Du spürst das Gras…
…hier und da bewegt sich was, es macht dir Spaß, nein es ist nicht nur das…

Tita hüpf!
Freitag, 17. Oktober 2008, 21:41 Uhr
Abgelegt unter: aufreger, musik, polemik, popkultur, tv

Liebe Polylux-Redaktion,

ich bin 38 Jahre alt [Orchester-Akkord, Reifenquietschen, rasante Kamerafahrten auf entsetzte Gesichter von Passanten in den Straßen, verzweifelte "Nein!"-Rufe und Angstschreie, "Mann krass, Alde, ischglaubdasnich, und so'n Jopi Heesters hab ich gelesen, ey!", kopfschüttelnd vorne rechts aus dem Bild laufend].

[mit säuerlicher Miene meine in solchen Situationen unvermeidliche Grampa-Simpson-Stimme aufsetzend:]
Warum schreien die Leute grade so, und worauf wollte ich eigentlich hinaus?

Ach ja:
Herr Niggemeier hat mal Eurer Ansicht nach ganz gemein über Euch geschrieben, dass Eure Sendung nur noch in einem Sinne funktioniere, nämlich “als Gradmesser, um das Ende eines Trends zu bestimmen: ‘Ist XY eigentlich noch angesagt oder hat ‚Polylux’ schon was drüber gemacht?’”

Nach langer Zeit hab ich gestern mal wieder bei Euch reingeschaut, und in besagter Sendung vom 16.10.2008 habt Ihr Jumpstyle als neuen Jugend-Tanz-Trend vorgestellt. Obwohl ich nun oben erwähntes Alter erreicht habe, habe ich vor ungefähr einem dreiviertel Jahr zum ersten Mal davon gehört und prompt die ersten Youtube-Videos gesehen, die es zu der Zeit schon mindestens ein halbes Jahr gab.
Mittlerweile wird man dort mit Videos aus der Richtung erschlagen, auch mit solchen, in denen nicht nur 10 einsame Streiter, sondern ganze Fantreffen zu sehen sind.

Mein Empfinden: Der Tanzstil hat Step-Anleihen und sieht auch ein bisschen wie Breakbeat auf Valium aus, höhö (damals, frühe Prodigy und so, sehr sympathisch). Die Musik hat vom Stumpfheitsgrad her Charly-Lownoise-, Gabber- und Scooter-Anleihen (nicht sehr sympathisch). Uuuund abgehakt.
Ob ich selbst so tanzen will, steht auf einem anderen Blatt. Hätt ich aber drauf. Locker. Klar. Kein Ding.

Also, ich bin ja grundsätzlich der Auffassung, dass wir in den nächsten Jahren, noch mehr als jetzt schon, eine Gleichzeitigkeit von Trends haben werden, die von niemandem mehr komplett kartografiert werden kann, weshalb es immer häufiger vorkommen wird, dass man von Dingen hört, die “in anderen Kreisen” schon lange in oder schon wieder out sind.

Aber wenn Ihr Polyluxer schon für Euch in Anspruch nehmt, ein aktuelles Lifestyle-Magazin zu sein: werdet Ihr nicht skeptisch, wenn ausgerechnet ich (und deshalb das Intro dieses Textes) Euch diese Infos so auftischen kann?
Außerdem lautet Euer Urteil – wie frisch, wie raffiniert in der Formulierung – “Der Tanz sieht ziemlich seltsam aus.”
Die distanzierende süffisante Ironie im Off-Kommentar funktioniert übrigens nur dann gut, wenn sie nur dosiert eingesetzt wird. Ansonsten wird da nämlich angestrengt-herablassendes Berlin-Mitte-Geplapper draus. Das man genau deshalb am besten ignoriert.

Aber wer tatsächlich jemandem Raum gibt, der die Plastik-Umhängetasche zum Symbol fürs Nicht-Erwachsenwerden erklärt, nimmt sowas vermutlich ohnehin nicht mehr wahr.

Herr N. hatte wohl wirklich recht. Wieder eine Sendung, bei der ich nicht das Gefühl zu haben brauche, etwas zu verpassen, wenn ich sie nicht sehe.



You’ve got to work hard if you want anything at all
Dienstag, 7. Oktober 2008, 15:17 Uhr
Abgelegt unter: fundstücke, musik, popkultur

(Depeche Mode, “Work Hard”, B-Seite der “Everything Counts”-Single, 1983)

James Brown war “the hardest working man in showbusiness”?
Oder arbeiten die Stones noch härter, wenn sie auch in 20 Jahren noch mit Gehhilfe auf der Bühne gekarrt werden?
Oder sind es Die Ärzte, deren Endlostourneen sie nach jeder Albumveröffentlichung in jede deutsche Stadt mit mehr als 500 Einwohnern bringen?

Spiegel Online weiß: Alles Luschen, die wirklich am härtesten arbeitenden Musiker auf diesem Erdenrund sind mit weitem Abstand die Helden meiner Teen- und Twen-Jahre: Depeche Mode!
Denn:

“Die Band sprengt inzwischen mit mehr als 100 Millionen verkauften Tonträgern und über 12 Millionen Konzerten[sic!] rockhistorische Dimensionen.”

Dave Gahan wird sie alle überleben und auf der Bühne in Grund und Boden wirbeln, ich wusste es schon immer!



Meine Meinung ist äußerst gebildet, vielen Dank
Dienstag, 23. September 2008, 00:13 Uhr
Abgelegt unter: aufreger, fundstücke, medien, musik, polemik, politik, realsatire

Wann genau kam die Bild-Zeitung in der Mitte der Gesellschaft an? Noch vor, sagen wir mal, 15 Jahren hätte die Redaktion der Tagesschau (Verzeihung für den drastischen Vergleich, ich finde ihn aber nötig) eher Fremd-Kotze gelöffelt, als eine ihrer Meldungen mit den Worten zu begründen: “Nach Informationen der Bild-Zeitung…” Mittlerweile ist aber genau dies Standard.

Nicht erst seit der verdienstvollen Arbeit des BILDblogs ist offensichtlich, dass die Bild-Zeitung meinungsmachend, volksverhetzend, manipulierend, rechtsverdrehend , Persönlichkeitsrechte missachtend, vorverurteilend und Unwahrheit verkündend ist. Weshalb darf sie ungeschoren oder viel zu mild bestraft Geschichten verbreiten, die sich irgendwo zwischen geschmacklos und entfernt von der Wahrheit bewegen? Und weshalb wird sie dann trotzdem als Quelle für Informationen genannt?

Alle Menschen in meinem Bekanntenkreis sagen, die Bild-Zeitung sei blöd. Aktiv kauft sie keiner, aber manche finden, “wenn sie mal irgendwo rumliegt, ist das schon recht lustig zu lesen.” Und da fängt es schon an, wie Judith Holofernes verdammt treffend feststellte: Man kann die Bild-Zeitung nicht ironisch lesen, weil man sie damit trotzdem adelt.

Um einfach einmal klarzumachen, auf welchem Niveau sich regelmäßig der angeblich in einem Bild-Artikel zum Ausdruck gebrachte “Volkszorn” befindet, braucht man nur einmal auf einen erläuternden Artikel bei BILDblog.de zu schauen:

Bild fand es “unfassbar”, dass der (ihm rechtlich zustehende) Verteidiger des Angeblich-Holzklotz-auf-Autobahn-Werfers auf Freispruch plädieren will. Dass es dafür sachliche Gründe geben könnte, oder dass er zumindest schlicht das Recht dazu hat, ignoriert das Blatt. Denn dass die Richter dem Freispruch noch lange nicht zustimmen müssen, ist wieder einmal so eine dermaßen offensichtliche Tatsache, dass die Beschäftigung mit ihr mir zu albern erscheint.

Und um der Empörung des Artikels etwas Angemessenes entgegenzusetzen, kommen die Autoren deshalb nicht drumherum, Sätze zu verfassen, die wie aus einem Schulbuch-Eintrag “Politik” der 6. Klasse klingen:

Die Bundesrepublik Deutschland ist ein so genannter Rechtsstaat. Das bedeutet unter anderem, dass nicht Polizei oder Staatsanwaltschaft über Schuld und Unschuld eines Verdächtigen entscheiden (und schon gar nicht eine Boulevardzeitung), sondern ein Gericht. Und es bedeutet, dass jemand, der einer Straftat angeklagt ist, sich verteidigen darf. Kurzum: Egal, was jemand getan haben mag, er genießt so genannte Rechte.

Um Verwirrung vorzubeugen: Diese Antwort finde ich absolut richtig und angemessen, aber ist es nicht erschreckend, dass man einem Zeitungsartikel auf diesem grundlegenden, simplen Niveau antworten muss, um ihn zu entkräften?

Auch stellt Das Blatt[tm] gerne einmal die jedem Bürger zustehenden Rechte als “Trick” hin.

Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt aus all dem, was an Dem Blatt[tm] und ähnlichen Publikationen bedenkens- und verachtenswert ist. Der Anlass für diesen Eintrag war die Tatsache, dass Frank-Walter Steinmeier es heute nicht geschafft hat, auch nur ansatzweise mal auf die Kacke zu hauen und kundzutun, was an Kai Diekmanns Publikation alles kritikwürdig ist.

Bild gutfinden, geht gar nicht. Bild geht nicht. Niemals. Auch nicht “nur mal so nebenbei”, nicht ironisch, und auch nicht, wenn man das alles ja nicht ernstnimmt. Bild steht für das, was falschläuft.

Dementsprechend hat Das Blatt[tm] samt aller Beteiligten seinen ewigen festen Platz in meiner Top-5-Liste derjenigen, die als erste an die Wand gestellt werden, wenn die Revolution kommt. Aber statt meinem Drang nachzugeben und mit Kraftausdrücken um mich zu werfen, halte ich mich zurück und lasse lieber Max Goldt für mich sprechen, der sich bei diesem Thema noch etwas mehr zusammenreißen konnte:

“Diese Zeitung ist ein Organ der Niedertracht. Es ist falsch, sie zu lesen. Jemand, der zu dieser Zeitung beiträgt, ist gesellschaftlich absolut inakzeptabel. Es wäre verfehlt, zu einem ihrer Redakteure freundlich oder auch nur höflich zu sein. Man muss so unfreundlich zu ihnen sein, wie es das Gesetz gerade noch zuläßt. Es sind schlechte Menschen, die Falsches tun.”

Amen.



Dee-vine Birthday
Dienstag, 9. September 2008, 18:58 Uhr
Abgelegt unter: gender studies, musik, popkultur

“Es war einmal ein weißes Blatt Papier, das sagte:
‘Ich möchte immer so rein, so unbefleckt und weiß bleiben, wie ich jetzt bin.’
‘Oh’, sagte die Tinte und wunderte sich, respektierte den Wunsch des Blattes aber.
Und so blieb das Blatt Papier unbeschrieben und vergilbte.”

Heute hat die wilde, den Spagat zwischen Rumpoltern und stilvoller Poesie hinkriegende, leidenschaftliche und grundsympathische, kurz: die einzig wahre Diva Georgette Dee Geburtstag. Manchmal weiß ich gar nicht, ob mir ihre vorgetragenen Songs oder die herrlich(en) endlosen Geschichten zwischen den Songs besser gefallen.

Von mir einen herzlichen Glückwunsch und danke für schon so manchen Sekt-seligen Abend voller Hingabe, Witz und Leidenschaft!

“Über mich wurde mal gesagt, ich sei die bestbezahlte Trinkerin Deutschlands. Das glaub ich nicht. Ich denke es gibt welche die kriegen mehr und trinken mehr.”



Die Doors für die 90er, Mann!
Sonntag, 7. September 2008, 12:04 Uhr
Abgelegt unter: musik, popkultur

Da The Verve ja grad ihren neuen Ohrwurm mit dem zugleich nervigsten und tollsten Sample garniert haben, das mir in den letzten Jahren in einem Popsong zu, naja, Ohren gekommen ist, muss ich wieder an meine erste Begegnung mit dem Werk von Ashcroft und Konsorten denken.

Wir schrieben das Jahr 1993, und auf MTV wurde, seinem Namen entsprechend, noch überwiegend Musik gespielt. Unter anderem gab es den Heiligen Alternative-Gral in Form der Sendung “120 Minutes” mit Paul King. Dort wurde irgendwann zwischen diversen wundervollen Shoegazer- und Grunge-Bands plötzlich die Single “of an exciting upcoming band called The Verve” gespielt, Gravity Grave.
Rumms, ich war erschlagen und die “Verve EP” am nächsten Tag meine (als man im Med*am*rkt noch eine große Indie-CD-Abteilung finden konnte; aber dazu ein anderes Mal).

Und dieses Kleinod mit 5 Songs ist bis heute eine meiner meistgehörten CDs der 90er. Wer brauchte noch Gras zu rauchen, wenn man sich stattdessen ins Gras legen und Gravity Grave oder auch Man Called Sun hören konnte?



Techno und Hiphop – vereint im Hass, oder: Du sollst nicht zappen!
Freitag, 1. August 2008, 22:21 Uhr
Abgelegt unter: aufreger, fundstücke, musik, polemik, popkultur, realsatire, tv

Jawoll, Leude, Ihr hört Antenne Flash auf irgendwaskommanull, mit euerm Lieblings-DJ Volkeeer Rachoooo!

Gut, das mag ein flacher Gag sein, aber der Gag ist immerhin bereits aus dem Jahre 1999, und lässt sich damit, auch wenn es vielleicht nicht das erste Erscheinen war, schon einmal auf mindestens neun Jahre datieren. Mittlerweile ist der Name als Pseudonym in Foren ja weit verbreitet, wie eine kurze Google-Suche bestätigt.

Aber damals war er dementsprechend einfach knackig rübergebracht. Ich mag ja sonst nicht der größte Hiphop-Experte sein, aber ich finde und weiß zumindest, dass Gefährliches Halbwissen von Eins Zwo, aus dem die Single Hand aufs Herz mit obigem Zitat stammt, ein fantastisches, wenn nicht eines der deutschen Hiphop-Alben überhaupt, ist.

An jenes Lied musste ich denken, als ich vorhin beim Zappen auf einen jungen Mann im weißen Sakko stieß, der auf einer Bühne am Strand von vier Mädchen in Cheerleader-Outfits umtanzt wurde. Der Mann erinnerte mich voll Grausen an Den Wendler oder ähnlichen Bodensatz der Party-Unterhaltung, aber er hieß tatsächlich: Vollker Racho. Mit zwei L.

Der Mann gab ein Kinderlied zum Besten: Eine Insel mit zwei Bergen, mit einem typischen Wummta-Synthy-Rhythmus drunter (der Link führt zu einem nur 30-sekündigen Video, mehr möchte ich der geneigten Leserschaft nicht zumuten). Statt der original Puppenkisten-Samples hat er den Text selbst “gesungen”, ansonsten sind Ähnlichkeiten zu der Version von Dolls United aus dem Jahre 1995 unverkennbar. Und zu DJ Ötzi. Und zu Durchfall.
Der Mann hat auf dem dazugehörenden Album außerdem noch den König von Deutschland hingerichtet.

Wenn es also nicht die o.g. Foren-Besucher waren, hat spätestens dieser Primitivling also durch seinen Künstlernamen den an sich netten Namens-Kalauer von Eins Zwo bzw. deren MC Dendemann endgültig vergiftet.
Und außerdem: Woher kommt eigentlich dieser Retro-Trend, den schlechten und billigen Pseudo-Technosound aus den 90ern wiederzubeleben? Cascada sind da ja auch schon mit ekelhaftem Beispiel vorangegangen, man zappt 2008 versehentlich auf Viva und denkt, man ist durch ein Wurmloch in den Top 20 von 1997 gelandet.

Ich wäre dafür, dass daraus kein größerer Trend wird. Ich habe bereits ein ganzes Jahrzehnt damit zugebracht, augenrollenden GesprächspartnerInnen klarzumachen, dass “Techno” gerade eben NICHT aus Scooter, Blümchen, E-Rotic, Squeezer, Vengaboys, Das Modul, Dune und deren endlose Zahl an Klonen bestand.

Auf diesen Spießrutenlauf hab ich auf keinen Fall ein zweites Mal Lust.

Jedenfalls eignet sich Herr Racho aus verschiedensten musikalischen und geschmacklichen Blickwinkeln als gemeinsames Hassobjekt.



Mannpreisung
Mittwoch, 30. April 2008, 15:45 Uhr
Abgelegt unter: hirnwindung, musik, popkultur

Dass gerade Stefan Raab Sangestalente entdeckt, macht mich nicht grad euphorisch, aber TV-Unterhaltung kann der Mann ja, was (im Gegensatz zu TV Total) seine abendfüllenden TV-Shows der letzten Jahre ja gezeigt haben.
In diesem Sinne: ja, Stefanie Heinzmann kann singen. Soll sie. Dass sie für meine Ohren eher belanglos klingt, soll hier aber keine Rolle spielen und auch nicht gegen sie verwendet werden.

Aber auch wenn man den Text eines Popsongs nicht überbewerten soll, erscheint es doch seltsam, dass der von ihr besungene Mean Man keine positiven Eigenschaften zu haben scheint. Sie soll ja keinen Biedermann an ihrer Seite haben, aber wenn der ganze Song nur davon handelt, dass die Eltern sich beschweren und er selbst ja so gemein ist, frag ich mich doch, weshalb sie von ihm nicht loskommt sondern trotzig zu ihm hält. Romantisch bei Sonnenuntergang, keiner trinkt so stilvoll wie er, fantastisch im Bett… irgendwas muss ihn doch positiv auszeichnen. Erfährt man aber nicht.

Und spätestens dann wirkt die Leidenschaft, mit der das Lied gesungen wird (“Ich sing hier über große Gefühle!”), ein wenig albern. Den dadurch naheliegenden Gedanken “Froh, einen abgekriegt zu haben?” lasse ich aufgrund von Stillosigkeit weg. Auch, weil ich ihr einen besseren Grund wünsche, an ‘nem Mann zu hängen.



Woran du merkst, dass du langsam in das Alter kommst, in dem…
Dienstag, 29. April 2008, 13:32 Uhr
Abgelegt unter: fundstücke, musik, popkultur


Gefunden auf ivy.de



Und was sammeln wir jetzt? oder: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner ständigen Verfügbarkeit.
Donnerstag, 10. April 2008, 14:05 Uhr
Abgelegt unter: film, hirnwindung, musik, popkultur

Ein erstes Brainstorming, dem noch weitere folgen werden.

Es ist zwar schon zehn Jahre her, aber im großen Zusammenhang gesehen ist es eben doch erst zehn Jahre her, als ich wieder einmal dem überaus coolen London einen Besuch abstattete. 1998 also, der letzte Besuch im alten Jahrtausend.

Die ersten Stationen meiner eigenen Art des Sightseeings führten mich zu HMV, Virgin und Tower Records (anschließend auch zu kleineren Musikgeschäften abseits der großen Straßen).
Zum einen wollte ich neue Musik kennenlernen, was, da ich mich im Heimatland des Pop befand, sogar in den großen Ladenketten ging. Denn das, was dort selbstverständlich und mainstreamig aus den Kopfhörern schallte, wurde in Deutschland im kleinen Club deines Vertrauens oder in einer versteckten Sendung auf VivaZwei(RIP) gespielt.

Und außerdem gab es dort englischspachige Filme! Mit Betonung auf englischsprachig. Endlich Videokassetten mit original englischer Tonspur. Auch die gab es hierzulande nur per Import oder mit langen Wartezeiten in der Videothek des geringsten Misstrauens. Denn auch die Online-Shops des Internets steckten erst knapp in den Kinderschuhen.

Diese Kleinode wurden mit leuchtenden Augen gekauft, nur selten habe ich im Kopf die geforderten Pfund-Preise in horrende D-Mark-Preise umgerechnet, und selbst wenn, war die Aussicht, diesen Film in der Originalfassung oder diese CD endlich selbst in Händen zu halten, ohnehin das entscheidende Argument.

Wieder in Deutschland, habe ich mehr als einmal meinen Kabelnetzbetreiber verflucht, weil er West3, auf dem häufiger Filme in Zweikanalton ausgestrahlt wurden, per Satellit ins Netz einspeiste und deshalb nur schnöder, deutscher Einkanalton übrigblieb.

Mittlerweile lasse ich mir per Mausklick CDs unter deutschem Ladenpreis aus den USA schicken, die in Neuseeland abgefertigt werden. Der CD-Katalog wird nicht mehr durch einen Händler hinterm Tresen zur Verfügung gestellt, sondern ich selbst habe in meinen eigenen vier Wänden am Bildschirm Zugriff auf den “Weltkatalog” der Musik.

(Fast) Jede deutsche DVD-Fassung eines nicht-deutschssprachigen Films enthält die Originaltonspur (“Ich hab ja neulich Tiger and Dragon auf Mandarin gesehen; ganz anderer Wortwitz!”). Man muss einen deutlich exotischeren Filmgeschmack haben als früher, um darüber zu stolpern, dass es bestimmte Filme noch nicht in die deutsche DVD-Veröffentlichung geschafft haben, auch wenn es hier durchaus noch bestimmte Defizite gibt (wann werden z.B. endlich Robert Altmans The Player, Short Cuts und Alan Rudolphs Mrs Parker and her vicious circle in anständigen Editionen auf den Markt geworfen?).
Auch TV-Serien, die auf Video nur spärlich veröffentlicht wurden, überschwemmen den Markt, von hochwertig bis zu “Mein Gott, das hat jemand nochmal auf DVD gepresst??”.

Hinzu kommt, dass ich, wenn ich denn wollte, durch EMule, Torrent und Konsorten jeden nur erdenklichen Film, jede TV-Serie und jedes Musikalbum sehen und hören könnte, gelegentliche längere Wartenzeiten wegen mangelhafter Verfügbarkeit zugestanden. Selbst amazon.de hat einen riesigen DVD-Verleih, wodurch auch die Videothek um die Ecke ihre Wichtigkeit verloren hat.

Wenn ich denn also will, bekomme ich jeden filmischen oder musikalischen Inhalt auf meine Festplatte oder ins Haus. Zu jeder Zeit. Von moralischen und urheberrechtlichen Bedenken abgesehen: ohne Einschränkung.
Und ja, es ist fantastisch, nicht mehr auf den guten Willen oder das (mangelnde) Wissen eines Plattengeschäft-Mitarbeiters angewiesen zu sein, wenn man da neulich so’n bestimmtes Lied gehört hat. Klar ist es ein herrliches Gefühl, sich recht sicher sein zu können, einen Film, den man sehen will, auf DVD zu bekommen und in der gewünschten Sprache anschauen zu können.

Aber was macht das mit mir? Wie beeinflusst dieser Umstand meine Wahrnehmung und Wertschätzung dessen, was ich an medialer Unterhaltung konsumiere? Wie groß ist die Freude, eine CD oder auch nur ein bestimmtes Musikstück gefunden zu haben (und dazu gleich zu besitzen!), wenn ich lediglich in einem Programm oder auf einer Online-Shop-Website die Suchfunktion verwenden muss und mich nicht einmal aus dem Haus bewegen brauche?

Ein Bekannter von mir meinte kürzlich: “Ich hab jetzt 160 Gigabyte MP3s auf meiner Festplatte, ich weiß gar nicht, wie ich mich da jemals durchhören soll.” Das war der Moment, in dem mir auffiel, dass mein CD- und DVD-Sammeltrieb auf einem ganz ähnlichen Prinzip beruhte: Ich war froh und glücklich, dass ich durch den Besitz die Möglichkeit erhielt, zu jeder Zeit “da ranzukommen”. Das war das Besondere daran, eine CD oder DVD sein Eigen zu nennen.
Aber seit einigen Jahren habe ich, wie eben gesagt, all diese Inhalte ohnehin ständig zur Verfügung. Das Besondere des Besitzes einen physischen Datenträgers fällt immer mehr weg. Wenn in absehbarer Zeit in der Filmindustrie das Stream- und Download-Geschäft sich doch mal dazu herablässt, ins Rollen zu kommen, würden sogar, wie schon beim Musik-Download, die Scheiben als Verkaufsgut wegfallen. Verkauft werden also reine Inhalte, keine Objekte, auf denen sie gespeichert sind. Und dazu sind es noch Inhalte, die immer zur Verfügung stehen, da sie keinen Datenträger zum Transport mehr benötigen.

Wenn das also so ist, und der Kauf/Besitz einer DVD, CD oder einem ähnlichen Medium nicht mehr Voraussetzung ist, um Zugriff auf gewünschte Filme, Musik oder TV-Serien zu haben, wird meine Musik- und Filmsammlung quasi überflüssig. Und daraus ergibt sich die überschriftgebende Frage, die ich für mich noch nicht beantworten kann:
Was sammeln wir jetzt?

Geht etwas verloren, wenn das Gefühl fehlt, ein konkretes Objekt zu besitzen, auf dem sich der gewünschte Inhalt befindet? Wenn ja, was? Wenn nein, ist das schlimm und wird es vielleicht sogar durch irgendwas ersetzt? Schätzen wir Musikstücke und Filme weiterhin genauso, wenn wir sie alle einfach immer bekommen können, ohne den geringsten Jagdinstinkt einsetzen zu müssen?

[EDIT 13.10.2008: Zu diesen Gedanken passt wunderbar ein Artikel drüben beim Spreeblick.]