Du spürst das Gras…
…hier und da bewegt sich was, es macht dir Spaß, nein es ist nicht nur das…

Die Fremdscham, in ihrem Lauf, halten weder Ochs noch Esel auf
Freitag, 26. September 2008, 20:41 Uhr
Abgelegt unter: aufreger, fundstücke, politik, us-wahl

Nachdem ich mich neulich ja bereits darüber ausgelassen hatte, wie diskussionsunwürdig es sei, Sarah Palin außenpolitische Erfahrung zugute zu halten, da sie gleich neben Russland wohne, hat Stefan Niggemeier jetzt sogar einen Interview-Schnipsel (mit Katie Couric von CBS News) gefunden, in dem Madame selbst in souverän-selbstdemontierender Art dieses Argument anführt.
Doch vorsicht, das sind sehr lange 87 Sekunden.

In Stefans Eintrag findet sich außerdem ein Link zu einem Text der konservativen Kolumnistin Kathleen Parker, in dem diese es schafft, mit einem einzelnen Satz so knapp wie es nur möglich ist, die Gefühle zu beschreiben, die einen überkommen können, wenn man Sarah Palin länger zuhört:
My cringe reflex is exhausted.”

[EDIT: Es gibt auch die Möglichkeit, sich das ganze Interview anzuschauen, aber das ist dann wirklich hardcore.]



Meine Meinung ist äußerst gebildet, vielen Dank
Dienstag, 23. September 2008, 00:13 Uhr
Abgelegt unter: aufreger, fundstücke, medien, musik, polemik, politik, realsatire

Wann genau kam die Bild-Zeitung in der Mitte der Gesellschaft an? Noch vor, sagen wir mal, 15 Jahren hätte die Redaktion der Tagesschau (Verzeihung für den drastischen Vergleich, ich finde ihn aber nötig) eher Fremd-Kotze gelöffelt, als eine ihrer Meldungen mit den Worten zu begründen: “Nach Informationen der Bild-Zeitung…” Mittlerweile ist aber genau dies Standard.

Nicht erst seit der verdienstvollen Arbeit des BILDblogs ist offensichtlich, dass die Bild-Zeitung meinungsmachend, volksverhetzend, manipulierend, rechtsverdrehend , Persönlichkeitsrechte missachtend, vorverurteilend und Unwahrheit verkündend ist. Weshalb darf sie ungeschoren oder viel zu mild bestraft Geschichten verbreiten, die sich irgendwo zwischen geschmacklos und entfernt von der Wahrheit bewegen? Und weshalb wird sie dann trotzdem als Quelle für Informationen genannt?

Alle Menschen in meinem Bekanntenkreis sagen, die Bild-Zeitung sei blöd. Aktiv kauft sie keiner, aber manche finden, “wenn sie mal irgendwo rumliegt, ist das schon recht lustig zu lesen.” Und da fängt es schon an, wie Judith Holofernes verdammt treffend feststellte: Man kann die Bild-Zeitung nicht ironisch lesen, weil man sie damit trotzdem adelt.

Um einfach einmal klarzumachen, auf welchem Niveau sich regelmäßig der angeblich in einem Bild-Artikel zum Ausdruck gebrachte “Volkszorn” befindet, braucht man nur einmal auf einen erläuternden Artikel bei BILDblog.de zu schauen:

Bild fand es “unfassbar”, dass der (ihm rechtlich zustehende) Verteidiger des Angeblich-Holzklotz-auf-Autobahn-Werfers auf Freispruch plädieren will. Dass es dafür sachliche Gründe geben könnte, oder dass er zumindest schlicht das Recht dazu hat, ignoriert das Blatt. Denn dass die Richter dem Freispruch noch lange nicht zustimmen müssen, ist wieder einmal so eine dermaßen offensichtliche Tatsache, dass die Beschäftigung mit ihr mir zu albern erscheint.

Und um der Empörung des Artikels etwas Angemessenes entgegenzusetzen, kommen die Autoren deshalb nicht drumherum, Sätze zu verfassen, die wie aus einem Schulbuch-Eintrag “Politik” der 6. Klasse klingen:

Die Bundesrepublik Deutschland ist ein so genannter Rechtsstaat. Das bedeutet unter anderem, dass nicht Polizei oder Staatsanwaltschaft über Schuld und Unschuld eines Verdächtigen entscheiden (und schon gar nicht eine Boulevardzeitung), sondern ein Gericht. Und es bedeutet, dass jemand, der einer Straftat angeklagt ist, sich verteidigen darf. Kurzum: Egal, was jemand getan haben mag, er genießt so genannte Rechte.

Um Verwirrung vorzubeugen: Diese Antwort finde ich absolut richtig und angemessen, aber ist es nicht erschreckend, dass man einem Zeitungsartikel auf diesem grundlegenden, simplen Niveau antworten muss, um ihn zu entkräften?

Auch stellt Das Blatt[tm] gerne einmal die jedem Bürger zustehenden Rechte als “Trick” hin.

Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt aus all dem, was an Dem Blatt[tm] und ähnlichen Publikationen bedenkens- und verachtenswert ist. Der Anlass für diesen Eintrag war die Tatsache, dass Frank-Walter Steinmeier es heute nicht geschafft hat, auch nur ansatzweise mal auf die Kacke zu hauen und kundzutun, was an Kai Diekmanns Publikation alles kritikwürdig ist.

Bild gutfinden, geht gar nicht. Bild geht nicht. Niemals. Auch nicht “nur mal so nebenbei”, nicht ironisch, und auch nicht, wenn man das alles ja nicht ernstnimmt. Bild steht für das, was falschläuft.

Dementsprechend hat Das Blatt[tm] samt aller Beteiligten seinen ewigen festen Platz in meiner Top-5-Liste derjenigen, die als erste an die Wand gestellt werden, wenn die Revolution kommt. Aber statt meinem Drang nachzugeben und mit Kraftausdrücken um mich zu werfen, halte ich mich zurück und lasse lieber Max Goldt für mich sprechen, der sich bei diesem Thema noch etwas mehr zusammenreißen konnte:

“Diese Zeitung ist ein Organ der Niedertracht. Es ist falsch, sie zu lesen. Jemand, der zu dieser Zeitung beiträgt, ist gesellschaftlich absolut inakzeptabel. Es wäre verfehlt, zu einem ihrer Redakteure freundlich oder auch nur höflich zu sein. Man muss so unfreundlich zu ihnen sein, wie es das Gesetz gerade noch zuläßt. Es sind schlechte Menschen, die Falsches tun.”

Amen.



Flüssiges Wasser ist trocken!
Montag, 8. September 2008, 14:24 Uhr
Abgelegt unter: aufreger, politik, realsatire, us-wahl

Es gibt Themen, die kompliziert sind. Themen, bei denen die Fakten und Einflüsse so vielfälitg und gegensätzlich sind, dass man den Überblick verliert und nur schwer zu einer überzeugenden eigenen Aussage kommen kann.

Und dann gibt es Aussagen, deren offensichtliche Unwahrheit so dermaßen die eigene Intelligenz beleidigen, dass man sich lächerlich vorkommt, sich überhaupt mit ihnen zu befassen.

Es fing an mit einem kurzen Ausschnitt aus einer Fox-Diskussionsrunde, in der Steve Doocy feststellte, dass Sarah Palin außenpolitische Erfahrung habe, da sie in Alaska ja Tür an Tür mit Russland wohne. Und es war klar, dass Jon Stewarts The Daily Show sich ausgiebig und berechtigt darüber lustigmachen würde. Jon stellte u.a. fest, dass Palin in Alaska ja nahe des Nordpols wohne und deshalb auch mit dem Weihnachtsmann befreundet sein müsse.

Ich ging zunächst davon aus, dass es sich um eine verkürzte Darstellung handelte und diese Begründung (Palin sei direkt “neben” Russland zuhaus = sie wisse, was dort abgeht) vielleicht als sarkastische Bemerkung gedacht gewesen sei. Aber dann sagte in einem BBC-World-Bericht eine der Zuschauerinnen des Repulbikaner-Parteitages genau dasselbe. Dann führte Cindy McCain in einem ruhigen längeren Interview genau dieses Argument an. Und schließlich sagt es sogar John McCain selbst in einem ABC-Interview. Und so bekamen nicht nur die Analysten von MSNBC langsam Schwierigkeiten, sich die Logik dahinter zu erklären.

Und genau hier stzt der eingangs erwähnte Mechanismus ein: es ist mir zu blöd, dieses erbärmliche, lächerliche, peinliche und schlicht bekloppte Argument zu widerlegen.

Aber noch fassungsloser als über dieses Argument selbst bin ich darüber, dass es eben nicht ein einmaliger Ausrutscher in einer hitzigen Live-Diskussion ist, sondern dass es sich bei in der Öffentlichkeit stehenden Repulikanern als bewusst vorgetragenes Argument für Sarah Palin etabliert zu haben scheint. Das ist das noch viel Groteskere an dieser Aussage.



Wortspiel mit "Obama" bitte hier einfügen
Sonntag, 27. Juli 2008, 12:42 Uhr
Abgelegt unter: hirnwindung, polemik, politik, us-wahl

Einmal noch das Thema Obama, nur einmal noch.
Nun, da der Mann wieder weg ist und in Berlin vor allen Ernstes 200.000 Menschen gesprochen hat, bleibt ja noch die Frage, die sich nach jedem Ereignis stellt: “Und, wie war’s?”
Neulich geriet ich darüber in ein Zwiegespräch zwischen mir und mir selbst:

Ich: Wieso jubeln die Deutschen einem Amerikaner zu, der weder US-Präsident noch offiziell Präsidentschaftskandidat ist, als wenn er der Heilsbringer wäre?

Ich: Weil es gut tut, einem Amerikaner zuzuhören, der kein akustisch unverständliches Kaugummi-Englisch redet, der zusammenhängende Sätze sprechen kann, und der uns nicht automatisch den Bösen zurechnet.

Aber ist das nicht die Grundvoraussetzung eines aufgeklärten Menschen allgemein?

Ja, klar.

Wenn Obama damit also lediglich Grundvoraussetzungen erfüllt, ist das doch noch nichts, was ihn auszeichnet?

Ja, was diesen Punkt angeht, sagt das weniger über die Qualität Obamas aus, sondern mehr über das riesige Ausmaß an Schaden, den die unglaubliche Arroganz, Dummheit, Primitivität und Engstirnigkeit George W. Bushs angerichtet hat. Dessen Attitüde ist so ablehnenswert, dass schon das Auftreten Obamas als deutlicher “Nicht-Bush” ihm schon viele Sympathien bringt.

Soll das heißen, dass sein freundliches Auftreten verschleiert, dass auch Obama einige Standpunkte vertritt, die den Deutschen eigentlich gar nicht schmecken?

Richtig. Im Presseclub der ARD wies jemand darauf hin, dass McCain oder Bush bestimmte Positionen (Afghanistan etc.) auch hätten vertreten können, bei einer vergleichbaren Veranstaltung aber ausgepfiffen worden wären. Der Mann hat so eine Ausstrahlung, dass er auch unbehagliche Ansichten verkünden kann, und das (deutsche) Volk jubelt trotzdem.

So ein Mechanismus ist doch auch bedenklich, oder? Wenn man das weiterdenkt, kriegt das ja den Touch, dass er sagen (und letztendlich machen) kann, was er will, weil er durch sein Charisma die Leute trotzdem auf seine Seite zieht.

Ja, natürlich.

Wenn er in der öffentlichen Wahrnehmung quasi machen kann, was er will, was unterscheidet ihn dann von Bush?

Hrgs.

Aber wenn dem schon so ist, fragt man sich doch, was eigentlich diese Keimfrei-Aktion sollte, dass in den Zuschauermassen keine Plakate erlaubt waren?

In der Tat, auch wenn das ein Wahlkampf-Auftritt für die US-Wahlen war, bei dem man schöne Bilder in die USA senden will:
Was mich wirklich aufgeregt hat, war, dass sich niemand drüber aufgeregt hat. Stell dir mal vor, bad old Bush wäre hier gewesen und hätte dergleichen verlangt! “Missachtung der Grundrechte! Passt zu dem!” und was hätte es nicht alles geheißen. Aber wenn einer so strahlend daherkommt, murrt allen Ernstes keiner, wenn angeordnet wird, ihm bloß nicht durch ein Plakat gegen die Todesstrafe oder Ähnliches in die Suppe zu spucken.

Übernimmst du jetzt meine Sichtweise?

Nee, so nun doch nicht, aber das hat mich echt geärgert. Es ist vertrackt, denn es gibt einiges, was ich an diesem Auftritt geschätzt habe:
Nach acht endlosen ekelhaften Jahren Bush, tritt mal wieder ein charismatischer Amerikaner auf, der sich ausdrücken kann, der versöhnliche statt distanzierende Worte spricht, der uns nicht als Achse des Bösen der Feiglinge betrachtet, der einen Gegenpol zum Amtsinhaber bildet und endlich zumindest wieder das Gefühl vermittelt, dass da einer nicht auf die Ansicht der gesamten Weltgemeinschaft scheißt, sondern sich halbwegs wieder wie ein Teil von ihr aufführt. Einer, dessen Charisma auch für mich beeindruckend ist. Das ist grundsätzlich was wert.
Was davon bleibt, ist abzuwarten und kann sehr enttäuschend werden, aber schon allein, dass er überhaupt mit dieser Haltung auftritt, ist einfach eine Wohltat.

Gleichzeitig hat das Ganze so eine gemachte und strahlende Oberfläche, und die Inszenierung der Obamania hat so viel Eigendynamik entwickelt, dass kritische, hinterfragende oder überhaupt nur abwartende(!) Standpunkte unterdrückt werden oder als “überskeptisch” abgestempelt werden.
Und wenn allen Ernstes ein wahrscheinlicher US-Präsidentschaftskandidat eine öffentliche Rede in Deutschland hält, und seine Kampagnenhelfer ohne Widerstand durchsetzen können, dass Plakate im Publikum nicht erlaubt sind und sich niemand an dieser Tatsache stört, stellt sich die Frage, mit wieviel Sachlichkeit sein Auftritt in Deutschland wahrgenommen wird.

Und spätestens dann kriegt das von ihm in seiner Anspache vermittelte Wir-Gefühl den seltsamen Beigeschmack, dass die deutschen Zuhörer reine Wahlkampfhelfer sind, die keineswegs als Partner ernstgenommen werden, weil sie lediglich Komparsen in der strahlenden Inszenierung sind und zumindest in Sachen Widerworte die Klappe zu halten haben.

Ich sehe, wir verstehen uns. Außerdem: Jeder scheinbare Umbruch nach einer politschen Ära hatte zunächst den Anstrich des frischen Neuanfangs und eines “Jetzt wird’s anders”, denk doch nur mal an Schröder nach 16 Jahren Kohl, oder an Blair nach 18 Jahren Thatcher und Major. Und, fühlte es sich wenige Jahre nach dem Wechsel noch irgendwie gut an?

Wohl wahr. Also, wenn du zugestehst, dass es sich zumindest im Moment mit Obama wieder anders und wohlwollender anfühlt als mit Bush, bin ich gerne bereit, die Obamania weiterhin wohlwollend, aber deutlich skeptisch weiterzuverfolgen.

Abgemacht. Und wie überflüssig werden all diese Gedanken gewesen sein und wie ratlos werden sich alle umgucken, wenn’s im November doch der McCain wird.

Hrgs.



I take pride in the words: Ich bin eine Siegessäule!
Sonntag, 20. Juli 2008, 17:32 Uhr
Abgelegt unter: politik, us-wahl

Er ist (mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit) Präsidentschaftskandidat. Auch wenn Barack Obama in den hiesigen (und offenbar auch in den amerikanischen) Medien deutlich präs(id)enter zu sein scheint, sollte einen dieser Eindruck nicht darüber hinwegtäuschen, dass er erstens nicht Präsident der USA ist und zweitens erst einmal noch gegen einen gewissen John McCain gewinnen muss, bevor er Selbiges werden kann.

Nun will Obama also in Berlin sprechen, und egal, wo er auftreten soll, rührt sich Widerstand, weil jeder optische Hintergrund seines Rednerpults einen viel zu geschichtlichen hat. Nachdem Angela Merkel das Brandenburger Tor als Ort der Veranstaltung abgelehnt hatte, wurde nun die Siegessäule auserkoren, das Dekor für seine Rede am 24. Juli zu stellen.

Dies wiederum wird von anderen deutschen Politikern kritisiert, da die Siegessäule an die Siege Preußens gegen Dänemark (1864), Österreich (1866) und Frankreich (1870/71) erinnert und somit für die damalige Ansicht der deutschen Überlegenheit steht. Unvermeidlich für eine Diskussion um deutsche Geschichte wird natürlich auch wieder Adolf Hitler erwähnt, der die Säule von ihrem ursprünglichen Platz vor dem Reichstag auf ihren heutigen Platz versetzen ließ. Natürlich wird ihm die Symbolik der Siegessäule gefallen haben, aber macht die Tatsache, dass Nazis ein Denkmal für sich missbraucht haben, es damit automatisch tabu?

Besonders, wenn man hinzunimmt, dass die Siegessäule in den letzten 20 Jahren jährlich von hunderttausenden Ravern, Public Viewing-Massen und TeilnehmerInnen des Christopher Street Day umströmt wurde, was ein mehr als deutliches Zeichen gegen ihre urspüngliche und hässliche Bedeutung ist?

Die grundsätzliche Überlegung, ob ein Ort für eine bestimmte Person oder Rede angemessen ist, mag ja verständlich und gerechtfertigt sein. Nur stellt sich die Frage, ob es irgendeinen Fleck in Berlin gibt, den man nicht vor dem Hintergrund der Geschichte betrachten (und somit ablehnen) kann. Auf welchen Platz, vor welches Gebäude kann sich überhaupt jemand hinstellen, ohne dass der Ort nicht in irgendeiner ekelhaften Weise von jemandem instrumentalisiert wurde?

Es ist anzunehmen, dass Obamas Rede viel heiße Luft enthalten wird. Aber aus seinen bisherigen geäußerten Positionen ist ebenso zu schließen, dass diese Luft wenigstens angenehmer, versöhnlicher und intelligenter “duften” wird als jene der Reden des amtierenden US-Präsidenten. Wenn also schon jeder Ort Berlins irgendwie von der deutschen Geschichte “verseucht” ist und Obama in Berlin eine Rede halten will, dann soll er sie doch vor der Siegessäule halten dürfen.

Schließlich sind solche Anlässe weitere gute Gelegenheiten, um dem “belasteten” Ort ein positives Zeichen entgegenzusetzen. Der Kontrast zu dem, was diesen Ort dann historisch umweht, kann diesem positiven Zeichen nur dienlich sein.



Bombenstimmung
Mittwoch, 25. Juni 2008, 14:57 Uhr
Abgelegt unter: aufreger, hirnwindung, politik

Dieses Jahrzehnt ist ein seltsames Jahrzehnt. Gut, das könnte jetzt der Einleitungssatz für eine Unmenge von Themen sein, deshalb werde ich mal präziser:

Noch vor zehn Jahren wäre Folgendes passiert: Irgendwo am Potsdamer Platz, am Bremer Hauptbahnhof oder der Düsseldorfer Einkaufspassage steht ein Koffer oder eine Tasche herum. Lange Zeit wäre sie ignoriert worden, und irgendwann wäre jemand, der grad etwas Zeit übrig hat, vorbeigekommen, hätte die Tasche genommen, sich einmal umgeguckt und sie am nächsten Informationsstand abgegeben: “Das hat hier wohl einer vergessen.”

In diesem Jahrzehnt ist die Hysterie so tief in “normales” Verhalten eingebettet, dass ein herrenloser Koffer grundsätzlich einen Polizeieinsatz mit Sprengkommando/Wasserwerfer nach sich zieht. Natürlich kann man in diesem Fall sagen, dass bei dem Menschenaufkommen eines Public Viewing erhöhte Aufmerksamkeit und Vorsicht geboten ist. Und ja, es gab in diesem Jahrzehnt Anschläge, die einen skeptisch werden lassen konnten. Aber gab es in den vergangenen Jahrzehnten keine Anschläge?

Denn auch an anderen Stellen wird mittlerweile als erstes von einer Bedrohung ausgegangen, das geht so weit, dass unter Umständen das Abstellen eines Koffers den Tatbestand des Vortäuschens einer Straftat erfüllen kann.

Das hat mich schon vor einigen Jahren davon überzeugt, dass der Frontalangriff auf die Demokratie und das öffentliche Leben ganz anders geführt werden wird als sich Wolfgang Schäuble und andere Paranoiker das vorstellen: Giftgas, Waffen, Selbstmordkommandos in Passagierflugzeugen, Zügen oder U-Bahnen…. weit gefehlt.

Stattdessen werden sich sämtliche Terroristen irgendwann zusammenraufen und alle gemeinsam…. Koffer kaufen gehen.
Mit diesen werden sie ohne nennenswerten Inhalt legal in verschiedene europäische Staaten einreisen, um sie zeitgleich an mehreren tausend öffentlichen Plätzen in ganz Europa stehenzulassen. Vielleicht sogar mehrmals hintereinander. Der flächendeckende andauernde Bombenalarm wird die europäische Polizei so dermaßen in Atem halten, dass sie für alles andere keine Zeit/Personal mehr hat. Damit werden nicht nur Banküberfälle ein Kinderspiel, sondern mit den übermäßigen Absperrungen kommt zudem das öffentliche Leben zum Erliegen und die Wirtschaft wird beeinträchtigt (Lieferanten kommen wegen der Absperrungen nicht mehr weiter, Reisende kommen nicht ans Ziel, Tourismus bleibt aus, Unzufriedenheit des Volkes über die ständige Einschränkung im öffentlichen Leben etc.).

Damit könnten Die Terroristen[tm] wesentlich mehr erreichen als eine Bombe in einem Bahnhof oder auf einem Flughafen, und das alles ohne Sprengstoff, ja sogar ohne tatsächliche Bedrohung von Menschenleben, lediglich durch Ausnutzen der allgegenwärtigen Paranoia.



From my cold dead hands
Montag, 7. April 2008, 14:18 Uhr
Abgelegt unter: film, nachruf, politik, popkultur

Nun könnense ihn endlich beim Wort nehmen.

Hin- und hergerissen, ob ausgerechnet ein Nachruf wirklich ein so guter Einstieg in ein nigelnagelneues, frischbezogenes Blog ist, habe ich mich doch für diesen Eintrag entschieden, denn es ist eine von den aktuellen Storys, zu denen ich so drauflosplappern kann, gefragt oder ungefragt.

Dass Charlton Heston nicht mehr unter den Lebenden weilt und im annehmbaren Alter von 84 Jahren gestorben ist, kann zwar nicht mehr als Neuigkeit gelten, immerhin wurde das ja schon gestern bekanntgegeben, und spätestens seit Mitte dieses Jahrzehnts ist gestern gleichbedeutend mit letzte Woche (dass gestern Sonntag und somit tatsächlich “letzte Woche” war, ist lediglich ein ironischer Zufall des Kalenders).

Dennoch überlege ich immer noch, welche abschließende Einstellung ich eigentlich zu Mr. Heston habe. Auf der einen Seite steht sein Name für sonnengebräunte Sandalen-Bombast-Unterhaltung in jedem guten Feiertags-Filmprogramm im TV, bei dem sowohl das Filmformat als auch das Pathos ohne Breitbildfernseher gar nicht adäquat dargestellt werden können.
Wenn er mit seinem kantigen Gesicht in Ben Hur zum x-ten Mal die Schikanen der bösen Römer erduldet, um anschließend in Kitsch und religiösem Quark versinkend gegen alle Widerstände doch das Wagenrennen zu gewinnen, ist das immer wieder unterhaltend und hat geradezu etwas Versicherndes, Beruhigendes: solange Charlton Heston in Technicolor in den Vierspänner steigt, geht das Osterfest seinen beruhigend gewohnten Gang.

Auf der anderen Seite war er in späteren Jahren bekannterweise Vorsitzender der amerikanischen National Rifle Association und hat ätzenden, reaktionären Schund von sich gegeben, der unter anderem in den titelgebenden Ausspruch dieses Eintrags gipfelte, mit dem er ausdrückte, wann die anderen ihm frühestens sein Gewehr aus den Händen reißen könnten.

Charlton Heston ist einer der großen Namen, wenn es um die US-amerikanische Filmgeschichte geht und ist eine von mehreren spontanen Assoziationen, die ich zu großen Leinwandspektakeln der 50er und 60er Jahre habe. Trotz Kitsch und oft übertriebenem Pathos steckt darin auch eine Qualität. Aber seine Verbohrtheit und sein erschreckendes Umschwenken zu republikanischem Erzkonservatismus in späteren Jahren hinterlassen einen verdammt üblen Beigeschmack.

Insofern erlaube ich mir jetzt, ihm endgültig seine verdammte Knarre abzunehmen – wo er jetzt ist, braucht er sie ja wohl nicht mehr.