So rennt ein Jahrzehnt dahin
Am 20. August 1998 startete Tom Tykwers Film Lola rennt in den deutschen Kinos.
Am 14. September 1998, also heute vor exakt zehn Jahren, ging meine private Fanpage über Tom Tykwer online. Auch wenn sie veraltet ist und Tom seit einigen Jahren seine eigene hat – sie ist immer noch online.
So ein Jahrestag bringt einen wirklich zum Nachdenken angesichts all der Aspekte, Erlebnisse und Erinnerungen, die mit dieser Website und dem nun abgelaufenen Jahrzehnt verknüpft sind. Mal schauen, wie ich das alles geordnet kriege und ob es in einen Blog-Eintrag passt.
Da ist zunächst der technische Aspekt des Internets:
- Die erste Adresse war eine Geocities-Adresse(!), da 1998 eigener Webspace unerreichbar oder unbezahlbar war (und eine Uni-Adresse mochte ich dafür einfach nicht). Das Layout, so gruselig, wie die meisten privaten Webseiten zu der Zeit aussahen, war nichts für schwache Nerven. Ich glaube, nur <blink> hab ich mir tatsächlich von Anfang an verkniffen.
- Es waren nicht einmal 7 Millionen Menschen in Deutschland online, und die “surften” (eher: schlichen) auch noch mit Modem im Netz herum, was dazu führte, dass schon das Hochladen eines Bildes, das mehr als 100 KB groß war (und das beim Surfen auf die Website ja runtergeladen werden musste, um angezeigt zu werden), von einem schlechten Gewissen begleitet war. So musste auch jeder Link zu einer riesigen 6 MB-Film-Datei mit einem Warnhinweis auf deren Größe versehen werden.
- Das Internet war noch geradezu übersichtlich. Die Internet-Suche fand bei altavista.com(!) statt, und es lohnte sich tatsächlich, alle paar Tage mal nachzuschauen, ob die Stichworte “Tom Tykwer” ein paar neue Seiten ausspuckten. Auf die konnte man dann aufgeregt auf der eigenen Homepage verlinken, da neue Seiten oder Artikel zu der Zeit noch nicht in einem unüberschaubaren Maß hinzukamen. Natürlich muss man dazu sagen, dass Tom zu der Zeit außerhalb Deutschlands auch noch nicht bekannt war, der internationale Release von Lola rennt war noch ein dreiviertel Jahr entfernt.
Dann die Internetkultur:
- Zwischen Websites wurden Links getauscht, man war Mitglied in verschiedenen Webrings, um gemeinsam in der stetig wachsenden Menge an Internetseiten zumindest die eigenen Interessengebiete präsentabel zu halten.
- Der Zulauf zum Usenet mit seiner Unmenge an Newsgroups hatte seinen Höhepunkt noch nicht mal erreicht, und da sie ja textbasiert waren und deshalb vergleichsweise wenig Bandbreite benötigten, waren sie der ideale Tummelplatz, um mit Leuten über alles zu diskutieren.
- Überhaupt: die Tatsache, dass man über E-Mails, Webseiten, Mailinglisten und Newsgroups mit Menschen aus aller Welt(!) in Kontakt treten konnte, war das, was einen wirklich umgehauen hat. Ich erinnere mich noch, als ich die jeweils erste E-Mail-Anfrage wegen meiner Website über Tom aus den USA und Japan bekam, das war ein unglaubliches Gefühl. Die (nachvollziehbare) Selbstverständlichkeit von heute lässt mich manchmal die Euphorie von damals etwas vermissen.
- Es ist seltsam, festzustellen, dass es im Jahre 2008 bereits Menschen gibt, die sich ganz selbstverständlich im Internet bewegen und so etwas wie Webrings, Mailinglisten und Newsgroups gar nicht mehr kennen. Was aber natürlich nachvollziehbar ist, da diese Werkzeuge quasi aus der Not der Bandbreite geboren wurden und heutzutage in Foren und Blogs, die man DSL besucht, schlicht unnötig geworden sind. Aber es sind Werkzeuge, die mich in meinen ersten Internetjahren immer begleitet haben.
Tom Tykwers Filme:
- Im Winter 1997 sah ich zum ersten Mal Winterschläfer, ohne je den Namen Tom Tykwer gehört zu haben, nur Heino Ferch, der mitspielte, sagte mir etwas. Der Film war seltsam, und lotete die Grenze zur Glaubwürdigkeit aus, weil alles, was passierte, so unwahrscheinlich (aber eben nicht unmöglich) war. Aber vor allem sah ich nach der Beziehungskomödienwelle mit ihrer sachlichen, zweckdienlichen, aber nicht beeindruckenden Kameraarbeit endlich einen deutschen Film, der sich um Kinobilder bemühte. Der mit Bildern und Musik eine traumartige und traumhafte Atmosphäre schuf. Der sich Zeit ließ und in dem ein Unfall wie in Zeitlupe abzulaufen scheint, obwohl gar nicht nur Zeitlupe verwendet wird. Und ein Film, in dem die Protagonisten zunächst einmal “ungewöhnlich” handeln, und man im Laufe des Films immer mehr entdeckt, weshalb sie so handeln. Ein Prinzip, das Tom später in Der Krieger und die Kaiserin beeindruckend auf die Spitze trieb.
- Über Lola rennt und die dazugehörenden Erinnerungen schreibe ich noch einen eigenen Eintrag.
- Im August 2000 bekam ich per Mail einen Hinweis, dass in Hamburg eine Pressvorführung von Der Krieger und die Kaiserin lange vor dem Starttermin stattfinden sollte. Klar konnte ich mir das nicht entgehen lassen und setzte mich in Bremen in den Zug, um gegen 10 Uhr morgens (die Vorteile des Studentenlebens) ohne weitere Nachfrage nach Hamburg in ein mir unbekanntes Kino zu fahren. Dummerweise war zeitgleich eine andere Pressevorführung anberaumt worden, weshalb die Zahl der Leute im Foyer unangenehm übersichtlich war. Als ich am Tresen vorsichtig nachfragte, ob das hier richtig wäre für die Aufführung des neuen Tykwer-Films, wurde ich an die Frau verwiesen, die direkt neben mir saß, es war Maria Köpf, Produzentin von X-Filme. Es war einerseits schon witzig, ihr die Hand geben zu können, andererseits kam ich mir für einen Augenblick wie der aufdringliche unangenehme Fan vor, der sich zuviel rausnimmt und den Beteiligten damit auf den Geist geht. Aber als ich dann erklärte, weshalb ich von der Vorführung wusste, durfte ich bleiben, mir ein Presseheft schnappen und Toms neuen Film auf der großen Breitwand-Leinwand genießen.
Soviel fürs Erste. Das ist noch lange nicht alles, aber jetzt geht mir grad die Puste aus.
Als LoIa rennt rauskam, gab es außer einer minimalistischen “Website zum Film” und einigen Filmkritiken quasi nichts über Tom im Netz zu lesen. Und so wurde, für mich überraschend, meine Website damals tatsächlich die erste, die sich speziell mit dem Werk Tom Tykwers beschäftigte.
Zehn Jahre im Netz kommen mir vor wie 20 Jahre im echten Leben. Und es ist unfassbar, was sich seitdem alles geändert hat. Unser Umgang mit Informationen, die Verfügbarkeit von (zuviel) Informationen, und natürlich die Selbstverständlichkeit dieser Verfügbarkeit. Mal sehen, wie sich die kommenden zehn Jahre in zehn Jahren anfühlen.
Dee-vine Birthday
“Es war einmal ein weißes Blatt Papier, das sagte:
‘Ich möchte immer so rein, so unbefleckt und weiß bleiben, wie ich jetzt bin.’
‘Oh’, sagte die Tinte und wunderte sich, respektierte den Wunsch des Blattes aber.
Und so blieb das Blatt Papier unbeschrieben und vergilbte.”
Heute hat die wilde, den Spagat zwischen Rumpoltern und stilvoller Poesie hinkriegende, leidenschaftliche und grundsympathische, kurz: die einzig wahre Diva Georgette Dee Geburtstag. Manchmal weiß ich gar nicht, ob mir ihre vorgetragenen Songs oder die herrlich(en) endlosen Geschichten zwischen den Songs besser gefallen.
Von mir einen herzlichen Glückwunsch und danke für schon so manchen Sekt-seligen Abend voller Hingabe, Witz und Leidenschaft!
“Über mich wurde mal gesagt, ich sei die bestbezahlte Trinkerin Deutschlands. Das glaub ich nicht. Ich denke es gibt welche die kriegen mehr und trinken mehr.”
Die Doors für die 90er, Mann!
Sonntag, 7. September 2008, 12:04 Uhr
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Da The Verve ja grad ihren neuen Ohrwurm mit dem zugleich nervigsten und tollsten Sample garniert haben, das mir in den letzten Jahren in einem Popsong zu, naja, Ohren gekommen ist, muss ich wieder an meine erste Begegnung mit dem Werk von Ashcroft und Konsorten denken.
Wir schrieben das Jahr 1993, und auf MTV wurde, seinem Namen entsprechend, noch überwiegend Musik gespielt. Unter anderem gab es den Heiligen Alternative-Gral in Form der Sendung “120 Minutes” mit Paul King. Dort wurde irgendwann zwischen diversen wundervollen Shoegazer- und Grunge-Bands plötzlich die Single “of an exciting upcoming band called The Verve” gespielt, Gravity Grave.
Rumms, ich war erschlagen und die “Verve EP” am nächsten Tag meine (als man im Med*am*rkt noch eine große Indie-CD-Abteilung finden konnte; aber dazu ein anderes Mal).
Und dieses Kleinod mit 5 Songs ist bis heute eine meiner meistgehörten CDs der 90er. Wer brauchte noch Gras zu rauchen, wenn man sich stattdessen ins Gras legen und Gravity Grave oder auch Man Called Sun hören konnte?
Ja wo laufen sie denn oder: Béla Réthys angeblicher sechster Sinn
Während der TV-Übertragung des EM-Halbfinalspiels Deutschland-Türkei fehlten für mehrere Minuten Bild und Ton. Das ist schade, und je nachdem, wie sehr man mitgefiebert hat, kann einen das auch so manche Nerven gekostet haben.
Aber ist es nun ein “typisch deutsches” Phänomen oder ein Phänomen dieses Informationszeitalterjahrzehnts, dass ein Bildausfall bei einer Fernseh-Liveübertragung so ein dermaßenes mediales Rauschen auslösen kann?
Es ist von Regressforderungen an die Stromfirma die Rede, Béla Réthy muss immer wieder auf die “Wie war das für Sie?”-Frage antworten, einige fordern gar, dass das Spiel hätte unterbrochen werden müssen (und geben der Bürokratie die Schuld, dass das nicht passiert ist) und es entsteht der Eindruck, wir alle(!) hätten allein durch die fehlende Übertragung persönlichen Schaden genommen.
Eine TV-Übertragung kommt durch die Verwendung von Technik zustande. Technik kann Fehler auslösen. Technik kann durch Naturgewalten beeinträchtigt sein. Shit happens. Dass es ein Notfallprogramm geben sollte, ist klar, aber weshalb so ein Aufstand gemacht wird, weil mal sechs Minuten einer Live-TV-Übertragung nicht klappen, werde ich nie begreifen. Wie satt und arrogant muss man eigentlich geworden sein, dass man an die Unfehlbarkeit von Technik glaubt? Und das auch noch bei Blitzeinschlag?
Und zur Verteidigung Béla Réthys: Er hat nicht Jupp Derwall auf der Tribüne gesehen! Ganz egal, wie häufig dies in den Medien kolportiert wird, es wird dadurch nicht “wahrer”.
Ab Minute 2:05 sagt er wörtlich: “Hans-Peter Briegel [jetzt im Bild zu sehen] sehen wir hier auf der Tribüne, einer von 19 deutschen Trainern, die in der Türkei gearbeitet haben, war eher eine kurze Station, und Kalli Feldkamp [jetzt im Bild zu sehen], er, einer der populärsten natürlich, neben seiner Frau Helma [bezieht sich darauf, dass die beiden nebeneinandersitzen], neben Jupp Derwall und Christoph Daum, große Tradition, Michael Skibbe wird der 20. sein, der geht ja nach der EM zu Galatasaray.”
Wörtliche Rede aufgeschrieben sieht immer etwas holperig aus, aber allerspätestens im Zusammenhang mit den Bildern wird klar, dass er keineswegs einen auf “Ich sehe tote Menschen” gemacht hat, sondern sich auf die Reihe deutscher Trainer in der Türkei bezogen hat.
Fußball ist immer noch wichtig
So, das war sie nun, die DSF-Reportage über Das große Tabu – Homosexualität & Fußball. Für den Stand der Dinge war sie gar nicht schlecht. Der Knackpunkt ist nur: es wurde deutlich, dass es eigentlich noch gar keinen Stand der Dinge gibt.
Um den größten Aufreger dieser Reportage gleich vorwegzunehmen: Die Abschrift von Christoph Daums umstrittenem Zitat ist (leider) nicht verfälscht oder verkürzt worden, er sagt tatsächlich wörtlich:
„Da wird es sehr deutlich, wie sehr wir dort aufgefordert sind, gegen jegliche Bestrebungen, die da gleichgeschlechtlich ausgeprägt ist, vorzugehen. Gerade den uns anvertrauten Jugendlichen müssen wir mit einem so großen Verantwortungsbewusstsein entgegen treten, dass gerade die, die sich um diese Kinder kümmern, dass wir denen einen besonderen Schutz zukommen lassen. Und ich hätte da wirklich meine Bedenken, wenn dort von Theo Zwanziger irgendwelche Liberalisierungsgedanken einfließen sollten. Ich würde den Schutz der Kinder über jegliche Liberalisierung stellen.“
Dazu muss man sich ins Gedächtnis rufen, dass es sich ja nicht um ein ausführliches Interview mit Daum handelte , in dem es um Gott und die Welt ging, und seine Weiterleitung zum nächsten Thema ging schlicht daneben: er wurde für die Reportage zum Umgang mit Homosexualität im Fußball befragt.
Auch seine anschließende auf der Website des 1. FC Köln veröffentlichte Stellungnahme zu dieser Passage räumt überhaupt nicht mit dem auf, was ihm vorgeworfen wird:
„Grundsätzlich bin ich ein toleranter und liberaler Mensch. Ich habe keinerlei Berührungsängste zu homosexuellen Menschen. Auch in meinem Bekanntenkreis gibt es Einige, die in gleichgeschlechtlichen Beziehungen leben. Kinderschutz geht mir aber über alles. Kinder müssen vor Gewalt und sexuellen Übergriffen, ganz gleich ob von homo- oder heterosexuellen Menschen, geschützt werden. Deswegen arbeite ich auch aktiv bei der Organisation Power-Child e.V. mit.“
Power-Child e.V. ist ein Verein mit dem Anliegen, Kinder vor sexuellen Übergriffen zu schützen. Und genau deshalb beginnt spätestens ab hier Daums Fahrlässigkeit in Vorsatz und Dummheit umzuschlagen: im besten Herman’schen Stil beharrt er auf seiner Sicht der Dinge und begreift nicht, dass seinen Aussagen ekelhafte Assoziationen zugrunde liegen.
In seiner Stellungnahme hatte er die Möglichkeit, Vergleiche geradezurücken bzw. auszuschließen. Stattdessen wiederholt er, dass trotz seiner selbsterklärten Toleranz Kinderschutz vorgehe. Auch mit Abstand bleibt also Homosexualität für ihn etwas, vor dem man Kinder (wie vor Pädophilie) dringend schützen müsse…
Laut 4 Buchstaben soll er nach dieser Erklärung sogar gesagt haben:
„Soll ich mich etwa für meine Gedanken zum Kinderschutz entschuldigen? Der Schutz der Kinder steht einfach über allem.“
Offenbar ist sein Hirn wirklich nicht in der Lage, seine eigenen Gedanken zu reflektieren. Der Mann versteht tatsächlich nicht, was ihm konkret vorgeworfen wird.
Zurück zur Reportage:
Dass es schwule Fußballspieler nicht nur im Amateur- und Freizeitbereich, sondern im bezahlten und bejubelten Profisport geben soll, dass Leute “ungeahnt” beim Torerfolg der eigenen Mannschaft einem Schwulen zujubeln könnten, ist für einige Fans schlicht unvorstellbar.
Peter Neururer sagt treffend: “Es ist eigentlich überhaupt kein Thema. Aber dadurch, dass es kein Thema ist, wird es doch ein Thema.”
Das wird im Verlauf des Films sehr deutlich: die Aussagen von Fans vor diversen Stadien der Republik schwanken zwischen “ekelig”, “mir egal” und “solang er Leistung aufm Platz bringt, macht das doch nichts”. Als des Teufels Advokat möchte man glatt nachfragen: Wenn er die Flanke nicht hinkriegt, wird seine sexuelle Orientierung oder sein ‘Lebensstil’ also doch wieder für seine Beurteilung wichtig?
Fast schon suspekt, weil sehr sympathisch, die Aussagen von Reiner Calmund und ausgerechnet Theo Zwanziger, die mehrfach kundtun, dass das ja auch alles nette Leute sind, mit denen man ein Bier trinken gehen kann (Calmund) und denen man volle Unterstützung beim Coming Out zusichert (Zwanziger). Es ist tatsächlich positiv bemerkenswert, dass letzterer gerade in seiner Eigenschaft als DFB-Präsident so überaus undiplomatische und wohlwollende Worte findet.
Neben diesen beiden souveränen Menschen besteht der Rest des Films im Wesentlichen aus Aussagen, die aus einem Merkblättchen “Schwule und Lesben für Einsteiger” stammen könnten – egal, ob man den toleranten Fans oder den toleranten Fußballern zuhört, immer fallen die gleichen Phrasen: “auch nur Menschen”, “trotzdem nett”, “wie du und ich”, “wenn sie gut spielen, macht das ja nichts”.
Natürlich kann man prinzipiell froh sein, wenn wenigstens diese Einstellung bei den Leuten zu finden ist. Aber es macht deutlich, auf welchem primitiven Anfangsniveau sich die Beschäftigung mit der Möglichkeit von Homosexualität im “reinen Hetensport” Profifußball überhaupt befindet. Da müssen Fans vor laufender Kamera sichtbar tapfer sein, um diese Möglichkeit tatsächlich in Betracht zu ziehen, kein Wunder, dass sie sich anhören wie 12-jährige, die “mal was von Schwulsein gehört” haben.
Dass die Reportage ein zu großes Fass aufmacht und gleich noch in drei Nebensätzen das “offene Geheimnis” lesbischer Spielerinnen in der Frauen-DFB-Auswahl erwähnt und außerdem noch eine Schiedsrichterin, die früher ein Mann war, ins Boot holt, sei ihr verziehen. Schließlich sind wir ja noch in der Phase, in der erstmal darauf hingewiesen werden darf und soll, dass es im Profifußball bestimmte Themen wie nicht-heterosexuelle Beteiligte überhaupt gibt. Außerdem ist der ganze Beitrag unreißerisch und kommt ohne große Klischeeansammlungen aus, was ihm bei RTL und Konsorten wohl nicht vergönnt gewesen wäre.
Und so hat diese Reportage es auf jeden Fall geschafft, aufzuzeigen, wie sehr die Diskussion, ja sogar das grundsätzliche “Zulassen” des Themas Homosexualität im Profifußball noch in den Anfängen steckt. Mal sehen, was noch kommt. Der DFB ist immerhin wesentlich weiter als Christoph Daum: der Verband beteiligt sich an der Finanzierung eines Umzugswagens für den diesjährigen CSD in Köln.
[EDIT, 4.8.2008: Am 31. Juli hat sich Christoph Daum immerhin mit Mitgliedern von Andersrum Rut-Wiess getroffen und offenbar die wesentlichen Missverständnisse und Ärgernisse aus dem Weg räumen können. Ob das nun bedeutet, dass er das alles wirklich überhaupt nicht so gemeint hat, oder ob es auch zeigt, dass eine von Daums Charaktereigenschaften diejenige ist, beim Reden in der Öffentlichkeit sein Gehirn immer wieder mal zu Hause zu lassen (ich sage nur: freiwillige Haarprobe zum Kokainnachweis), bleibt die Entscheidung der werten Leserschaft. Den deutlich gezeigten guten Willen möchte ich ihm aber durchaus zugute halten.]
Kann mich gar nicht entscheiden, alles so schön feucht hier
Was war?
Landauf, landab wird über das Phänomen Charlotte Roche diskutiert. Madame tingelt durch die TV-Shows und liest vor ausverkauften Häusern, das Feuilleton kratzt sich am Kopf und fragt sich, wie der Erfolg ihres schriftstellerischen Erstlingswerkes Feuchtgebiete denn bloß zustande kommen kann.
Ich möchte dieser Diskussion eine neue Facette hinzufügen:
Ich habe Charlottes Buch tatsächlich gelesen.
Was ist?
Der Inhalt ist tatsächlich so schnell erzählt wie häufig kolportiert und lässt sich mit den ersten beiden Sätzen auf der Buchrückseite zusammenfassen: “Nach einer missglückten Intimrasur liegt die 18-jährige Helen auf der Inneren Abteilung von Maria Hilf. Dort widmet sie sich jenen Bereichen ihres Körpers, die gewöhnlich als unmädchenhaft gelten.” Das macht sie 220 Seiten lang, und zum Schluss gibt’s ein kleines Happy End.
Das ist grundsätzlich in Ordnung, es gib viele Romane, deren tatsächlicher Inhalt und konkrete Handlung nebensächlich sind. Es geht dann stattdessen um Gefühle, Situationsbeschreibungen, emotionale Weiterentwicklung, raffinierte literarische Formulierungen oder treffende Atmosphären-Beschreibungen.
Trotz einer Hand voll gelungener Ausdrucksweisen bietet Feuchtgebiete all dies allerdings nicht. Es gibt weder einen nennenswerten roten Faden in Bezug auf die Geschehnisse im Krankenhaus noch eine nennenswerte Entwicklung in Helens Gefühlsleben oder ihren Emotionen. Für eine literarisch-ansprechende Beschreibung der Situation fehlt es Helen zum einen an Ausdrucks- und Reflexionsvermögen und zum anderen ist ihr das eigene Ego dafür viel zu wichtig und deshalb im Weg.
Stattdessen ist alles, was die geneigte Leserschaft beim Schmökern erlebt, eine 18-jährige im Dialog mit sich selbst, die erfahren über Sex berichtet, die Ausdrucksweise einer 12-jährigen hat, die egozentrisch-naive Weltsicht einer 8-jährigen und die Bockigkeit einer 5-jährigen. Hinzu kommt die Körpersekretfixierung einer 3-jährigen.
Alle vorkommenden Themen werden immer nur kurz angerissen, ohne dass sich daraus am Ende des Buches mit einem wenigstens kleinen Aha-Effekt ein Gesamtbild ergäbe: Helens Ablehnung von Sauberkeit, ihre Ablehnung der Kirche, ihre (schlimme) familiäre Vergangenheit, ihr selbstverletztendes Verhalten, ihre Hyperaktivität… alles wird immer schön knapp und provokant in Szene gesetzt, und dabei bleibt es, wodurch sämtliche Erläuterungen, weshalb Helen so ist, wie sie ist, nichts als Klischees bleiben: Scheidungskind, darum gestört, Mama konnte sich nicht durchsetzen und ist selbst gestört, ein traumatisches Ereignis in der Kindheit etc.
Und schon ist sie, ihrem kindlichen Verhalten entsprechend, bei einem ganz anderen Thema oder “muss jetzt rumlaufen”. Überhaupt muss Helen immer was machen. Von der Beschäftigung mit Körpersekreten bis zu Weintrauben, in die sie mit Hingabe Nüsse und Rosinen friemelt, natürlich beträufelt mit ihren eigenen Tränen. Das ist jedoch keine bewusste Beschäftigungsmaßnahme, die sie selbstironisch als solche entlarven würde (weil sie körperlich eingeschränkt im Krankenhaus liegt und sich mit irgendetwas von der Langeweile ablenken müsste), sondern für sie wirklich wichtig, zumal sie auch aus ihrem sonstigen Leben ausschließlich die pathologische Beschäftigung mit Kleinigkeiten berichtet.
Das Einzige, das ausführlich dargestellt wird, ist Helens Körpersäfte-Obsession, die durchaus an Tabus rührt und begründeter Anlass für das Aufsehen (aber nicht unbedingt für die Ablehnung) ist, das das Buch hervorgerufen hat.
Helen will ihre seit langem geschiedenen Eltern wieder zusammenbringen und verletzt sich dafür im Krankenhaus ein weiteres Mal selbst, um einen längeren Krankenhausaufenthalt zu provozieren. Warum? Damit es einen längeren Zeitraum gibt, in dem die Eltern sie gemeinsam im Krankenhaus besuchen können und so wieder zueinanderfinden. In Helens Kopf ist das ein funktionierender Plan. Es würde schon eine große literarische Gabe erfordern, um eine solche psychologische Verdrehtheit so in eine Persönlichkeit einzubetten, dass man mit der Hauptfigur mitfühlt und denkt “Schade, da ist ihr Spleen jetzt etwas mit ihr durchgegangen, hoffentlich kriegt sie die Kurve wieder.” Roche versucht dies aber nicht einmal, sondern belässt Helens Weltsicht in der Trotzigkeit eines Kindes.
Jeder gelungene Bösewicht hat sympathische oder faszinierende Eigenschaften, und jeder gute Held hat einen dunklen Fleck. Helen Memel ist einfach nur naiv, bockig, egozentrisch, kurz: nervig, wodurch das Mitfühlen mit der Romanheldin unmöglich wird und man für ein Nachdenken über ihre Ansichten (die eigentliche “Message” des Buches sozusagen) schlicht die Lust verliert.
Was bleibt?
Es ist irreführend, dass Charlotte Roche ausgerechnet mit diesem Buch das Banner gegen übertriebene Hygiene hochhält. Sie hat immer wieder kundgetan, dass sie mit diesem Buch gegen die (angebliche) gesellschaftliche Norm angehen möchte, dass Frauen eine Komplett-Intimrasur machen müssten und nie nach sich selbst duften dürften.
Dieser Ansicht stimme ich auch zu, nur – es besteht ein großer Unterschied zwischen der Kritik an der antibakteriellen Welt einer Heidi Klum und dem Dreck-Fetisch einer Helen Memel.
Mit ihr gegen die Absurditäten des Schönheitswahns anzugehen, erscheint so, als wenn jemandem die “übertriebene Intellektualität” Roger Willemsens auf den Geist geht und als Gegenmaßnahme Herrn Bohlen in die Arena schickt.
Darüber hinaus fällt noch etwas auf: Von den VIVA-VJs Gülcan und Johanna über Breitmaulslang sprechende Protagonistinnen aus MTV-Kuppelshows bis zu den dekadenten Berichten, wer für sein Hündchen eine große Villa in Palm Beach hat bauen lassen – all diese Mädchen aus der Popkultur sind doch genau wegen eben jener Mischung aus Zickigkeit, Bockigkeit, Selbstgefälligkeit und Naivität nicht zu ertragen oder gar ernstzunehmen. Von Unterschieden in der “Reinlichkeit” abgesehen, passt Helen Memels Charakter sehr gut in diese Reihe.
Und ausgerechnet Charlotte Roche kann nun wirklich nicht gewollt haben, dass man die Protagonistin ihres Buches aus denselben Gründen unsympathisch findet und ablehnt wie bei den Mädchen, gegen die sich das Buch richtet.
Und nu’?
Das eigentliche Buch tritt mittlerweile komplett in den Hintergrund, was gut ist, denn sonst würde irgendjemand mit einer einzigen Frage die ganz Diskussion abflauen lassen: “Dieses literarisch versandete Werk beschäftigt uns jetzt schon seit mehreren Monaten??”
Oder wie es Christian Kortmann in der taz ausdrückte: “Reaktion schafft das Werk.” Weiter führt er aus, dass der Roman einen nicht zum besseren Menschen mache und auch nichts hängenbleibe, aber man könne mitreden.
Die Diskussion über das Thema anzustacheln, das laut Charlotte Roche eigentlich das Thema des Buches hätte sein sollen, hat sie natürlich trotzdem geschafft und das ist ihr positiv anzurechnen. Der Meinungswust über Geschlechterrollen, Hygiene, Feminismus (oder was dafür gehalten wird) und Schönheitsideale ist längst am eigentlichen Buch vorbeigerollt und hat eine Eigendynamik entwickelt, durch die Feuchtgebiete nur noch Stichwortgeber und schon lange nicht mehr Gegenstand des Diskurses ist.
Nicht nur in diversen Fernsehauftritten, sondern auch in verschiedenen Interviews spiegelt sich wider, dass Charlotte Roche selbst wesentlich konzentrierter und näher an ihrer gewünschten Aussage dran ist als Helen Memel in ihren besten Momenten.
Was ist eigentlich Rekursion?
Donnerstag, 17. April 2008, 11:14 Uhr
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Wenn auf RTL “Die ultimative Chart-Show” mit Oliver Geissen am Freitag eine Ausgabe zeigt, in der die erfolgreichsten Casting-Stars aller Zeiten vorgestellt werden.
Und was sammeln wir jetzt? oder: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner ständigen Verfügbarkeit.
Ein erstes Brainstorming, dem noch weitere folgen werden.
Es ist zwar schon zehn Jahre her, aber im großen Zusammenhang gesehen ist es eben doch erst zehn Jahre her, als ich wieder einmal dem überaus coolen London einen Besuch abstattete. 1998 also, der letzte Besuch im alten Jahrtausend.
Die ersten Stationen meiner eigenen Art des Sightseeings führten mich zu HMV, Virgin und Tower Records (anschließend auch zu kleineren Musikgeschäften abseits der großen Straßen).
Zum einen wollte ich neue Musik kennenlernen, was, da ich mich im Heimatland des Pop befand, sogar in den großen Ladenketten ging. Denn das, was dort selbstverständlich und mainstreamig aus den Kopfhörern schallte, wurde in Deutschland im kleinen Club deines Vertrauens oder in einer versteckten Sendung auf VivaZwei(RIP) gespielt.
Und außerdem gab es dort englischspachige Filme! Mit Betonung auf englischsprachig. Endlich Videokassetten mit original englischer Tonspur. Auch die gab es hierzulande nur per Import oder mit langen Wartezeiten in der Videothek des geringsten Misstrauens. Denn auch die Online-Shops des Internets steckten erst knapp in den Kinderschuhen.
Diese Kleinode wurden mit leuchtenden Augen gekauft, nur selten habe ich im Kopf die geforderten Pfund-Preise in horrende D-Mark-Preise umgerechnet, und selbst wenn, war die Aussicht, diesen Film in der Originalfassung oder diese CD endlich selbst in Händen zu halten, ohnehin das entscheidende Argument.
Wieder in Deutschland, habe ich mehr als einmal meinen Kabelnetzbetreiber verflucht, weil er West3, auf dem häufiger Filme in Zweikanalton ausgestrahlt wurden, per Satellit ins Netz einspeiste und deshalb nur schnöder, deutscher Einkanalton übrigblieb.
Mittlerweile lasse ich mir per Mausklick CDs unter deutschem Ladenpreis aus den USA schicken, die in Neuseeland abgefertigt werden. Der CD-Katalog wird nicht mehr durch einen Händler hinterm Tresen zur Verfügung gestellt, sondern ich selbst habe in meinen eigenen vier Wänden am Bildschirm Zugriff auf den “Weltkatalog” der Musik.
(Fast) Jede deutsche DVD-Fassung eines nicht-deutschssprachigen Films enthält die Originaltonspur (“Ich hab ja neulich Tiger and Dragon auf Mandarin gesehen; ganz anderer Wortwitz!”). Man muss einen deutlich exotischeren Filmgeschmack haben als früher, um darüber zu stolpern, dass es bestimmte Filme noch nicht in die deutsche DVD-Veröffentlichung geschafft haben, auch wenn es hier durchaus noch bestimmte Defizite gibt (wann werden z.B. endlich Robert Altmans The Player, Short Cuts und Alan Rudolphs Mrs Parker and her vicious circle in anständigen Editionen auf den Markt geworfen?).
Auch TV-Serien, die auf Video nur spärlich veröffentlicht wurden, überschwemmen den Markt, von hochwertig bis zu “Mein Gott, das hat jemand nochmal auf DVD gepresst??”.
Hinzu kommt, dass ich, wenn ich denn wollte, durch EMule, Torrent und Konsorten jeden nur erdenklichen Film, jede TV-Serie und jedes Musikalbum sehen und hören könnte, gelegentliche längere Wartenzeiten wegen mangelhafter Verfügbarkeit zugestanden. Selbst amazon.de hat einen riesigen DVD-Verleih, wodurch auch die Videothek um die Ecke ihre Wichtigkeit verloren hat.
Wenn ich denn also will, bekomme ich jeden filmischen oder musikalischen Inhalt auf meine Festplatte oder ins Haus. Zu jeder Zeit. Von moralischen und urheberrechtlichen Bedenken abgesehen: ohne Einschränkung.
Und ja, es ist fantastisch, nicht mehr auf den guten Willen oder das (mangelnde) Wissen eines Plattengeschäft-Mitarbeiters angewiesen zu sein, wenn man da neulich so’n bestimmtes Lied gehört hat. Klar ist es ein herrliches Gefühl, sich recht sicher sein zu können, einen Film, den man sehen will, auf DVD zu bekommen und in der gewünschten Sprache anschauen zu können.
Aber was macht das mit mir? Wie beeinflusst dieser Umstand meine Wahrnehmung und Wertschätzung dessen, was ich an medialer Unterhaltung konsumiere? Wie groß ist die Freude, eine CD oder auch nur ein bestimmtes Musikstück gefunden zu haben (und dazu gleich zu besitzen!), wenn ich lediglich in einem Programm oder auf einer Online-Shop-Website die Suchfunktion verwenden muss und mich nicht einmal aus dem Haus bewegen brauche?
Ein Bekannter von mir meinte kürzlich: “Ich hab jetzt 160 Gigabyte MP3s auf meiner Festplatte, ich weiß gar nicht, wie ich mich da jemals durchhören soll.” Das war der Moment, in dem mir auffiel, dass mein CD- und DVD-Sammeltrieb auf einem ganz ähnlichen Prinzip beruhte: Ich war froh und glücklich, dass ich durch den Besitz die Möglichkeit erhielt, zu jeder Zeit “da ranzukommen”. Das war das Besondere daran, eine CD oder DVD sein Eigen zu nennen.
Aber seit einigen Jahren habe ich, wie eben gesagt, all diese Inhalte ohnehin ständig zur Verfügung. Das Besondere des Besitzes einen physischen Datenträgers fällt immer mehr weg. Wenn in absehbarer Zeit in der Filmindustrie das Stream- und Download-Geschäft sich doch mal dazu herablässt, ins Rollen zu kommen, würden sogar, wie schon beim Musik-Download, die Scheiben als Verkaufsgut wegfallen. Verkauft werden also reine Inhalte, keine Objekte, auf denen sie gespeichert sind. Und dazu sind es noch Inhalte, die immer zur Verfügung stehen, da sie keinen Datenträger zum Transport mehr benötigen.
Wenn das also so ist, und der Kauf/Besitz einer DVD, CD oder einem ähnlichen Medium nicht mehr Voraussetzung ist, um Zugriff auf gewünschte Filme, Musik oder TV-Serien zu haben, wird meine Musik- und Filmsammlung quasi überflüssig. Und daraus ergibt sich die überschriftgebende Frage, die ich für mich noch nicht beantworten kann:
Was sammeln wir jetzt?
Geht etwas verloren, wenn das Gefühl fehlt, ein konkretes Objekt zu besitzen, auf dem sich der gewünschte Inhalt befindet? Wenn ja, was? Wenn nein, ist das schlimm und wird es vielleicht sogar durch irgendwas ersetzt? Schätzen wir Musikstücke und Filme weiterhin genauso, wenn wir sie alle einfach immer bekommen können, ohne den geringsten Jagdinstinkt einsetzen zu müssen?
[EDIT 13.10.2008: Zu diesen Gedanken passt wunderbar ein Artikel drüben beim Spreeblick.]
From my cold dead hands
Nun könnense ihn endlich beim Wort nehmen.
Hin- und hergerissen, ob ausgerechnet ein Nachruf wirklich ein so guter Einstieg in ein nigelnagelneues, frischbezogenes Blog ist, habe ich mich doch für diesen Eintrag entschieden, denn es ist eine von den aktuellen Storys, zu denen ich so drauflosplappern kann, gefragt oder ungefragt.
Dass Charlton Heston nicht mehr unter den Lebenden weilt und im annehmbaren Alter von 84 Jahren gestorben ist, kann zwar nicht mehr als Neuigkeit gelten, immerhin wurde das ja schon gestern bekanntgegeben, und spätestens seit Mitte dieses Jahrzehnts ist gestern gleichbedeutend mit letzte Woche (dass gestern Sonntag und somit tatsächlich “letzte Woche” war, ist lediglich ein ironischer Zufall des Kalenders).
Dennoch überlege ich immer noch, welche abschließende Einstellung ich eigentlich zu Mr. Heston habe. Auf der einen Seite steht sein Name für sonnengebräunte Sandalen-Bombast-Unterhaltung in jedem guten Feiertags-Filmprogramm im TV, bei dem sowohl das Filmformat als auch das Pathos ohne Breitbildfernseher gar nicht adäquat dargestellt werden können.
Wenn er mit seinem kantigen Gesicht in Ben Hur zum x-ten Mal die Schikanen der bösen Römer erduldet, um anschließend in Kitsch und religiösem Quark versinkend gegen alle Widerstände doch das Wagenrennen zu gewinnen, ist das immer wieder unterhaltend und hat geradezu etwas Versicherndes, Beruhigendes: solange Charlton Heston in Technicolor in den Vierspänner steigt, geht das Osterfest seinen beruhigend gewohnten Gang.
Auf der anderen Seite war er in späteren Jahren bekannterweise Vorsitzender der amerikanischen National Rifle Association und hat ätzenden, reaktionären Schund von sich gegeben, der unter anderem in den titelgebenden Ausspruch dieses Eintrags gipfelte, mit dem er ausdrückte, wann die anderen ihm frühestens sein Gewehr aus den Händen reißen könnten.
Charlton Heston ist einer der großen Namen, wenn es um die US-amerikanische Filmgeschichte geht und ist eine von mehreren spontanen Assoziationen, die ich zu großen Leinwandspektakeln der 50er und 60er Jahre habe. Trotz Kitsch und oft übertriebenem Pathos steckt darin auch eine Qualität. Aber seine Verbohrtheit und sein erschreckendes Umschwenken zu republikanischem Erzkonservatismus in späteren Jahren hinterlassen einen verdammt üblen Beigeschmack.
Insofern erlaube ich mir jetzt, ihm endgültig seine verdammte Knarre abzunehmen – wo er jetzt ist, braucht er sie ja wohl nicht mehr.