte heran. Und falls sie an einer Stelle weg sind, gibt es Alternativen, Mirrors oder auf einer anderen Website wird dieselbe Datei zur Verfügung gestellt.
Nur: die Deutsche Nationalbibliothek will nun laut einer neuen Verordnung allen Ernstes das “deutsche” Internet archivieren. Alle Websites, die über rein private oder rein geschäftliche Inhalte hinausgehen, sollen, verkürzt gesagt, von den jeweiligen Betreibern gezippt und der DNB zugesandt werden.
Damit die DNB ein Archiv hat, von dem, was im Internet verfügbar ist. Um es zu sammeln und zu katalogisieren… Und es bleibt eigentlich nur eine Frage übrig:
Warum werden die Websites gesammelt, wenn der Raum, in dem sie ohnehin bereits komplett gesammelt und durchsuchbar sind, jedem Menschen mit PC und Internetanschluss zur Verfügung steht -
NÄMLICH IM INTERNET??
So rennt ein Jahrzehnt dahin
Am 20. August 1998 startete Tom Tykwers Film Lola rennt in den deutschen Kinos.
Am 14. September 1998, also heute vor exakt zehn Jahren, ging meine private Fanpage über Tom Tykwer online. Auch wenn sie veraltet ist und Tom seit einigen Jahren seine eigene hat – sie ist immer noch online.
So ein Jahrestag bringt einen wirklich zum Nachdenken angesichts all der Aspekte, Erlebnisse und Erinnerungen, die mit dieser Website und dem nun abgelaufenen Jahrzehnt verknüpft sind. Mal schauen, wie ich das alles geordnet kriege und ob es in einen Blog-Eintrag passt.
Da ist zunächst der technische Aspekt des Internets:
- Die erste Adresse war eine Geocities-Adresse(!), da 1998 eigener Webspace unerreichbar oder unbezahlbar war (und eine Uni-Adresse mochte ich dafür einfach nicht). Das Layout, so gruselig, wie die meisten privaten Webseiten zu der Zeit aussahen, war nichts für schwache Nerven. Ich glaube, nur <blink> hab ich mir tatsächlich von Anfang an verkniffen.
- Es waren nicht einmal 7 Millionen Menschen in Deutschland online, und die “surften” (eher: schlichen) auch noch mit Modem im Netz herum, was dazu führte, dass schon das Hochladen eines Bildes, das mehr als 100 KB groß war (und das beim Surfen auf die Website ja runtergeladen werden musste, um angezeigt zu werden), von einem schlechten Gewissen begleitet war. So musste auch jeder Link zu einer riesigen 6 MB-Film-Datei mit einem Warnhinweis auf deren Größe versehen werden.
- Das Internet war noch geradezu übersichtlich. Die Internet-Suche fand bei altavista.com(!) statt, und es lohnte sich tatsächlich, alle paar Tage mal nachzuschauen, ob die Stichworte “Tom Tykwer” ein paar neue Seiten ausspuckten. Auf die konnte man dann aufgeregt auf der eigenen Homepage verlinken, da neue Seiten oder Artikel zu der Zeit noch nicht in einem unüberschaubaren Maß hinzukamen. Natürlich muss man dazu sagen, dass Tom zu der Zeit außerhalb Deutschlands auch noch nicht bekannt war, der internationale Release von Lola rennt war noch ein dreiviertel Jahr entfernt.
Dann die Internetkultur:
- Zwischen Websites wurden Links getauscht, man war Mitglied in verschiedenen Webrings, um gemeinsam in der stetig wachsenden Menge an Internetseiten zumindest die eigenen Interessengebiete präsentabel zu halten.
- Der Zulauf zum Usenet mit seiner Unmenge an Newsgroups hatte seinen Höhepunkt noch nicht mal erreicht, und da sie ja textbasiert waren und deshalb vergleichsweise wenig Bandbreite benötigten, waren sie der ideale Tummelplatz, um mit Leuten über alles zu diskutieren.
- Überhaupt: die Tatsache, dass man über E-Mails, Webseiten, Mailinglisten und Newsgroups mit Menschen aus aller Welt(!) in Kontakt treten konnte, war das, was einen wirklich umgehauen hat. Ich erinnere mich noch, als ich die jeweils erste E-Mail-Anfrage wegen meiner Website über Tom aus den USA und Japan bekam, das war ein unglaubliches Gefühl. Die (nachvollziehbare) Selbstverständlichkeit von heute lässt mich manchmal die Euphorie von damals etwas vermissen.
- Es ist seltsam, festzustellen, dass es im Jahre 2008 bereits Menschen gibt, die sich ganz selbstverständlich im Internet bewegen und so etwas wie Webrings, Mailinglisten und Newsgroups gar nicht mehr kennen. Was aber natürlich nachvollziehbar ist, da diese Werkzeuge quasi aus der Not der Bandbreite geboren wurden und heutzutage in Foren und Blogs, die man DSL besucht, schlicht unnötig geworden sind. Aber es sind Werkzeuge, die mich in meinen ersten Internetjahren immer begleitet haben.
Tom Tykwers Filme:
- Im Winter 1997 sah ich zum ersten Mal Winterschläfer, ohne je den Namen Tom Tykwer gehört zu haben, nur Heino Ferch, der mitspielte, sagte mir etwas. Der Film war seltsam, und lotete die Grenze zur Glaubwürdigkeit aus, weil alles, was passierte, so unwahrscheinlich (aber eben nicht unmöglich) war. Aber vor allem sah ich nach der Beziehungskomödienwelle mit ihrer sachlichen, zweckdienlichen, aber nicht beeindruckenden Kameraarbeit endlich einen deutschen Film, der sich um Kinobilder bemühte. Der mit Bildern und Musik eine traumartige und traumhafte Atmosphäre schuf. Der sich Zeit ließ und in dem ein Unfall wie in Zeitlupe abzulaufen scheint, obwohl gar nicht nur Zeitlupe verwendet wird. Und ein Film, in dem die Protagonisten zunächst einmal “ungewöhnlich” handeln, und man im Laufe des Films immer mehr entdeckt, weshalb sie so handeln. Ein Prinzip, das Tom später in Der Krieger und die Kaiserin beeindruckend auf die Spitze trieb.
- Über Lola rennt und die dazugehörenden Erinnerungen schreibe ich noch einen eigenen Eintrag.
- Im August 2000 bekam ich per Mail einen Hinweis, dass in Hamburg eine Pressvorführung von Der Krieger und die Kaiserin lange vor dem Starttermin stattfinden sollte. Klar konnte ich mir das nicht entgehen lassen und setzte mich in Bremen in den Zug, um gegen 10 Uhr morgens (die Vorteile des Studentenlebens) ohne weitere Nachfrage nach Hamburg in ein mir unbekanntes Kino zu fahren. Dummerweise war zeitgleich eine andere Pressevorführung anberaumt worden, weshalb die Zahl der Leute im Foyer unangenehm übersichtlich war. Als ich am Tresen vorsichtig nachfragte, ob das hier richtig wäre für die Aufführung des neuen Tykwer-Films, wurde ich an die Frau verwiesen, die direkt neben mir saß, es war Maria Köpf, Produzentin von X-Filme. Es war einerseits schon witzig, ihr die Hand geben zu können, andererseits kam ich mir für einen Augenblick wie der aufdringliche unangenehme Fan vor, der sich zuviel rausnimmt und den Beteiligten damit auf den Geist geht. Aber als ich dann erklärte, weshalb ich von der Vorführung wusste, durfte ich bleiben, mir ein Presseheft schnappen und Toms neuen Film auf der großen Breitwand-Leinwand genießen.
Soviel fürs Erste. Das ist noch lange nicht alles, aber jetzt geht mir grad die Puste aus.
Als LoIa rennt rauskam, gab es außer einer minimalistischen “Website zum Film” und einigen Filmkritiken quasi nichts über Tom im Netz zu lesen. Und so wurde, für mich überraschend, meine Website damals tatsächlich die erste, die sich speziell mit dem Werk Tom Tykwers beschäftigte.
Zehn Jahre im Netz kommen mir vor wie 20 Jahre im echten Leben. Und es ist unfassbar, was sich seitdem alles geändert hat. Unser Umgang mit Informationen, die Verfügbarkeit von (zuviel) Informationen, und natürlich die Selbstverständlichkeit dieser Verfügbarkeit. Mal sehen, wie sich die kommenden zehn Jahre in zehn Jahren anfühlen.