Du spürst das Gras…
…hier und da bewegt sich was, es macht dir Spaß, nein es ist nicht nur das…

Fundstücke (2)
Montag, 29. September 2008, 13:14 Uhr
Abgelegt unter: fußball, fundstücke, link, medien, politik, popkultur, sport, us-wahl

~~ USAerklärt weist darauf hin, dass die Interviews deutscher Politiker nachträglich autorisiert werden, während so etwas in der englischsprachigen Welt als ein Eingriff in die Arbeit des Journalisten angesehen wird:

Die verschiedene Vorgehensweise führt zu einem Unterschied in der Zahl der saudummen Bemerkungen von Politikern, die die Bevölkerung erreichen. Während amerikanische, australische, britische und kanadische Politiker scheinbar ständig their foot in their mouth haben, sind ihre deutschen Kollegen durch ein Netz und einen doppelten Boden vor den größten Fettnäpfchen geschützt. Entsprechend wirken sie – zumindest im Durchschnitt – rhetorisch geschickter.

~~ 11Freunde über ein doch recht bemerkenswertes Spiel meiner Lieblingsmannschaft am vergangenen Wochenende:

93. [Minute:] Schlusspfiff. Die Stürmer beider Mannschaften verabreden sich zum Après Ski, die Verteidiger gründen eine Selbsthilfegruppe. Ralf Rangnick eilt in die Kabine, um seinen ersten Roman zu verfassen: »Begrabt mein Herz an der Biegung der Weser«.
Thomas Schaaf, dessen linke Gesichthälfte seltsamerweise wesentlich faltiger ist als sein rechte, wird gefragt, ob er in Partystimmung geraten sei. Nach zehn Sekunden Bedenkzeit sagt er: »Nö.«

Aus Spaß am Spiel war das natürlich der Wahnsinn; als Fan der Heimmannschaft, die sich oben in der Tabelle positionieren will und nach 6 Spieltagen pro Spiel 2 Gegentreffer gekriegt hat, wird mir aber doch langsam mulmig.

~~ Manuel Andrack vermutet ein baldiges Ende von Schmidt & Pocher. Was ich sehr begrüßen würde, denn fortgeführte Leichenfledderei an einer ohnehin unterirdischen Sendung ist einfach geschmacklos.



Drei oder vier Randbemerkungen zum Schwulsein im Fußball
Freitag, 26. September 2008, 17:21 Uhr
Abgelegt unter: fußball, gender studies, sport

Die Sache mit Christoph Daum scheint ja nun vom Tisch zu sein, aber durch einen aktuellen Artikel auf 11freunde.de (der übrigens auch beim Tagesspiegel mit leicht geänderter Überschrift zu lesen ist) und einen ähnlich gelagerten Artikel bei zoomer.de (Link inzwischen nicht mehr verfügbar) fielen mir wieder ein paar Dinge auf:

  • Wenn es nicht genau das widerspiegeln würde, worum es geht, wäre die Vehemenz überaus amüsant, mit der einige Kommentatoren unter letzterem Artikel garantieren(!) können, dass der eine oder andere bestimmte Bundesligaspieler nicht schwul ist. Schon allein, dass irgendwer “verteidigt” werden muss, dass es das ja vielleicht gibt, aber der nun bestimmt nicht, belegt, dass die von einigen gewünschte und selbst formulierte Normalität (“Ist doch egal, ob einer schwul ist oder nicht”) eben noch nicht gegeben ist.
  • Gern genommen ist auch die Aussage “Solange er auf dem Platz seinen Job gut macht, ist das doch ganz egal.” Das klingt tolerant, aber heißt das, dass es nicht mehr egal ist, falls der Typ schlecht spielt? Ich frag ja nur.
  • Unweigerlich wird zur Beschreibung der Homohobie wieder einmal die Phrase verwendet, dass Fußball “die letzte Bastion der Männlichkeit” sei. Diese Phrase wird (wie z.B. in diesem Artikel) häufig und gern von Leuten verwendet, die Homophobie verurteilen. Wenn es aber schon nicht die dumpfen Phobiker sind, die so reden, muss sich aber doch irgendwann jemand bei der Wortwahl mal am Kopf kratzen:
    Denn wenn die “letzte Bastion von Männlichkeit” also durch den “Angriff” der Homosexualität “bedroht” wird, ist durch Verwendung dieser Phrase eine Männlichkeit durch Heterosexualität definiert. Homosexuelle wären demnach unmännlich…
    Bei zoomer.de umgeht Autor Peer Göbel das Problem ganz simpel dadurch, dass er davon schreibt, dass Fußball “die letzte Bastion der reinen Heterosexualität zu sein [scheine]“. Ein Wörtchen geändert, und schon verliert die Aussage ihren schalen Beigeschmack.


Fußball ist immer noch wichtig
Freitag, 30. Mai 2008, 00:04 Uhr
Abgelegt unter: aufreger, fußball, gender studies, popkultur, sport

So, das war sie nun, die DSF-Reportage über Das große Tabu – Homosexualität & Fußball. Für den Stand der Dinge war sie gar nicht schlecht. Der Knackpunkt ist nur: es wurde deutlich, dass es eigentlich noch gar keinen Stand der Dinge gibt.

Um den größten Aufreger dieser Reportage gleich vorwegzunehmen: Die Abschrift von Christoph Daums umstrittenem Zitat ist (leider) nicht verfälscht oder verkürzt worden, er sagt tatsächlich wörtlich:

„Da wird es sehr deutlich, wie sehr wir dort aufgefordert sind, gegen jegliche Bestrebungen, die da gleichgeschlechtlich ausgeprägt ist, vorzugehen. Gerade den uns anvertrauten Jugendlichen müssen wir mit einem so großen Verantwortungsbewusstsein entgegen treten, dass gerade die, die sich um diese Kinder kümmern, dass wir denen einen besonderen Schutz zukommen lassen. Und ich hätte da wirklich meine Bedenken, wenn dort von Theo Zwanziger irgendwelche Liberalisierungsgedanken einfließen sollten. Ich würde den Schutz der Kinder über jegliche Liberalisierung stellen.“

Dazu muss man sich ins Gedächtnis rufen, dass es sich ja nicht um ein ausführliches Interview mit Daum handelte , in dem es um Gott und die Welt ging, und seine Weiterleitung zum nächsten Thema ging schlicht daneben: er wurde für die Reportage zum Umgang mit Homosexualität im Fußball befragt.
Auch seine anschließende auf der Website des 1. FC Köln veröffentlichte Stellungnahme zu dieser Passage räumt überhaupt nicht mit dem auf, was ihm vorgeworfen wird:

„Grundsätzlich bin ich ein toleranter und liberaler Mensch. Ich habe keinerlei Berührungsängste zu homosexuellen Menschen. Auch in meinem Bekanntenkreis gibt es Einige, die in gleichgeschlechtlichen Beziehungen leben. Kinderschutz geht mir aber über alles. Kinder müssen vor Gewalt und sexuellen Übergriffen, ganz gleich ob von homo- oder heterosexuellen Menschen, geschützt werden. Deswegen arbeite ich auch aktiv bei der Organisation Power-Child e.V. mit.“

Power-Child e.V. ist ein Verein mit dem Anliegen, Kinder vor sexuellen Übergriffen zu schützen. Und genau deshalb beginnt spätestens ab hier Daums Fahrlässigkeit in Vorsatz und Dummheit umzuschlagen: im besten Herman’schen Stil beharrt er auf seiner Sicht der Dinge und begreift nicht, dass seinen Aussagen ekelhafte Assoziationen zugrunde liegen.
In seiner Stellungnahme hatte er die Möglichkeit, Vergleiche geradezurücken bzw. auszuschließen. Stattdessen wiederholt er, dass trotz seiner selbsterklärten Toleranz Kinderschutz vorgehe. Auch mit Abstand bleibt also Homosexualität für ihn etwas, vor dem man Kinder (wie vor Pädophilie) dringend schützen müsse…

Laut 4 Buchstaben soll er nach dieser Erklärung sogar gesagt haben:

„Soll ich mich etwa für meine Gedanken zum Kinderschutz entschuldigen? Der Schutz der Kinder steht einfach über allem.“


Offenbar ist sein Hirn wirklich nicht in der Lage, seine eigenen Gedanken zu reflektieren. Der Mann versteht tatsächlich nicht, was ihm konkret vorgeworfen wird.

Zurück zur Reportage:

Dass es schwule Fußballspieler nicht nur im Amateur- und Freizeitbereich, sondern im bezahlten und bejubelten Profisport geben soll, dass Leute “ungeahnt” beim Torerfolg der eigenen Mannschaft einem Schwulen zujubeln könnten, ist für einige Fans schlicht unvorstellbar.
Peter Neururer sagt treffend: “Es ist eigentlich überhaupt kein Thema. Aber dadurch, dass es kein Thema ist, wird es doch ein Thema.”

Das wird im Verlauf des Films sehr deutlich: die Aussagen von Fans vor diversen Stadien der Republik schwanken zwischen “ekelig”, “mir egal” und “solang er Leistung aufm Platz bringt, macht das doch nichts”. Als des Teufels Advokat möchte man glatt nachfragen: Wenn er die Flanke nicht hinkriegt, wird seine sexuelle Orientierung oder sein ‘Lebensstil’ also doch wieder für seine Beurteilung wichtig?

Fast schon suspekt, weil sehr sympathisch, die Aussagen von Reiner Calmund und ausgerechnet Theo Zwanziger, die mehrfach kundtun, dass das ja auch alles nette Leute sind, mit denen man ein Bier trinken gehen kann (Calmund) und denen man volle Unterstützung beim Coming Out zusichert (Zwanziger). Es ist tatsächlich positiv bemerkenswert, dass letzterer gerade in seiner Eigenschaft als DFB-Präsident so überaus undiplomatische und wohlwollende Worte findet.

Neben diesen beiden souveränen Menschen besteht der Rest des Films im Wesentlichen aus Aussagen, die aus einem Merkblättchen “Schwule und Lesben für Einsteiger” stammen könnten – egal, ob man den toleranten Fans oder den toleranten Fußballern zuhört, immer fallen die gleichen Phrasen: “auch nur Menschen”, “trotzdem nett”, “wie du und ich”, “wenn sie gut spielen, macht das ja nichts”.
Natürlich kann man prinzipiell froh sein, wenn wenigstens diese Einstellung bei den Leuten zu finden ist. Aber es macht deutlich, auf welchem primitiven Anfangsniveau sich die Beschäftigung mit der Möglichkeit von Homosexualität im “reinen Hetensport” Profifußball überhaupt befindet. Da müssen Fans vor laufender Kamera sichtbar tapfer sein, um diese Möglichkeit tatsächlich in Betracht zu ziehen, kein Wunder, dass sie sich anhören wie 12-jährige, die “mal was von Schwulsein gehört” haben.

Dass die Reportage ein zu großes Fass aufmacht und gleich noch in drei Nebensätzen das “offene Geheimnis” lesbischer Spielerinnen in der Frauen-DFB-Auswahl erwähnt und außerdem noch eine Schiedsrichterin, die früher ein Mann war, ins Boot holt, sei ihr verziehen. Schließlich sind wir ja noch in der Phase, in der erstmal darauf hingewiesen werden darf und soll, dass es im Profifußball bestimmte Themen wie nicht-heterosexuelle Beteiligte überhaupt gibt. Außerdem ist der ganze Beitrag unreißerisch und kommt ohne große Klischeeansammlungen aus, was ihm bei RTL und Konsorten wohl nicht vergönnt gewesen wäre.

Und so hat diese Reportage es auf jeden Fall geschafft, aufzuzeigen, wie sehr die Diskussion, ja sogar das grundsätzliche “Zulassen” des Themas Homosexualität im Profifußball noch in den Anfängen steckt. Mal sehen, was noch kommt. Der DFB ist immerhin wesentlich weiter als Christoph Daum: der Verband beteiligt sich an der Finanzierung eines Umzugswagens für den diesjährigen CSD in Köln.

[EDIT, 4.8.2008: Am 31. Juli hat sich Christoph Daum immerhin mit Mitgliedern von Andersrum Rut-Wiess getroffen und offenbar die wesentlichen Missverständnisse und Ärgernisse aus dem Weg räumen können. Ob das nun bedeutet, dass er das alles wirklich überhaupt nicht so gemeint hat, oder ob es auch zeigt, dass eine von Daums Charaktereigenschaften diejenige ist, beim Reden in der Öffentlichkeit sein Gehirn immer wieder mal zu Hause zu lassen (ich sage nur: freiwillige Haarprobe zum Kokainnachweis), bleibt die Entscheidung der werten Leserschaft. Den deutlich gezeigten guten Willen möchte ich ihm aber durchaus zugute halten.]