So lautet der Untertitel von Douglas Couplands Buch “Generation X”. Das im Jahr 1991 erschienen ist. Herrje, vor gut 18 Jahren also. Zu der Zeit stieg die beschriebene Beschleunigung noch so gemächlich an, dass Handys nicht verbreitet waren und nicht annähernd die bescheidenen Außenmaße hatten, wie wir sie jetzt kennen. Das Internet war zwar da, wurde aber nicht von einer breiten Masse verwendet, und die Übertragung größerer Datenmengen, wie sie für Musik oder gar Videos benötigt wurden, waren im wahrsten Sinne des Wortes Zukunftsmusik.
Was war das spannend und schön, diese ganze technische Revolution und die damit verbundene kulturelle/soziologische Veränderung bewusst mitzuerleben, besonders, wenn man noch die Zeit “vor dem Internet” kennt.
Noch in der ersten Hälfte dieses Jahrzehnts gab es kein Youtube, und user generated content wurde zu einem überwiegenden Teil durch html-Kenntnisse ermöglicht.
Ich bin jetzt Ende 30 und kenne in groben Zügen HTML und CSS, ich habe eine Website betrieben, ich schreibe in einem Blog, lese meine RSS-Feeds von anderen Blogs und lese mehr Online-Inhalte als Tageszeitunge. Bezogen auf den Teil meiner Freunde, die nicht jünger sondern in meinem Alter sind: Gegenüber denen bin ich, ich muss es so sagen, in Sachen Internet-Affinität voraus. So seltsam sich das auch für mich selbst sowie für jeden unter 30 anhören muss.
Ich liebe das alles, die Vernetzung, die Möglichkeiten, den Zugriff auf so unglaublich viel Musik, Film, Information, Meinungsaustausch. Mein DSL- ist mir wichtiger als mein Telefon-Anschluss.
Trotzdem erwische ich mich dabei, wie ich denke, dass Couplands Untertitel erst heutzutage so richtig greift. Denn ich werde den Eindruck nicht los, dass die Informationsmöglichkeiten meinen Kenntnisstand etwas schizophren werden lassen:
Auf der einen Seite kann ich mich genauer als je zuvor über alle z.B. politischen Vorgänge informieren, mein Hintergrundwissen hat subjektiv mit der Hilfe des Internets tatsächlich zugenommen. Einfach, weil man mal eben (und dieses nebenbei-hafte ist dabei sehr wichtig) Stichworte wie “Überhangmandat” nachschauen kann. Und eben auch so etwas wie “CDU-Spendenaffäre”, das man im Brockhaus (ein Lexikon, die deutlich Älteren werden sich erinnern) garantiert nicht finden konnte.
Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass ich immer weniger einen Überblick über die tagesaktuellen politischen Geschehnisse habe. Woher kommt es, dass ich den Eindruck habe, früher “besser” darüber informiert gewesen zu sein, wer sich wo wie geäußert hat oder wer welches Gesetz durchdrücken will?
Dauerten Skandale (Bestechung, üble Nachrede, Nazi-Vergleiche, ungeschickte Äußerungen, Gesetzesänderungs-Vorschläge, Umweltverschmutzung durch Konzerne, was auch immer) früher wirklich länger oder mahlten die Medien-Mühlen einfach langsamer, weil sie ausschließlich von Presse und TV geprägt waren?
Weshalb kann ich mich immer noch an politische Fehltritte der 80er und 90er erinnern, musste aber bei Rob Savelbergs wunderschöner Frage an Frau Merkel tatsächlich kurz überlegen, wie das mit dem Schäuble und der Spendenaffäre noch war? Und nicht nur die Skandälchen: wann war nochmal die Tsunami-Welle, wann genau wurde Hartz IV eingeführt, wann bekam Kofi Annan seinen Nachfolger…
Es geht nicht um die einzelne Information – von der einzelnen Information kann man sagen, sie sei unwichtig und man könne auch ohne sie gut leben. Es geht mir um den Überbau: ich habe den Eindruck, als wenn ich in diesem Jahrzehnt immer weniger einen Überblick über das Geschehen in der Welt, in Europa oder einfach in Deutschland habe.
Und dieses Phänomen breitet sich auf jeden anderen Aspekt meines Lebens aus: ich bestelle fast beliebig CDs aus den USA, die mir über Neuseeland unterhalb des deutschen Ladenpreises geliefert werden, und ich habe mit Youtube, last.fm und myspace mehr Zugriff auf solche Massen von Musikstilen und Bands, als ich jemals hören kann. Ich könnte deshalb Anhänger eines einzigen Musikstils sein, und würde doch nicht mehr hinterherkommen.
Das, was VHS nicht leisten konnte, ist Wirklichkeit geworden: dass ich auf alle möglichen (okay, stimmt nicht, aber auf verdammt viele!) Klassiker oder skurrilen Nischenprodukte der Filmgeschichte Zugriff habe. Bis man auf VHS auf so etwas wie eine Originalfassung eines simplen Bogart-Films herankam, waren viel Geld und viel Geduld nötig, oder aber man resignierte lieber gleich. Das ist im Jahrzehnt der DVD dankenswerterweise anders.
Nur: Filme haben inzwischen eine Halbwertzeit von vier Wochen, bevor sie in den kleinsten Saal des Multiplexes rutschen, und drei Monate später kommen DVD und Blu-Ray sowieso raus. Okay, manchmal sind’s auch fünf Monate.
Das hat zur Folge, dass sich in immer mehr Bereichen meines Lebens eine Atemlosigkeit breitmacht: Filme sind aus dem Kino verschwunden, bevor ich sie registriert habe, Musik wird immer schneller der Schnee von gestern und ich überlege, wie ich Internet-Portale überhaupt noch überfliegen kann, ohne nicht zwei Stunden für reine Informationsaufnahme zu veranschlagen.
Und damit habe ich popkulturelle Phänomene wie das Kennen des neuesten Youtube-Hypes noch nicht mal erwähnt.
Es ist wunderschön, dass es all diese Möglichkeiten gibt, aber es wird zu viel. Das Grundrauschen, zwischen dem ich zu orten versuche, was wichtig, interessant und schön für mich ist, wird mir allmählich zu laut.
In jedem politischen oder auch popkulturellen Bereich wird jede Sau, ob nun positiv oder negativ, immer schneller durchs Medien-Dorf getrieben, und dementsprechend muss auch immer schneller eine neue Sau gefunden werden. Mittlerweile rennen so viele Säue gleichzeitig durchs Dorf, dass man schon von Schweinpanik sprechen könnte.
Oder webzweinullig gesagt: Ich glaube, ich leide unter “Did You Know1 Stress Disorder”[tm].
Die Lösung, sich aus all dem zurückzuziehen, gefällt mir jedoch nicht. Denn es handelt sich ja um Aspekte meines Lebens, die ich schätze. Sie werden nur immer schwerer in ihrer Komplexität greifbar.
Ich weiß, dass es eine aktuellere Version des Videos gibt (was für eine Ironie bei diesem Thema), aber die 3.0-Version ist erstens immer noch sehenswert und zweitens passt sie besser zu diesem Eintrag. ↩
Sieh mal an, so kann Online-Kommunikation im Jahr 2009 also funktionieren, und das “sogar” mit etablierten Redaktionen. Dieser Satz klingt zwar wahlweise kindlich-naiv oder wie eine Binsenweisheit, aber schon das Stöbern bei Stefan Niggemeier macht deutlich, wie störrisch sich viele Online-Redaktionen im Umgang mit Leserkommentaren im Allgemeinen und mit deren konkreten Hinweisen auf Fehler in Artikeln im Besonderen immer noch aufführen.
Deshalb ist es tatsächlich bemerkenswert, dass dieser Artikel im Tagesspiegel über die E-Petition gegen Internet-Sperren1 bereits zweimal unbürokratisch geändert wurde:
Die einleitende Formulierung klang sehr unglücklich:
„In nur vier Tagen haben sich auf der Website des Bundestags bereits über 50.000 Menschen gegen Ministerin von der Leyens Vorhaben ausgesprochen, Kinderporno-Seiten zu sperren.“
Jetzt klingt sie so:
“In nur vier Tagen haben sich auf der Website des Bundestags bereits über 50.000 Menschen gegen die Netzsperren ausgesprochen.”
Gleich ein ganz anderer Schnack. Der Hinweis kam auf Spreeblick, und nach dem Lesen des Artikels schrieb ich eine kurze Mail an die Tagesspiegel-Redaktion, da auch im dritten Absatz sich die Formulierung zu wiederholen schien:
“Die Initiatorin der Online-Petition macht sich keine Hoffnung, die geplante Sperre von Kinderpornografie im Netz aufhalten zu können.”
Ganze sieben Minuten später(!) kam eine freundliche Antwort-Mail, und der Satz wurde ebenfalls in dieser Zeitspanne geändert, in ein wesentlich schöneres und treffenderes:
“Die Initiatorin der Online-Petition macht sich keine Hoffnung, das Netzsperren-Konzept der Bundesregierung aufhalten zu können.”
Natürlich wird irgendwer fragen: “Hat der nix Besseres zu tun?”
Aber erstens: die Kommunikation als solches ist schnell und problemlos, also warum sie nicht nutzen, um auf dergleichen (in freundlichem Ton) hinzuweisen?
Und zweitens: es geht nicht um einen vergessenen Buchstaben oder Verb ohne Endung, sondern um eine Formulierung, die eine Tendenz wiedergibt, die nicht der E-Petition entspricht. Darauf sollte man aufmerksam machen.
Dass es dann wirklich so flott angenommen und auch noch treffend geändert wird, ist aber in der Tat eine nette (da nicht selbstverständliche) Sache.
Die notwendigen 50.000 sind bereits erreicht, aber egal: Mitmachen! Je größer die Zahl, desto schöner! Ich hatte mich über das Thema ja schon ausgelassen. ↩
Es hat zwar noch keine Menschenaufläufe gegeben, bei denen öffentlich Ausgaben der taz verbrannt wurden, aber rhetorisch hatten die letzten Tage in Sachen Christentum mal wieder so einiges zu bieten.
Am Anfang war das Titelbild der taz vom vergangenen Samstag:
Und dann war da der Mediendirektor des FC Bayern München, Markus Hörwick, der sich nicht zu blöd war, im Interview der Zeit mit Jürgen Klinsmann einzuwerfen: “Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass wir gegen die vielleicht schlimmste Entgleisung, die es je in den deutschen Medien gegeben hat, rechtlich vorgehen werden.”
Hierbei fallen mir zwei Dinge auf:
Erstens, wer das als die ultimativ schlimmste Entgleisung in den deutschen Medien empfindet, gleichzeitig beim Rumpelstilzchen-Rumpoltern aber offenbar ignoriert, dass verschiedene Persönlichkeiten des FCB äußerst häufig und gern mit den Boulevard-Medien1 zusammenarbeiten, ist ja schon mal der Heuchelei überführt.
Und zweitens (und diese Frage meine ich ganz ernst!): Wo ist die Entgleisung? Im wortwörtlichen Sinne verstehe ich die Aufregung nicht.
Der Trainer ist immer am schnellsten schuldig zu sprechen, ganz egal, ob dies der Realität entspricht, und somit am leichtesten zu opfern, um zu suggerieren, dass es allen anderen durch dieses Opfer besser geht.
Da passt der Vergleich zu Jes… also: zu Brian doch ganz vorzüglich, dem erging es schließlich genauso.
(Pointen erklären ist natürlich ganz großer Mist, aber hilft ja nix, wenn ich darüber schreiben will, warum Herr Hörwick daneben liegt. Schon allein, weil ich sowas machen muss, ist mir der Herr unsympathisch. Herr Klinsmann, seit er diese Klage allen Ernstes durchzieht, allerdings ebenso.)
Und deshalb meine Ratlosigkeit, was denn da der unglaubliche Fehltritt sein soll. Dass die Person Jesu verunglimpft wurde? Nö. Dass das Titelbild am Ostersamstag rauskam? Och büdde. Oder dass jemand allen Ernstes die ganze Anspielung auf Brian nicht kapiert hat und tatsächlich der Ansicht ist, die taz würde befürworten, Klinsmann zu kreuzigen??!
Dass irgend jemand dergleichen ernsthaft denkt und sich deshalb aufregt, übersteigt meine Vorstellungskraft. Deshalb nochmal meine nicht nur rhetorische Frage:
Frau von der Leyen will total viel gegen Kinderpornographie tun und hat sich da auch schon ganz viele Sachen ausgedacht.
Ich glaube ihr sogar, dass ihr das ein ernstes und wichtiges Anliegen ist. Ich bin sogar sicher, dass sie vollkommen überzeugt ist, dass das, was sie tut, aktive Schritte zur Bekämpfung der Verbreitung von Kinderpronographie im Internet sind.
Nur leider hat sie von den technischen Gegebenheiten keinerlei Ahnung, und sie tritt bestehendes Recht mit Füßen. Sie scheint zu glauben, dass man, wenn man “Anstand” verkörpert, automatisch das Richtige tut, womit sie mit der Überschrift gebenden Helen Lovejoy etwas gemeinsam hat.
Also Moment, nochmal gaaaanz deutlich: Nicht die Hinderung des Zugriffs auf Kinderpornographie ist hier das Böse! Sondern die Hinderung eines Zugriffs.
Frau vdL lässt sich ja nicht einmal von Bedenken der Justizministerin im geringsten von ihrem “Ziel”(!) abbringen, in diesem eklig-schmutzigen Internet mit Zugangssperren und Blockaden gegen negative Inhalte jetzt mal so richtig sauberzumachen…
Was nur folgende Schlüsse zulässt:
Ihre Wahrnehmung der technischen Realität ist erschreckend weltfremd:
Man kann Websites auch dann erreichen, wenn sie in einem bestimmten Land “gesperrt” sind.
Webseiten sperren, aber Tauschbörsen, ICQ etc geschehen lassen, ist gerade bei illegalen Inhalten so, als wenn man eine Fahrradbremse am ICE zieht.
Ihre Ideen wirken aus den o.g. technischen Gründen entweder wie ein unglaublich naiv-ahnungsloser Aktionismus oder wie ein Stimmenfang für die Bundestagswahl im Herbst.
Es handelt sich um eine Zugangssperre für bestimmte Inhalte, und eben nicht um die Schaffung von aktualisierten rechtlichen Grundlagen, die eine verstärkte strafrechtliche Verfolgung der Anbieter strafbarer Inhalte ermöglichen! Um das überstrapazierte Z-Wort nicht zu verwenden: Dadurch werden einer staatlichen Lenkung oder Unterdrückung unliebsamer Inhalte im Internet Tür und Tor geöffnet.
Johnny Haeusler hat drüben beim Spreeblick Frau vdL zum konstruktiven Gespräch gebeten, was ich sehr begrüße, auch wenn ich durch ihr bisheriges Auftreten fürchte, dass sie sich als recht lernresistent erweisen dürfte.
Dass die Deutsche Nationalbibliothek deutsch(sprachig)e Publikationen aus dem Printbereich sammelt, ist ein hehres Anliegen, schließlich ist der Printbereich dadurch gekennzeichnet, dass er nicht allen jederzeit zugänglich ist. Deshalb ist die Prämisse des Sammelns, Archivierens und zur Verfügung stellen dort sinnvoll.
Als ich vor mehr als einem Jahrzehnt das Internet für mich entdeckte, herrschten dort, also hier, noch etwas andere, “unsicherere” Zustände. Juristische Grauzonen, was das Kopieren und Veröffentlichen von Texten und anderen Inhalten anging, viele Websites, die auf Geocities oder ähnlich vertrauenerweckenden Hosts zugänglich waren. Deshalb speicherte ich mir damals durchaus die eine oder andere Webseite ab, man konnte ja nicht wissen, ob es die einen Monat später noch gab.
Aber das ist 10-11 Jahre her! Mittlerweile sind handfeste, werbefreie Domains für wenig Geld zu haben und auch sichere kostenlose Webhosts verfügbar, man denke nur an die zahlreichen Bloghosts. Es gibt also keinen Grund mehr, seine Festplatte mit Webpages zuzumüllen. Man kommt ja immer an die gewünschten Inhalte heran. Und falls sie an einer Stelle weg sind, gibt es Alternativen, Mirrors oder auf einer anderen Website wird dieselbe Datei zur Verfügung gestellt.
Nur: die Deutsche Nationalbibliothek will nun laut einer neuen Verordnung allen Ernstes das “deutsche” Internet archivieren. Alle Websites, die über rein private oder rein geschäftliche Inhalte hinausgehen, sollen, verkürzt gesagt, von den jeweiligen Betreibern gezippt und der DNB zugesandt werden.
Damit die DNB ein Archiv hat, von dem, was im Internet verfügbar ist. Um es zu sammeln und zu katalogisieren… Und es bleibt eigentlich nur eine Frage übrig:
Warum werden die Websites gesammelt, wenn der Raum, in dem sie ohnehin bereits komplett gesammelt und durchsuchbar sind, jedem Menschen mit PC und Internetanschluss zur Verfügung steht -
Politiker schreiben ihre Reden (meistens) nicht selbst. Und Pointen setzen gehört erst recht nicht zu ihren Aufgaben. Wenn also beim ehrwürdigen und doch lockeren Charity-Ereignis Alfred-E.-Smith-Dinner John McCain und Barack Obama sich selbst und ihren politischen Gegner gekonnt auf die Schippe nehmen, tun sie das nicht als eine Eigenleistung, sondern durch ihre Gagschreiber.
Unabhängig davon muss ich überrascht feststellen: die Reden sind wirklich witzig. Und ja, von beiden Kandidaten. Trotz aller Aufgesetztheit und Etikette des Anlasses, trotz einer kurzen Schleimspur zum politischen Gegner, trotz der möglichen “Das gehört sich so, aber sie selbst denken was ganz anderes”-Gedanken ist es wirklich entspannend, die Kandidaten mal auf diese Weise miteinander umgehen zu sehen.
Damit gar nicht erst jemand fragt, was mit Jan passiert sei und wer an seiner Stelle solche Einträge verfasst: die Überschrift entspricht nicht etwa meiner Meinung; es ist vielmehr so, dass DSDS allen Ernstes den Deutschen Fernsehpreis 2008 in der Kategorie “Beste Show” gewonnen hat.
Gegen Das weiß doch jedes Kind und Germany’s Next Topmodel…
Bevor nun also das Eindreschen auf die Sendung beginnt, möchte ich noch kurz auf zweierlei hinweisen:
1. Meine eigene Kritik am deutschen Fernsehen bekommt demnächst einen eigenen Eintrag, hier geht’s um die Verleihungs-Show vom Sonnabend/Sonntag mit ihrem sympathischen Skandälchen.
2. Ich habe die Übertragung der Verleihung, die das ZDF mit 24 Stunden Verspätung ausstrahlte, tatsächlich gesehen. Wie DWDL mitteilt, sind einige ganz üble Ausrutscher der Show allerdings gar nicht gesendet worden (z.B. danebengegangene Witze von Lafer/Lichter; welches Kleinod an sprühendem Witz uns Zuschauern da wohl vorenthalten wird).
Das Überraschendste zuerst:
Thomas Gottschalk war tatsächlich nicht der Reinfall des Abends. Er war, nicht nur für seine Verhältnisse, locker und selbstironisch und machte den Eindruck, als könne er dem Deutschen Fernsehpreis durch seine Moderation eine Wichtigkeit verleihen, die dieser gar nicht besitzt (im Gegensatz zu dem Oscar-esken Musik-Bombast-Kitsch, der durch seine Unangemessenheit immer wie eine selbstironische Brechung wirkte). Sogar seine Laudatio auf MRR war zumindest okay. Das wird meine Dauerkritik an ihm zwar nicht groß besänftigen, aber für diesen Abend war das wirklich in Ordnung.
Sogar bei den Dankesreden gab es einen amüsanten Moment, als Michael Gwisdek als bester männlicher Nebendarsteller ausgezeichnet wurde: die Familie seiner Frau habe im Vorfeld der Ausstrahlung von Das Wunder von Berlin in ihrem privaten Umfeld Werbung betrieben, dass “der Mann ihrer Tochter” dort mitspiele, und kam hinterher in Erklärungsnöte, weil die Nachfrage lautete, ob sie tatsächlich Heino Ferch geheiratet habe.
Damit sind dann die guten Momente, die die Veranstaltung an sich verteidigen könnten, allerdings auch schon fast erzählt (neben dem Duo ohne Rolf als Laudatoren ohne gesprochene Worte finden sich die wenigen weiteren unten im Text). Denn dass das Niveau schlagartig sinkt, sobald Atze Schröder den Raum betritt und auch nur ein paar Sätze sagt, versteht sich von selbst. Ebenso bei Ingolf Lück, der eine quälend lange Nummer vor einem Bluescreen zum Schlechtesten gibt, um irgendwann endlich die Nominierten für die Special Effects anzukündigen. Und auch andere wie Jan-Josef Liefers, Stephanie Stumph (samt Vater Wolfgang) oder Stefan Aust und Helmut Markwort bewiesen, dass jeder die Fähigkeit hat, eine noch so geplante Laudatio trotzdem unterhalb der Erträglichkeitsgrenze zu versenken.
Es gab eine Kategorie “Beste Reality”, anmoderiert von Barbara Salesch und Alexander Hold: 3 Bewerber ein Job, Teenager außer Kontrolle und der “Gewinner” Die Ausreißer – Der Weg zurück. Kein Kommentar.
Der Moment, der mir spätestens klarmachte, dass Fernsehschaffende der übelsten Formate frei von jeder Selbstreflexion sind, weil sie nur so ihre eigene Schamgrenze ignorieren können, war derjenige, als Ute Biernat (die Produzentin von DSDS) zu ihrer Dankesrede anhob. Wörtlich sagte sie:
“Ich erzähl Ihnen jetzt mal das Erfolgsgeheimnis von Deutschland sucht den Superstar:
Für Das weiß doch jedes Kind müssen Sie schlau sein, für Germany’s Next Topmodel müssen Sie schön sein, für DSDS ist beides nicht zwingend nötig.”
Und dann sollte also Marcel Reich-Ranicki einen Preis bekommen, wie das Ganze ablief, ist selbstverständlich bereits bei Youtube nachzuschauen.
Das Fernsehlexikon wies bereits auf das Kuriosum des Ehrenpreises hin:
“Die Idee war schon so putzig wie der ganze Deutsche Fernsehpreis an sich, einen Literaturkritiker, der im Fernsehen genau zwei Sendereihen gestaltet hat, die er sinngemäß damit zubrachte, den Menschen zu empfehlen, lieber Bücher zu lesen als fernzusehen, mit dem Ehrenpreis für sein Lebenswerk wegen seiner Verdienste um das Fernsehen auszuzeichnen.”
Ebendort findet sich auch ein Text von Bastian Pastewka (den ich in Teilen seiner Arbeit sehr schätze), in dem dieser MRRs Auftritt kritisierte:
“Was müssen die anwesenden Nominierten (und kurz zuvor ausgezeichneten) Reporter aus Krisengebieten [...], Fernsehfilm-Autoren, Nachrichten-Mitarbeiter, Cutter oder auch nur die zwei sympathischen älteren Herren von Eurosport gedacht haben…”
Wenn man es so betrachtet, hätte Pastewka sogar recht, aber ich sehe Reich-Ranickis Kritik anders, denn er hat ja nicht gesagt “Alle Preisträger sind unwürdig”, sondern er hat die Show bis zu diesem Zeitpunkt kritisert, die unwitzig-peinlichen Showeinlagen, die nichtssagenden Filmausschnitte (was bei Ausschnitten, die Preiswürdigkeit näherbringen sollen, besonders ungünstig ist), und als Ausgezeichneter in einer Reihe mit DSDS genannt zu werden, ist nun wahrlich nicht besonders schmeichelhaft. All dies wird durch seinen Nachtrag in der FAZ noch deutlicher.
Dazu passt als weitere unfreiwillige Selbstreferenz, dass als beste Comedy ausgerechnet (aber berechtigt) das die deutsche TV-Landschaft sezierende Team von Switch Reloaded ausgezeichnet wurde.
Schön auch im weiteren Verlauf Gottschalks Ankündigung des nächsten Laudators, der literaturinteressiert sei, da er die Tochter von Martin Walser geheiratet habe: “Mit der herzlichen Bitte, seinem Schwiegervater auszurichten, dass mir sein Buch “Tod eines Kritikers” gut gefallen hat: Edgar Selge!”
Die unvermeidlichen Senta Berger (Laudatio) und Veronica Ferres (ausgezeichnet als beste Schauspielerin. Nein, das ist kein Scherz) mussten natürlich auch noch ihren Auftritt haben, Letztere hat doch noch die Kategorie Heulattacke während der Dankesrede abgehakt.
Schnitt, Kamera und Musik wurden, zumindest in der ausgestrahlten Fernsehfassung, dreisterweise komplett weggelassen. Trotzdem dauerte es elendig lang, bis die Veranstaltung endlich zuende war.
Nämlich zweieinhalb Stunden. Ohne Werbepausen.
Die Oscar-Verleihung dauert mittlerweile noch dreieinhalb Stunden. Mit Werbepausen…
Genau hier merkt man, was an der ganzen Sache falschläuft: die pompöse große Inszenierung suggeriert, dass hier weitgehend hohe Qualität ausgezeichnet wird und dass der Deutsche Fernsehpreis ein Oscar-ähnliches Ereignis im Showbusiness-Kalender und beim tratsch-affinen Publikum sei.
Gleichzeitig werden allen Ernstes Preise in der Kategorie “Beste Reality-Sendung”(!) vergeben und Atze Schröder darf auftreten. Wer in all dem weder einen Widerspruch noch erdrückende Beweislast für schlechten Inhalt sieht, versteht auch nicht, weshalb sich MRR so aufgeregt hat.
Es war zwar der Auftritt eines alten Mannes, dem man vorwerfen kann, dass er Vieles im deutschen Fernsehen gar nicht kenne; aber man sollte nicht den Fehler machen, ihm zu unterstellen, er habe “das ganze deutsche Fernsehprogramm” schlechtgemacht.
Er hat, wenn auch in granteligen und manchmal etwas wirren Worten kritisiert, dass die Veranstaltung selbst drei Nummern zu groß, entsetzlich platt und pseudo-glamurös inszeniert wird sowie von Längen und Peinlichkeiten durchsetzt ist.
Und dass nicht nur durch eine ohnehin langweilige Fernsehkritik auf Spiegel Online, sondern durch einen der Preisträger, die mittendrin sind, endlich mal das Offensichtliche kundgetan wurde, war sehr befreiend und hat dem Deutschen Fernsehpreis wenigstens einen erinnerungswürdigen Moment beschert.
[EDIT, 14. Oktober: RTL hat sich übrigens von der Kritik Reich-Ranickis empört distanziert, wie Stefan Niggemeier festgestellt hat. Allerdings mit einem Newsletter, den man nur noch als Eigentor bezeichnen kann.]
~~ USAerklärt weist darauf hin, dass die Interviews deutscher Politiker nachträglich autorisiert werden, während so etwas in der englischsprachigen Welt als ein Eingriff in die Arbeit des Journalisten angesehen wird:
Die verschiedene Vorgehensweise führt zu einem Unterschied in der Zahl der saudummen Bemerkungen von Politikern, die die Bevölkerung erreichen. Während amerikanische, australische, britische und kanadische Politiker scheinbar ständig their foot in their mouth haben, sind ihre deutschen Kollegen durch ein Netz und einen doppelten Boden vor den größten Fettnäpfchen geschützt. Entsprechend wirken sie – zumindest im Durchschnitt – rhetorisch geschickter.
~~ 11Freunde über ein doch recht bemerkenswertes Spiel meiner Lieblingsmannschaft am vergangenen Wochenende:
93. [Minute:] Schlusspfiff. Die Stürmer beider Mannschaften verabreden sich zum Après Ski, die Verteidiger gründen eine Selbsthilfegruppe. Ralf Rangnick eilt in die Kabine, um seinen ersten Roman zu verfassen: »Begrabt mein Herz an der Biegung der Weser«.
Thomas Schaaf, dessen linke Gesichthälfte seltsamerweise wesentlich faltiger ist als sein rechte, wird gefragt, ob er in Partystimmung geraten sei. Nach zehn Sekunden Bedenkzeit sagt er: »Nö.«
Aus Spaß am Spiel war das natürlich der Wahnsinn; als Fan der Heimmannschaft, die sich oben in der Tabelle positionieren will und nach 6 Spieltagen pro Spiel 2 Gegentreffer gekriegt hat, wird mir aber doch langsam mulmig.
~~ Manuel Andrack vermutet ein baldiges Ende von Schmidt & Pocher. Was ich sehr begrüßen würde, denn fortgeführte Leichenfledderei an einer ohnehin unterirdischen Sendung ist einfach geschmacklos.
Wann genau kam die Bild-Zeitung in der Mitte der Gesellschaft an? Noch vor, sagen wir mal, 15 Jahren hätte die Redaktion der Tagesschau (Verzeihung für den drastischen Vergleich, ich finde ihn aber nötig) eher Fremd-Kotze gelöffelt, als eine ihrer Meldungen mit den Worten zu begründen: “Nach Informationen der Bild-Zeitung…” Mittlerweile ist aber genau dies Standard.
Nicht erst seit der verdienstvollen Arbeit des BILDblogs ist offensichtlich, dass die Bild-Zeitung meinungsmachend, volksverhetzend, manipulierend, rechtsverdrehend , Persönlichkeitsrechte missachtend, vorverurteilend und Unwahrheit verkündend ist. Weshalb darf sie ungeschoren oder viel zu mild bestraft Geschichten verbreiten, die sich irgendwo zwischen geschmacklos und entfernt von der Wahrheit bewegen? Und weshalb wird sie dann trotzdem als Quelle für Informationen genannt?
Alle Menschen in meinem Bekanntenkreis sagen, die Bild-Zeitung sei blöd. Aktiv kauft sie keiner, aber manche finden, “wenn sie mal irgendwo rumliegt, ist das schon recht lustig zu lesen.” Und da fängt es schon an, wie Judith Holofernes verdammt treffend feststellte: Man kann die Bild-Zeitung nicht ironisch lesen, weil man sie damit trotzdem adelt.
Um einfach einmal klarzumachen, auf welchem Niveau sich regelmäßig der angeblich in einem Bild-Artikel zum Ausdruck gebrachte “Volkszorn” befindet, braucht man nur einmal auf einen erläuternden Artikel bei BILDblog.de zu schauen:
Bild fand es “unfassbar”, dass der (ihm rechtlich zustehende) Verteidiger des Angeblich-Holzklotz-auf-Autobahn-Werfers auf Freispruch plädieren will. Dass es dafür sachliche Gründe geben könnte, oder dass er zumindest schlicht das Recht dazu hat, ignoriert das Blatt. Denn dass die Richter dem Freispruch noch lange nicht zustimmen müssen, ist wieder einmal so eine dermaßen offensichtliche Tatsache, dass die Beschäftigung mit ihr mir zu albern erscheint.
Und um der Empörung des Artikels etwas Angemessenes entgegenzusetzen, kommen die Autoren deshalb nicht drumherum, Sätze zu verfassen, die wie aus einem Schulbuch-Eintrag “Politik” der 6. Klasse klingen:
Die Bundesrepublik Deutschland ist ein so genannter Rechtsstaat. Das bedeutet unter anderem, dass nicht Polizei oder Staatsanwaltschaft über Schuld und Unschuld eines Verdächtigen entscheiden (und schon gar nicht eine Boulevardzeitung), sondern ein Gericht. Und es bedeutet, dass jemand, der einer Straftat angeklagt ist, sich verteidigen darf. Kurzum: Egal, was jemand getan haben mag, er genießt so genannte Rechte.
Um Verwirrung vorzubeugen: Diese Antwort finde ich absolut richtig und angemessen, aber ist es nicht erschreckend, dass man einem Zeitungsartikel auf diesem grundlegenden, simplen Niveau antworten muss, um ihn zu entkräften?
Auch stellt Das Blatt[tm] gerne einmal die jedem Bürger zustehenden Rechte als “Trick” hin.
Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt aus all dem, was an Dem Blatt[tm] und ähnlichen Publikationen bedenkens- und verachtenswert ist. Der Anlass für diesen Eintrag war die Tatsache, dass Frank-Walter Steinmeier es heute nicht geschafft hat, auch nur ansatzweise mal auf die Kacke zu hauen und kundzutun, was an Kai Diekmanns Publikation alles kritikwürdig ist.
Bild gutfinden, geht gar nicht. Bild geht nicht. Niemals. Auch nicht “nur mal so nebenbei”, nicht ironisch, und auch nicht, wenn man das alles ja nicht ernstnimmt. Bild steht für das, was falschläuft.
Dementsprechend hat Das Blatt[tm] samt aller Beteiligten seinen ewigen festen Platz in meiner Top-5-Liste derjenigen, die als erste an die Wand gestellt werden, wenn die Revolution kommt. Aber statt meinem Drang nachzugeben und mit Kraftausdrücken um mich zu werfen, halte ich mich zurück und lasse lieber Max Goldt für mich sprechen, der sich bei diesem Thema noch etwas mehr zusammenreißen konnte:
“Diese Zeitung ist ein Organ der Niedertracht. Es ist falsch, sie zu lesen. Jemand, der zu dieser Zeitung beiträgt, ist gesellschaftlich absolut inakzeptabel. Es wäre verfehlt, zu einem ihrer Redakteure freundlich oder auch nur höflich zu sein. Man muss so unfreundlich zu ihnen sein, wie es das Gesetz gerade noch zuläßt. Es sind schlechte Menschen, die Falsches tun.”