Du spürst das Gras…
…hier und da bewegt sich was, es macht dir Spaß, nein es ist nicht nur das…

Aphorismen als Selbstsabotage
Dienstag, 21. Juli 2009, 19:53 Uhr
Abgelegt unter: hirnwindung, literatur

Aus mir wird sowieso kein berühmter Schriftsteller mehr; wer weiß, ob es in zehn Jahren überhaupt noch Bücher gibt.



Ich spieße, also bin ich – oder: Die Umhängetasche als Wurzel allen Übels
Montag, 22. Juni 2009, 20:11 Uhr
Abgelegt unter: aufreger, literatur, polemik, popkultur

In einem Gebrauchsgegenstand kann soziologischer Sprengstoff stecken. Denn jeder, der eine Umhängetasche trägt und vielleicht schon Mitte 30 ist, ist nicht erwachsen. Sagt zumindest Martin Reichert in Wenn ich mal groß bin. Das Lebensabschnittsbuch für die Generation Umhängetasche (Fischer Verlag, 2008).

Es ist kein Sachbuch, denn dazu ist es zu unsachlich. Als Polemik geht es wohl noch durch.

In diesem Buch setzt Reichert voraus. Und zwar ständig.
Die Leserschaft, die von ihm, total erwachsen, gesiezt wird, sitze ja vor einem MacBook, das ja die Eltern oder Großeltern der Leserschaft spendiert hätten.
Die Leserschaft verstehe sich ja in langzeitadoleszenter Manier auf dem Job immer besser mit den Praktikanten als mit den Arbeitskollegen.
Sie würde bestimmte Klamotten tragen (Kapuzenshirts! Converse!).
Sie würde immer noch Pop-Musik hören. Mit einem iPod.
Sie würde keine vernünftigen Möbel besitzen, sondern immer wie “auf dem Sprung” eingerichtet sein.

Wer es noch nicht begriffen haben sollte: all diese Dinge sind daneben und ziemen sich selbstverständlich nicht mehr, wenn man laut Reichert (Jahrgang 1973) wirklich erwachsen ist.

Auch im Job, wo “man” sich ja als Freelancer durchschlägt, hat “man” Angst vor den ehrgeizigen, jüngeren Emporkömmlingen und ist besonders deshalb in der Karriere noch nicht vorangekommen, weil “man” sich eben in berufsjugendlicher Art nicht genug bemüht hat. (Ist so ein Blick auf den aktuellen Arbeitsmarkt jetzt altbacken, naiv oder zynisch?)

Dass jemand überdenken sollte, ob er für die wieder in Mode gekommenen Röhren-Jeans noch die passende Figur hat, ist ein Allgemeinplatz Reicherts, der weder für eine Generation noch für einen selbstständig denkenden Menschen überhaupt einen Mehrwert hat. Deswegen genügt ihm diese Aussage auch nicht, sondern er muss noch einen draufsetzen:

Es kann Sie ja niemand zwingen – aber ist Ihr jetziger Kleidungsstil wirklich das Nonplusultra für den Rest Ihres Lebens? Soll das immer so weitergehen?

Ein erwachsener Mensch ist “ordentlich” gekleidet [Ach was?!].

Außerdem müsse man doch endlich einsehen, dass man nicht mehr so viel Alkohol verträgt, und so oft Party machen ginge ja nun auch nicht mehr. Und man soll sich gefälligst eine(n) feste(n) Sexualpartner(in) suchen. Des Weiteren schaue man zuviel infantile Comedy, erwachsener Humor hingegen sei so etwas wie Dittsche.

Außerdem soll, bahnbrechender Tipp, keine Poser-Karre, sondern ein sparsames und vernünftiges Auto gefahren werden, von dessen Rücksitz aber der Schlafsack des Roskilde-Festivals 2002 endlich entsorgt werden soll(?).
Und nicht immer alles fotografieren, sondern es auch wirklich selbst erleben.

Der eine oder andere Satz in diesem Buch ist nicht grunsätzlich verkehrt. Auch das eine oder andere Detail ist würdig, darüber nachzudenken. Aber selbst diese wenigen ansprechenden Punkte sind wieder als herablassender Ratschlag formuliert und werden vom Autor manisch in die Kategorien “unerwachsen/schelcht” und “erwachsen/gut” einsortiert.

Das gesamte Buch hindurch nimmt Martin Reichert an, was seine Leserschaft macht, wie seine Leserschaft denkt, wie sie aussieht, wie sie sich benimmt und was sie will oder nicht will.
Und dann beschreibt er, dass Erwachsene anders sind als seine Leserschaft. Er sagt also, dass Erwachsensein anders ist als das, was er von seinen Lesern annimmt(!)…

Permanent legt er den Lesern Worte in den Mund oder Verhaltensweisen nahe, um dann mit erhobenem Zeigefinger den nervenden Großonkel auf einer Familienfeier zu spielen, der einen schon immer mit “Wenn du erst mal verheiratet bist”-Sprüchen genervt hat.

Wer eigentlich gleich diese ganze “Generation” sein soll, gegen die Reichert sich richtet, wird im gesamten Buch nicht klar, spätestens ab Seite 10 fragt man sich: “Welche seltsamen Exemplare unserer Gesellschaft hat dieser Mann getroffen und weshalb meint er darin eine ganze Generation zu erkennen?”

Vielleicht soll so manche Formulierung sogar ironisch und nicht so ernst gemeint sein, damit verstieße der Autor aber gegen seine eigenen Grundsätze, denn als Erwachsener hat man die Dauerironie ja hinter sich gelassen. Und 235 Seiten kann man nicht mit Ironie oder “lockerem Ton” rechtfertigen.
Und so bleibt nur der Schluss, dass er sein vor Arroganz triefendes Dozieren tatsächlich ernst meint.

Weshalb die Frage bleibt, was genau Reichert da eigentlich so vehement verurteilt und was er so dringend als erwachsenes (sprich: “richtiges”) Verhalten verteidigen möchte.

Denn: ist es besonders erwachsen, sich über eine Unmenge von Gegenständen, Ansichten, Verhaltens- und Lebensweisen in panischer Manier Gedanken zu machen, ob diese auch wirklich absolut zu einem “erwachsenen” Erscheinungsbild passen?

Wenn ich mal groß bin ist ein widerliches, nervtötendes Buch, dessen Autor mit erhobenem Zeigefinger und in herablassendem Ton seine eigene ekelerregende unfassbare Spießigkeit als fortschrittliche Änderung der Lebensweise einer ganzen Generation verkaufen will. Einer Generation, die so alt ist wie er, die er aber ablehnt. Weil er ja jetzt erwachsen ist.

Ein Geisterfahrer? Tausende!



Fröhlichen Handtuch-Tag!
Montag, 25. Mai 2009, 18:50 Uhr
Abgelegt unter: literatur, nachruf, popkultur

Heute ist natürlich Towel Day. Und herrje, ist es wirklich schon acht ganze Jahre her, dass Douglas Adams von uns gegangen ist?



Kann mich gar nicht entscheiden, alles so schön feucht hier
Freitag, 23. Mai 2008, 16:08 Uhr
Abgelegt unter: gender studies, literatur, popkultur

Was war?
Landauf, landab wird über das Phänomen Charlotte Roche diskutiert. Madame tingelt durch die TV-Shows und liest vor ausverkauften Häusern, das Feuilleton kratzt sich am Kopf und fragt sich, wie der Erfolg ihres schriftstellerischen Erstlingswerkes Feuchtgebiete denn bloß zustande kommen kann.
Ich möchte dieser Diskussion eine neue Facette hinzufügen:
Ich habe Charlottes Buch tatsächlich gelesen.

Was ist?
Der Inhalt ist tatsächlich so schnell erzählt wie häufig kolportiert und lässt sich mit den ersten beiden Sätzen auf der Buchrückseite zusammenfassen: “Nach einer missglückten Intimrasur liegt die 18-jährige Helen auf der Inneren Abteilung von Maria Hilf. Dort widmet sie sich jenen Bereichen ihres Körpers, die gewöhnlich als unmädchenhaft gelten.” Das macht sie 220 Seiten lang, und zum Schluss gibt’s ein kleines Happy End.

Das ist grundsätzlich in Ordnung, es gib viele Romane, deren tatsächlicher Inhalt und konkrete Handlung nebensächlich sind. Es geht dann stattdessen um Gefühle, Situationsbeschreibungen, emotionale Weiterentwicklung, raffinierte literarische Formulierungen oder treffende Atmosphären-Beschreibungen.

Trotz einer Hand voll gelungener Ausdrucksweisen bietet Feuchtgebiete all dies allerdings nicht. Es gibt weder einen nennenswerten roten Faden in Bezug auf die Geschehnisse im Krankenhaus noch eine nennenswerte Entwicklung in Helens Gefühlsleben oder ihren Emotionen. Für eine literarisch-ansprechende Beschreibung der Situation fehlt es Helen zum einen an Ausdrucks- und Reflexionsvermögen und zum anderen ist ihr das eigene Ego dafür viel zu wichtig und deshalb im Weg.

Stattdessen ist alles, was die geneigte Leserschaft beim Schmökern erlebt, eine 18-jährige im Dialog mit sich selbst, die erfahren über Sex berichtet, die Ausdrucksweise einer 12-jährigen hat, die egozentrisch-naive Weltsicht einer 8-jährigen und die Bockigkeit einer 5-jährigen. Hinzu kommt die Körpersekretfixierung einer 3-jährigen.

Alle vorkommenden Themen werden immer nur kurz angerissen, ohne dass sich daraus am Ende des Buches mit einem wenigstens kleinen Aha-Effekt ein Gesamtbild ergäbe: Helens Ablehnung von Sauberkeit, ihre Ablehnung der Kirche, ihre (schlimme) familiäre Vergangenheit, ihr selbstverletztendes Verhalten, ihre Hyperaktivität… alles wird immer schön knapp und provokant in Szene gesetzt, und dabei bleibt es, wodurch sämtliche Erläuterungen, weshalb Helen so ist, wie sie ist, nichts als Klischees bleiben: Scheidungskind, darum gestört, Mama konnte sich nicht durchsetzen und ist selbst gestört, ein traumatisches Ereignis in der Kindheit etc.

Und schon ist sie, ihrem kindlichen Verhalten entsprechend, bei einem ganz anderen Thema oder “muss jetzt rumlaufen”. Überhaupt muss Helen immer was machen. Von der Beschäftigung mit Körpersekreten bis zu Weintrauben, in die sie mit Hingabe Nüsse und Rosinen friemelt, natürlich beträufelt mit ihren eigenen Tränen. Das ist jedoch keine bewusste Beschäftigungsmaßnahme, die sie selbstironisch als solche entlarven würde (weil sie körperlich eingeschränkt im Krankenhaus liegt und sich mit irgendetwas von der Langeweile ablenken müsste), sondern für sie wirklich wichtig, zumal sie auch aus ihrem sonstigen Leben ausschließlich die pathologische Beschäftigung mit Kleinigkeiten berichtet.

Das Einzige, das ausführlich dargestellt wird, ist Helens Körpersäfte-Obsession, die durchaus an Tabus rührt und begründeter Anlass für das Aufsehen (aber nicht unbedingt für die Ablehnung) ist, das das Buch hervorgerufen hat.

Helen will ihre seit langem geschiedenen Eltern wieder zusammenbringen und verletzt sich dafür im Krankenhaus ein weiteres Mal selbst, um einen längeren Krankenhausaufenthalt zu provozieren. Warum? Damit es einen längeren Zeitraum gibt, in dem die Eltern sie gemeinsam im Krankenhaus besuchen können und so wieder zueinanderfinden. In Helens Kopf ist das ein funktionierender Plan. Es würde schon eine große literarische Gabe erfordern, um eine solche psychologische Verdrehtheit so in eine Persönlichkeit einzubetten, dass man mit der Hauptfigur mitfühlt und denkt “Schade, da ist ihr Spleen jetzt etwas mit ihr durchgegangen, hoffentlich kriegt sie die Kurve wieder.” Roche versucht dies aber nicht einmal, sondern belässt Helens Weltsicht in der Trotzigkeit eines Kindes.

Jeder gelungene Bösewicht hat sympathische oder faszinierende Eigenschaften, und jeder gute Held hat einen dunklen Fleck. Helen Memel ist einfach nur naiv, bockig, egozentrisch, kurz: nervig, wodurch das Mitfühlen mit der Romanheldin unmöglich wird und man für ein Nachdenken über ihre Ansichten (die eigentliche “Message” des Buches sozusagen) schlicht die Lust verliert.

Was bleibt?
Es ist irreführend, dass Charlotte Roche ausgerechnet mit diesem Buch das Banner gegen übertriebene Hygiene hochhält. Sie hat immer wieder kundgetan, dass sie mit diesem Buch gegen die (angebliche) gesellschaftliche Norm angehen möchte, dass Frauen eine Komplett-Intimrasur machen müssten und nie nach sich selbst duften dürften.
Dieser Ansicht stimme ich auch zu, nur – es besteht ein großer Unterschied zwischen der Kritik an der antibakteriellen Welt einer Heidi Klum und dem Dreck-Fetisch einer Helen Memel.
Mit ihr gegen die Absurditäten des Schönheitswahns anzugehen, erscheint so, als wenn jemandem die “übertriebene Intellektualität” Roger Willemsens auf den Geist geht und als Gegenmaßnahme Herrn Bohlen in die Arena schickt.

Darüber hinaus fällt noch etwas auf: Von den VIVA-VJs Gülcan und Johanna über Breitmaulslang sprechende Protagonistinnen aus MTV-Kuppelshows bis zu den dekadenten Berichten, wer für sein Hündchen eine große Villa in Palm Beach hat bauen lassen – all diese Mädchen aus der Popkultur sind doch genau wegen eben jener Mischung aus Zickigkeit, Bockigkeit, Selbstgefälligkeit und Naivität nicht zu ertragen oder gar ernstzunehmen. Von Unterschieden in der “Reinlichkeit” abgesehen, passt Helen Memels Charakter sehr gut in diese Reihe.
Und ausgerechnet Charlotte Roche kann nun wirklich nicht gewollt haben, dass man die Protagonistin ihres Buches aus denselben Gründen unsympathisch findet und ablehnt wie bei den Mädchen, gegen die sich das Buch richtet.

Und nu’?
Das eigentliche Buch tritt mittlerweile komplett in den Hintergrund, was gut ist, denn sonst würde irgendjemand mit einer einzigen Frage die ganz Diskussion abflauen lassen: “Dieses literarisch versandete Werk beschäftigt uns jetzt schon seit mehreren Monaten??”
Oder wie es Christian Kortmann in der taz ausdrückte: “Reaktion schafft das Werk.” Weiter führt er aus, dass der Roman einen nicht zum besseren Menschen mache und auch nichts hängenbleibe, aber man könne mitreden.

Die Diskussion über das Thema anzustacheln, das laut Charlotte Roche eigentlich das Thema des Buches hätte sein sollen, hat sie natürlich trotzdem geschafft und das ist ihr positiv anzurechnen. Der Meinungswust über Geschlechterrollen, Hygiene, Feminismus (oder was dafür gehalten wird) und Schönheitsideale ist längst am eigentlichen Buch vorbeigerollt und hat eine Eigendynamik entwickelt, durch die Feuchtgebiete nur noch Stichwortgeber und schon lange nicht mehr Gegenstand des Diskurses ist.
Nicht nur in diversen Fernsehauftritten, sondern auch in verschiedenen Interviews spiegelt sich wider, dass Charlotte Roche selbst wesentlich konzentrierter und näher an ihrer gewünschten Aussage dran ist als Helen Memel in ihren besten Momenten.