‘Deutschland sucht den Superstar’ ist die beste Show im deutschen Fernsehen
Damit gar nicht erst jemand fragt, was mit Jan passiert sei und wer an seiner Stelle solche Einträge verfasst: die Überschrift entspricht nicht etwa meiner Meinung; es ist vielmehr so, dass DSDS allen Ernstes den Deutschen Fernsehpreis 2008 in der Kategorie “Beste Show” gewonnen hat.
Gegen Das weiß doch jedes Kind und Germany’s Next Topmodel…
Bevor nun also das Eindreschen auf die Sendung beginnt, möchte ich noch kurz auf zweierlei hinweisen:
1. Meine eigene Kritik am deutschen Fernsehen bekommt demnächst einen eigenen Eintrag, hier geht’s um die Verleihungs-Show vom Sonnabend/Sonntag mit ihrem sympathischen Skandälchen.
2. Ich habe die Übertragung der Verleihung, die das ZDF mit 24 Stunden Verspätung ausstrahlte, tatsächlich gesehen. Wie DWDL mitteilt, sind einige ganz üble Ausrutscher der Show allerdings gar nicht gesendet worden (z.B. danebengegangene Witze von Lafer/Lichter; welches Kleinod an sprühendem Witz uns Zuschauern da wohl vorenthalten wird).
Das Überraschendste zuerst:
Thomas Gottschalk war tatsächlich nicht der Reinfall des Abends. Er war, nicht nur für seine Verhältnisse, locker und selbstironisch und machte den Eindruck, als könne er dem Deutschen Fernsehpreis durch seine Moderation eine Wichtigkeit verleihen, die dieser gar nicht besitzt (im Gegensatz zu dem Oscar-esken Musik-Bombast-Kitsch, der durch seine Unangemessenheit immer wie eine selbstironische Brechung wirkte). Sogar seine Laudatio auf MRR war zumindest okay. Das wird meine Dauerkritik an ihm zwar nicht groß besänftigen, aber für diesen Abend war das wirklich in Ordnung.
Sogar bei den Dankesreden gab es einen amüsanten Moment, als Michael Gwisdek als bester männlicher Nebendarsteller ausgezeichnet wurde: die Familie seiner Frau habe im Vorfeld der Ausstrahlung von Das Wunder von Berlin in ihrem privaten Umfeld Werbung betrieben, dass “der Mann ihrer Tochter” dort mitspiele, und kam hinterher in Erklärungsnöte, weil die Nachfrage lautete, ob sie tatsächlich Heino Ferch geheiratet habe.
Damit sind dann die guten Momente, die die Veranstaltung an sich verteidigen könnten, allerdings auch schon fast erzählt (neben dem Duo ohne Rolf als Laudatoren ohne gesprochene Worte finden sich die wenigen weiteren unten im Text). Denn dass das Niveau schlagartig sinkt, sobald Atze Schröder den Raum betritt und auch nur ein paar Sätze sagt, versteht sich von selbst. Ebenso bei Ingolf Lück, der eine quälend lange Nummer vor einem Bluescreen zum Schlechtesten gibt, um irgendwann endlich die Nominierten für die Special Effects anzukündigen. Und auch andere wie Jan-Josef Liefers, Stephanie Stumph (samt Vater Wolfgang) oder Stefan Aust und Helmut Markwort bewiesen, dass jeder die Fähigkeit hat, eine noch so geplante Laudatio trotzdem unterhalb der Erträglichkeitsgrenze zu versenken.
Es gab eine Kategorie “Beste Reality”, anmoderiert von Barbara Salesch und Alexander Hold: 3 Bewerber ein Job, Teenager außer Kontrolle und der “Gewinner” Die Ausreißer – Der Weg zurück. Kein Kommentar.
Der Moment, der mir spätestens klarmachte, dass Fernsehschaffende der übelsten Formate frei von jeder Selbstreflexion sind, weil sie nur so ihre eigene Schamgrenze ignorieren können, war derjenige, als Ute Biernat (die Produzentin von DSDS) zu ihrer Dankesrede anhob. Wörtlich sagte sie:
“Ich erzähl Ihnen jetzt mal das Erfolgsgeheimnis von Deutschland sucht den Superstar:
Für Das weiß doch jedes Kind müssen Sie schlau sein, für Germany’s Next Topmodel müssen Sie schön sein, für DSDS ist beides nicht zwingend nötig.”
Und dann sollte also Marcel Reich-Ranicki einen Preis bekommen, wie das Ganze ablief, ist selbstverständlich bereits bei Youtube nachzuschauen.
Das Fernsehlexikon wies bereits auf das Kuriosum des Ehrenpreises hin:
“Die Idee war schon so putzig wie der ganze Deutsche Fernsehpreis an sich, einen Literaturkritiker, der im Fernsehen genau zwei Sendereihen gestaltet hat, die er sinngemäß damit zubrachte, den Menschen zu empfehlen, lieber Bücher zu lesen als fernzusehen, mit dem Ehrenpreis für sein Lebenswerk wegen seiner Verdienste um das Fernsehen auszuzeichnen.”
Ebendort findet sich auch ein Text von Bastian Pastewka (den ich in Teilen seiner Arbeit sehr schätze), in dem dieser MRRs Auftritt kritisierte:
“Was müssen die anwesenden Nominierten (und kurz zuvor ausgezeichneten) Reporter aus Krisengebieten [...], Fernsehfilm-Autoren, Nachrichten-Mitarbeiter, Cutter oder auch nur die zwei sympathischen älteren Herren von Eurosport gedacht haben…”
Wenn man es so betrachtet, hätte Pastewka sogar recht, aber ich sehe Reich-Ranickis Kritik anders, denn er hat ja nicht gesagt “Alle Preisträger sind unwürdig”, sondern er hat die Show bis zu diesem Zeitpunkt kritisert, die unwitzig-peinlichen Showeinlagen, die nichtssagenden Filmausschnitte (was bei Ausschnitten, die Preiswürdigkeit näherbringen sollen, besonders ungünstig ist), und als Ausgezeichneter in einer Reihe mit DSDS genannt zu werden, ist nun wahrlich nicht besonders schmeichelhaft. All dies wird durch seinen Nachtrag in der FAZ noch deutlicher.
Dazu passt als weitere unfreiwillige Selbstreferenz, dass als beste Comedy ausgerechnet (aber berechtigt) das die deutsche TV-Landschaft sezierende Team von Switch Reloaded ausgezeichnet wurde.
Schön auch im weiteren Verlauf Gottschalks Ankündigung des nächsten Laudators, der literaturinteressiert sei, da er die Tochter von Martin Walser geheiratet habe: “Mit der herzlichen Bitte, seinem Schwiegervater auszurichten, dass mir sein Buch “Tod eines Kritikers” gut gefallen hat: Edgar Selge!”
Die unvermeidlichen Senta Berger (Laudatio) und Veronica Ferres (ausgezeichnet als beste Schauspielerin. Nein, das ist kein Scherz) mussten natürlich auch noch ihren Auftritt haben, Letztere hat doch noch die Kategorie Heulattacke während der Dankesrede abgehakt.
Schnitt, Kamera und Musik wurden, zumindest in der ausgestrahlten Fernsehfassung, dreisterweise komplett weggelassen. Trotzdem dauerte es elendig lang, bis die Veranstaltung endlich zuende war.
Nämlich zweieinhalb Stunden.
Ohne Werbepausen.
Die Oscar-Verleihung dauert mittlerweile noch dreieinhalb Stunden.
Mit Werbepausen…
Genau hier merkt man, was an der ganzen Sache falschläuft: die pompöse große Inszenierung suggeriert, dass hier weitgehend hohe Qualität ausgezeichnet wird und dass der Deutsche Fernsehpreis ein Oscar-ähnliches Ereignis im Showbusiness-Kalender und beim tratsch-affinen Publikum sei.
Gleichzeitig werden allen Ernstes Preise in der Kategorie “Beste Reality-Sendung”(!) vergeben und Atze Schröder darf auftreten. Wer in all dem weder einen Widerspruch noch erdrückende Beweislast für schlechten Inhalt sieht, versteht auch nicht, weshalb sich MRR so aufgeregt hat.
Es war zwar der Auftritt eines alten Mannes, dem man vorwerfen kann, dass er Vieles im deutschen Fernsehen gar nicht kenne; aber man sollte nicht den Fehler machen, ihm zu unterstellen, er habe “das ganze deutsche Fernsehprogramm” schlechtgemacht.
Er hat, wenn auch in granteligen und manchmal etwas wirren Worten kritisiert, dass die Veranstaltung selbst drei Nummern zu groß, entsetzlich platt und pseudo-glamurös inszeniert wird sowie von Längen und Peinlichkeiten durchsetzt ist.
Und dass nicht nur durch eine ohnehin langweilige Fernsehkritik auf Spiegel Online, sondern durch einen der Preisträger, die mittendrin sind, endlich mal das Offensichtliche kundgetan wurde, war sehr befreiend und hat dem Deutschen Fernsehpreis wenigstens einen erinnerungswürdigen Moment beschert.
[EDIT, 14. Oktober: RTL hat sich übrigens von der Kritik Reich-Ranickis empört distanziert, wie Stefan Niggemeier festgestellt hat. Allerdings mit einem Newsletter, den man nur noch als Eigentor bezeichnen kann.]
Meine Meinung ist äußerst gebildet, vielen Dank
Wann genau kam die Bild-Zeitung in der Mitte der Gesellschaft an? Noch vor, sagen wir mal, 15 Jahren hätte die Redaktion der Tagesschau (Verzeihung für den drastischen Vergleich, ich finde ihn aber nötig) eher Fremd-Kotze gelöffelt, als eine ihrer Meldungen mit den Worten zu begründen: “Nach Informationen der Bild-Zeitung…” Mittlerweile ist aber genau dies Standard.
Nicht erst seit der verdienstvollen Arbeit des BILDblogs ist offensichtlich, dass die Bild-Zeitung meinungsmachend, volksverhetzend, manipulierend, rechtsverdrehend , Persönlichkeitsrechte missachtend, vorverurteilend und Unwahrheit verkündend ist. Weshalb darf sie ungeschoren oder viel zu mild bestraft Geschichten verbreiten, die sich irgendwo zwischen geschmacklos und entfernt von der Wahrheit bewegen? Und weshalb wird sie dann trotzdem als Quelle für Informationen genannt?
Alle Menschen in meinem Bekanntenkreis sagen, die Bild-Zeitung sei blöd. Aktiv kauft sie keiner, aber manche finden, “wenn sie mal irgendwo rumliegt, ist das schon recht lustig zu lesen.” Und da fängt es schon an, wie Judith Holofernes verdammt treffend feststellte: Man kann die Bild-Zeitung nicht ironisch lesen, weil man sie damit trotzdem adelt.
Um einfach einmal klarzumachen, auf welchem Niveau sich regelmäßig der angeblich in einem Bild-Artikel zum Ausdruck gebrachte “Volkszorn” befindet, braucht man nur einmal auf einen erläuternden Artikel bei BILDblog.de zu schauen:
Bild fand es “unfassbar”, dass der (ihm rechtlich zustehende) Verteidiger des Angeblich-Holzklotz-auf-Autobahn-Werfers auf Freispruch plädieren will. Dass es dafür sachliche Gründe geben könnte, oder dass er zumindest schlicht das Recht dazu hat, ignoriert das Blatt. Denn dass die Richter dem Freispruch noch lange nicht zustimmen müssen, ist wieder einmal so eine dermaßen offensichtliche Tatsache, dass die Beschäftigung mit ihr mir zu albern erscheint.
Und um der Empörung des Artikels etwas Angemessenes entgegenzusetzen, kommen die Autoren deshalb nicht drumherum, Sätze zu verfassen, die wie aus einem Schulbuch-Eintrag “Politik” der 6. Klasse klingen:
Die Bundesrepublik Deutschland ist ein so genannter Rechtsstaat. Das bedeutet unter anderem, dass nicht Polizei oder Staatsanwaltschaft über Schuld und Unschuld eines Verdächtigen entscheiden (und schon gar nicht eine Boulevardzeitung), sondern ein Gericht. Und es bedeutet, dass jemand, der einer Straftat angeklagt ist, sich verteidigen darf. Kurzum: Egal, was jemand getan haben mag, er genießt so genannte Rechte.
Um Verwirrung vorzubeugen: Diese Antwort finde ich absolut richtig und angemessen, aber ist es nicht erschreckend, dass man einem Zeitungsartikel auf diesem grundlegenden, simplen Niveau antworten muss, um ihn zu entkräften?
Auch stellt Das Blatt[tm] gerne einmal die jedem Bürger zustehenden Rechte als “Trick” hin.
Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt aus all dem, was an Dem Blatt[tm] und ähnlichen Publikationen bedenkens- und verachtenswert ist. Der Anlass für diesen Eintrag war die Tatsache, dass Frank-Walter Steinmeier es heute nicht geschafft hat, auch nur ansatzweise mal auf die Kacke zu hauen und kundzutun, was an Kai Diekmanns Publikation alles kritikwürdig ist.
Bild gutfinden, geht gar nicht. Bild geht nicht. Niemals. Auch nicht “nur mal so nebenbei”, nicht ironisch, und auch nicht, wenn man das alles ja nicht ernstnimmt. Bild steht für das, was falschläuft.
Dementsprechend hat Das Blatt[tm] samt aller Beteiligten seinen ewigen festen Platz in meiner Top-5-Liste derjenigen, die als erste an die Wand gestellt werden, wenn die Revolution kommt. Aber statt meinem Drang nachzugeben und mit Kraftausdrücken um mich zu werfen, halte ich mich zurück und lasse lieber Max Goldt für mich sprechen, der sich bei diesem Thema noch etwas mehr zusammenreißen konnte:
“Diese Zeitung ist ein Organ der Niedertracht. Es ist falsch, sie zu lesen. Jemand, der zu dieser Zeitung beiträgt, ist gesellschaftlich absolut inakzeptabel. Es wäre verfehlt, zu einem ihrer Redakteure freundlich oder auch nur höflich zu sein. Man muss so unfreundlich zu ihnen sein, wie es das Gesetz gerade noch zuläßt. Es sind schlechte Menschen, die Falsches tun.”
Amen.
Ba(h)r jeder Vernunft
An der Kasse meines Stamm-Baumarktes werde ich beim Bezahlen seit einiger Zeit nach meiner Postleitzahl gefragt.
Das machen natürliche alle möglichen Geschäfte seit einiger Zeit. Nur: es hat mir noch niemand, der dort arbeitet, sagen können, was konkret mit dieser Information gemacht wird und wo sie bleibt, falls ich sie erteile.
Spätestens bei den Stichworten Datenvorratsspeicherung, Datenklau und Datenvernetzung sollte in den letzten Jahren jeder hellhörig und skeptisch geworden sein.
Weshalb ich im kleinen Stil, neben anderen Maßnahmen, mittlerweile dazu übergegangen bin, diese Anfrage an keiner Kasse irgendeines Geschäftes mehr zu beantworten.
Als ich gerade heute wieder “Darf ich Ihre Postleitzahl erfahren?” zu hören bekam, hätte ich endlich mal die Chance ergreifen sollen, zu antworten: “Wenn Du datensammelwütiges Arschloch das noch einmal fragst, gibt’s hier Tote!”
Natürlich habe ich bisher immer lediglich mit einem bestimmten, aber höflichen “Nein” darauf geantwortet, aber der Punkt ist:
Der Gesichtsausdruck einer beliebigen Kassiererin sah bei diesem schlichten “Nein” nicht zum ersten Mal so aus, als hätte ich obiges von mir gegeben. Ich warte noch auf ein “Mein Gott, Entschuldigung, dass ich gefragt habe!” Was ironischerweise genau das wäre, was sie aufrichtig sagen sollte.
Weshalb sollte ich in der Rechtfertigungsposition sein, keine Auskunft zu erteilen? Weshalb hat es den Anschein, als wenn man etwas Unerhörtes tut, wenn man diese Daten nicht völlig selbstverständlich und offen preisgibt?
[EDIT: Ich hab eine kurze Mail an bahr.de geschrieben, und sie haben sogar geantwortet:
"Sehr geehrter Herr ...,
Gern beantworten wir Ihre Anfrage. Gerade aufgrund der aktuellen Diskussion in allen Medien über Datenmissbrauch könnnen wir Ihre Frage nur zu gut nachvollziehen.
Wir befragen im Rahmen einer Kundeneinzugsanalyse alle Kunden nach Ihrer Postleitzahl. Dies findet derzeit 2mal jährlich für je zwei Wochen (Februar und September) statt. Mit den Daten können wir auswerten aus welchen Postleitzahlgebieten unsere Kunden kommen. Dies benötigen wir um unsere Kunden zielgenau mit Angebotsprospekten zu versorgen. Wir verteilen Werbung nur in Postleitzahlgebieten aus denen ausreichend Kunden zu uns kommen. Damit können wir ökonmisch Werbung betreiben und schonen unsere Umwelt + Ressourcen. Wir drucken dann nur die benötigte Menge."
Immerhin haben sie flott und zumindest nachvollziehbar geantwortet, was schon mal was wert ist. Ob dieses Ziel der Nachfrage auch dann noch aktuell ist, wenn erstmal meine in der Kasse gespeicherten Einkäufe mit meinen EC-Karten-Daten abgeglichen werden (können), steht auf einem anderen Blatt.
Anders gesagt: Ich will denen zugestehen, dass sie in diesem Fall nichts Böses im Sinn haben, denn, ja, es handelt sich lediglich um meine Postleitzahl. Dennoch finde ich die Menge an Daten, die in kleinen Portionen de facto allüberall von uns gesammelt werden, erschreckend. Und besonders die Attitüde, diejenigen, die sie nicht preisgeben, seien die Sonderlinge. Und wenn diese ganz vielen kleinen und einzeln vielleicht sogar unwichtigen Daten erstmal verknüpft werden, wird's richtig übel. In diesem Sinne - wehret den Anfängen.
Denn bezeichnenderweise ist auf bahr.de die "Kontakt"-Seite so gestaltet, dass nicht nur die eigene E-Mail-Adresse, sondern die komplette eigene Hausadresse auszufüllende Pflichtfelder sind, wenn man eine Anfrage hat - die natürlich per Mail beantwortet wird. Erst im Impressum sieht man die E-Mail-Adresse "info@...", die man in seinem eigenen Mailprogramm verwenden kann.]
Wortspiel mit "Obama" bitte hier einfügen
Einmal noch das Thema Obama, nur einmal noch.
Nun, da der Mann wieder weg ist und in Berlin vor allen Ernstes 200.000 Menschen gesprochen hat, bleibt ja noch die Frage, die sich nach jedem Ereignis stellt: “Und, wie war’s?”
Neulich geriet ich darüber in ein Zwiegespräch zwischen mir und mir selbst:
Ich: Wieso jubeln die Deutschen einem Amerikaner zu, der weder US-Präsident noch offiziell Präsidentschaftskandidat ist, als wenn er der Heilsbringer wäre?
Ich: Weil es gut tut, einem Amerikaner zuzuhören, der kein akustisch unverständliches Kaugummi-Englisch redet, der zusammenhängende Sätze sprechen kann, und der uns nicht automatisch den Bösen zurechnet.
Aber ist das nicht die Grundvoraussetzung eines aufgeklärten Menschen allgemein?
Ja, klar.
Wenn Obama damit also lediglich Grundvoraussetzungen erfüllt, ist das doch noch nichts, was ihn auszeichnet?
Ja, was diesen Punkt angeht, sagt das weniger über die Qualität Obamas aus, sondern mehr über das riesige Ausmaß an Schaden, den die unglaubliche Arroganz, Dummheit, Primitivität und Engstirnigkeit George W. Bushs angerichtet hat. Dessen Attitüde ist so ablehnenswert, dass schon das Auftreten Obamas als deutlicher “Nicht-Bush” ihm schon viele Sympathien bringt.
Soll das heißen, dass sein freundliches Auftreten verschleiert, dass auch Obama einige Standpunkte vertritt, die den Deutschen eigentlich gar nicht schmecken?
Richtig. Im Presseclub der ARD wies jemand darauf hin, dass McCain oder Bush bestimmte Positionen (Afghanistan etc.) auch hätten vertreten können, bei einer vergleichbaren Veranstaltung aber ausgepfiffen worden wären. Der Mann hat so eine Ausstrahlung, dass er auch unbehagliche Ansichten verkünden kann, und das (deutsche) Volk jubelt trotzdem.
So ein Mechanismus ist doch auch bedenklich, oder? Wenn man das weiterdenkt, kriegt das ja den Touch, dass er sagen (und letztendlich machen) kann, was er will, weil er durch sein Charisma die Leute trotzdem auf seine Seite zieht.
Ja, natürlich.
Wenn er in der öffentlichen Wahrnehmung quasi machen kann, was er will, was unterscheidet ihn dann von Bush?
Hrgs.
Aber wenn dem schon so ist, fragt man sich doch, was eigentlich diese Keimfrei-Aktion sollte, dass in den Zuschauermassen keine Plakate erlaubt waren?
In der Tat, auch wenn das ein Wahlkampf-Auftritt für die US-Wahlen war, bei dem man schöne Bilder in die USA senden will:
Was mich wirklich aufgeregt hat, war, dass sich niemand drüber aufgeregt hat. Stell dir mal vor, bad old Bush wäre hier gewesen und hätte dergleichen verlangt! “Missachtung der Grundrechte! Passt zu dem!” und was hätte es nicht alles geheißen. Aber wenn einer so strahlend daherkommt, murrt allen Ernstes keiner, wenn angeordnet wird, ihm bloß nicht durch ein Plakat gegen die Todesstrafe oder Ähnliches in die Suppe zu spucken.
Übernimmst du jetzt meine Sichtweise?
Nee, so nun doch nicht, aber das hat mich echt geärgert. Es ist vertrackt, denn es gibt einiges, was ich an diesem Auftritt geschätzt habe:
Nach acht endlosen ekelhaften Jahren Bush, tritt mal wieder ein charismatischer Amerikaner auf, der sich ausdrücken kann, der versöhnliche statt distanzierende Worte spricht, der uns nicht als Achse des Bösen der Feiglinge betrachtet, der einen Gegenpol zum Amtsinhaber bildet und endlich zumindest wieder das Gefühl vermittelt, dass da einer nicht auf die Ansicht der gesamten Weltgemeinschaft scheißt, sondern sich halbwegs wieder wie ein Teil von ihr aufführt. Einer, dessen Charisma auch für mich beeindruckend ist. Das ist grundsätzlich was wert.
Was davon bleibt, ist abzuwarten und kann sehr enttäuschend werden, aber schon allein, dass er überhaupt mit dieser Haltung auftritt, ist einfach eine Wohltat.
Gleichzeitig hat das Ganze so eine gemachte und strahlende Oberfläche, und die Inszenierung der Obamania hat so viel Eigendynamik entwickelt, dass kritische, hinterfragende oder überhaupt nur abwartende(!) Standpunkte unterdrückt werden oder als “überskeptisch” abgestempelt werden.
Und wenn allen Ernstes ein wahrscheinlicher US-Präsidentschaftskandidat eine öffentliche Rede in Deutschland hält, und seine Kampagnenhelfer ohne Widerstand durchsetzen können, dass Plakate im Publikum nicht erlaubt sind und sich niemand an dieser Tatsache stört, stellt sich die Frage, mit wieviel Sachlichkeit sein Auftritt in Deutschland wahrgenommen wird.
Und spätestens dann kriegt das von ihm in seiner Anspache vermittelte Wir-Gefühl den seltsamen Beigeschmack, dass die deutschen Zuhörer reine Wahlkampfhelfer sind, die keineswegs als Partner ernstgenommen werden, weil sie lediglich Komparsen in der strahlenden Inszenierung sind und zumindest in Sachen Widerworte die Klappe zu halten haben.
Ich sehe, wir verstehen uns. Außerdem: Jeder scheinbare Umbruch nach einer politschen Ära hatte zunächst den Anstrich des frischen Neuanfangs und eines “Jetzt wird’s anders”, denk doch nur mal an Schröder nach 16 Jahren Kohl, oder an Blair nach 18 Jahren Thatcher und Major. Und, fühlte es sich wenige Jahre nach dem Wechsel noch irgendwie gut an?
Wohl wahr. Also, wenn du zugestehst, dass es sich zumindest im Moment mit Obama wieder anders und wohlwollender anfühlt als mit Bush, bin ich gerne bereit, die Obamania weiterhin wohlwollend, aber deutlich skeptisch weiterzuverfolgen.
Abgemacht. Und wie überflüssig werden all diese Gedanken gewesen sein und wie ratlos werden sich alle umgucken, wenn’s im November doch der McCain wird.
Hrgs.
Ja wo laufen sie denn oder: Béla Réthys angeblicher sechster Sinn
Während der TV-Übertragung des EM-Halbfinalspiels Deutschland-Türkei fehlten für mehrere Minuten Bild und Ton. Das ist schade, und je nachdem, wie sehr man mitgefiebert hat, kann einen das auch so manche Nerven gekostet haben.
Aber ist es nun ein “typisch deutsches” Phänomen oder ein Phänomen dieses Informationszeitalterjahrzehnts, dass ein Bildausfall bei einer Fernseh-Liveübertragung so ein dermaßenes mediales Rauschen auslösen kann?
Es ist von Regressforderungen an die Stromfirma die Rede, Béla Réthy muss immer wieder auf die “Wie war das für Sie?”-Frage antworten, einige fordern gar, dass das Spiel hätte unterbrochen werden müssen (und geben der Bürokratie die Schuld, dass das nicht passiert ist) und es entsteht der Eindruck, wir alle(!) hätten allein durch die fehlende Übertragung persönlichen Schaden genommen.
Eine TV-Übertragung kommt durch die Verwendung von Technik zustande. Technik kann Fehler auslösen. Technik kann durch Naturgewalten beeinträchtigt sein. Shit happens. Dass es ein Notfallprogramm geben sollte, ist klar, aber weshalb so ein Aufstand gemacht wird, weil mal sechs Minuten einer Live-TV-Übertragung nicht klappen, werde ich nie begreifen. Wie satt und arrogant muss man eigentlich geworden sein, dass man an die Unfehlbarkeit von Technik glaubt? Und das auch noch bei Blitzeinschlag?
Und zur Verteidigung Béla Réthys: Er hat nicht Jupp Derwall auf der Tribüne gesehen! Ganz egal, wie häufig dies in den Medien kolportiert wird, es wird dadurch nicht “wahrer”.
Ab Minute 2:05 sagt er wörtlich: “Hans-Peter Briegel [jetzt im Bild zu sehen] sehen wir hier auf der Tribüne, einer von 19 deutschen Trainern, die in der Türkei gearbeitet haben, war eher eine kurze Station, und Kalli Feldkamp [jetzt im Bild zu sehen], er, einer der populärsten natürlich, neben seiner Frau Helma [bezieht sich darauf, dass die beiden nebeneinandersitzen], neben Jupp Derwall und Christoph Daum, große Tradition, Michael Skibbe wird der 20. sein, der geht ja nach der EM zu Galatasaray.”
Wörtliche Rede aufgeschrieben sieht immer etwas holperig aus, aber allerspätestens im Zusammenhang mit den Bildern wird klar, dass er keineswegs einen auf “Ich sehe tote Menschen” gemacht hat, sondern sich auf die Reihe deutscher Trainer in der Türkei bezogen hat.
Schöne Web 2.0-Welt
echt egal ob du was üba PC, fussball oder Filme wissen willst, woher kommt’n dass das in die Meisten diskusionforums sone Sprache herscht, das man echt nich weiß wenn mann dei Zeichensezung, Absatz und rechtschreibung sieht ob die schon übere Grundschule raus sin aba trozdemm alle die eigene krasse meinung zu alles rausposaunen!!!!!!!!!!1!