Heute wird John Cleese 70! Herzlichen Glückwunsch und danke für die Musik Sketche!
Es ist grad verdammt kalt in Deutschland. Was wie eine Metapher klingt, ist jetzt mal ganz wörtlich gemeint. Temperaturen jenseits von -20 Grad hat man hier wirklich nicht alle Tage. Klar, dass das ein Thema in den Nachrichten ist. Die Kälte hat auch ungewöhnliche (und damit erwähnenswerte) Auswirkungen: Gasleitungen eingefroren, Teile des Binnenschiffsverkehr eingestellt, Löschschaum der Feuerwehr friert auf dem Boden fest. Ob damit nun ein ARD-Brennpunkt wie gestern Abend gerechtfertigt ist, erscheint mir dennoch fragwürdig; über dessen Informationsgehalt hat Stefan Niggemeier bei FAZ.net wieder sehr schön berichtet.
Was mich hingegen den Kopf schütteln lässt, ist der seltsame Umstand, dass die Reaktionen der Menschen so völlig unvorbereitet, ratlos, engstirnig und wütend ausfallen:
- Ein Bäcker, der auf Grund einer defekten Gasleitung keine Backwaren produzieren konnte, berichtet von “wütenden Kunden”, weil diese keine Brötchen bekommen hätten.
- Bei mehreren der zahllosen Unfälle auf irgendeiner Bundesstraße hieß es, dass da noch Leute mit Sommerreifen unterwegs waren.
- An der Tanke kaufen die Leute die Regale mit Entfroster leer, weil sie ausgerechnet im Januar offenbar keinen Entfroster zuhaus haben.
- Wie lang die Feuerwehr, der Streudienst, das THW oder sonstwer gebraucht hat, bis sie am Einsatzort waren, XY erledigt haben usw., ist ebenfalls etwas, das für Unmut sorgt.
- Und bei der Deutschen Bahn beschweren sich Kunden, weil die Beeinträchtigungen durch diese extreme Kälte dazu führen, dass nicht alle Züge pünktlich sind oder gar, oh Graus, ausfallen.
Den schwachen Gag, dass sie doch sonst auch nicht pünktlich wären, lasse ich mal beiseite und gucke mir an, was Sache ist:
In Deuschland ist es scheißkalt. Es fällt Schnee. Es gibt Glatteis. Es friert.
Leitungen, Scharniere, Heizungen, Ventile, Motoren, Weichen, alles mögliche kann ein-, zu- oder abfrieren. Straßen können unpassierbar werden. Flüsse können zufrieren. Pkw, Lkw, Züge, Feuerwehren oder Busse können vielleicht nicht anspringen oder bleiben irgendwo stecken. Und. So. Weiter.
Anders gesagt:
Wenn richtig Winter ist, ist das öffentliche Leben eingeschränkt.
Das ist so. Und das war auch schon immer so.
Die Tatsache, dass die Winter der letzten Jahre eher mild waren, heißt nicht, dass wir vergessen dürfen, dass wir in der gemäßigten Klimazone leben, in der es, verdammt noch mal, auch richtigen Winter gibt! Mit all den Auswirkungen, die wir grad erleben.
Und da gibt es Menschen, die sind schwer irritiert, überfordert, ratlos und verärgert, weil im tiefsten Winter in Deutschland nicht alles genauso reibungslos läuft wie an einem milden Frühlingstag?
Aber die werden sich wahrscheinlich an eben jenem Frühlingstag auch darüber beschweren, dass ein Orkantief ihnen die Blumenzwiebeln im Vorgarten in Unordnung bringt und lamentieren, dass die Polizei das nicht verhindert hat.
00:05: Willkommen in meiner bescheidenen Bloghütte zu einem Live-Blog anlässlich der US-Wahl 2008, an dem ich mich jetzt einfach mal heute Nacht versuchen werde. Die Gelegenheit zu haben, sich die Nacht dafür um die Ohren schlagen zu können, muss ja für irgendwas gut sein.
00:08: Ich habe bereits einen polternd-nuschelnden Gerd Ruge und eine überforderte Sandra Maischberger in der ARD ertragen müssen (eben meine ich sogar kurz Wolfgang Fierek erkannt zu haben), im ZDF versucht sich Johannes B. Kerner an dem, was er nachhakende Fragen nennt. Im Moment sehe ich mich beim Durchhalten der Nacht eher am Niveau der ÖRs scheitern als an der Uhrzeit.
Wenigstens wurde der Kerner von Gayle Tufts niedergeplappert, recht so.
00:36: Vorhin hat die ARD die Dramatik der Wahl mit dem Pirates of the Carribean-Soundtrack untermalt. Ich stelle mir John McCain in der Rolle des Geoffrey Rush (Barbossa) vor…
00:45: Jörg Schönenborn hat tatsächlich grad den Oral Office-Gag in Bezug auf die Lewinsky-Affäre gebracht…
00:47: Gerd Ruge hört sich an wie eine betrunkene Mischung aus Gerhard Löwenthal und Erich Honecker, grausig!
00:59: Herrje, das too close to call ist aus dem Jahr 2000 noch traumatisch in Erinnerung. Bitte so wählen, dass es nicht so oft und nicht entscheidend heute nacht auftaucht, vielen Dank.
01:06: Erschreckend und bezeichnend: auf ARD, ZDF, RTL, Sat1, n-tv, Phoenix und N24 reden sie über die US-Wahl. Und meinem Empfinden nach sagt ausgerechnet der Live-Stream von cnn.com (und ich hab sonst keine große Meinung von cnn) zur Zeit am wenigsten Schwachsinn und ist am besten anschaubar…
01:12: Okay, prompt gibt’s auch bei cnn den ersten missglückten Vergleich: Robert Traynham sagt über den 72-jährigen John McCain, dessen Gesundheitszustand schon häufiger diskutiert wurde: “I see it this way: John McCain is on life-support right now. He needs a miracle to recover, but some people have done that, too.”
01:38: Auf cnn.com ist grad John Norris im Interview, der Markus Kavka von MTV USA, um zu berichten, dass Massen von jungen Leuten bei dieser Wahl wählen gehen.
Meine Güte, John Norris war schon Außenreporter bei den MTV Music Awards, als MTV in Deutschland noch das Programm von MTV UK gesendet hat. Ray Cokes, Steve Blame, Paul King… ich fühl mich grad alt.
02:13: Technisches Versagen. Also bei mir. Den einen Player kann ich nicht anmelden, der andere hat das “echte” cnn nicht im Angebot… ich bleib jetzt beim cnn.com-Stream, so!
02:20: Alle möglichen Staaten werden für den einen oder anderen “prognostiziert”, bei 3, 1 oder gar 0% ausgezählter Stimmen. Hm.
02:36: cnn.com sagt Obama : McCain 81:34.
02:38: ZDF: Kurze Reportage über Joe Biden bei der Debatte der Kandidaten (natürlich auch auf Youtube zu sehen).
Host: An editorial in the Los Angles times said, “In addition to his uncontrolled verbosity, Biden is a gaffe machine [Ausrutscher-Maschine"].” Can you reassure voters in this country that you would have the discipline you would need on the world stage, Senator?
Biden: Yes. (Pause)
Host: Thank you, Senator Biden.
02:45: ARD: Wieder Piraten-Musik. Und was bitte, bitte, soll Monika Lierhaus da??
03:04: CNN.comsagt: Obama : McCain: 174:49.
03:22: cnn.com: Live from the McCain campaign headquarters: Weshalb wundert es mich nicht, dass grad ein Countryblues-Sänger mit Sonnenbrille und Cowboyhut auftritt?
03:31: Der Countryblues-Sänger nölt noch immer.
03:38: Die ARD vergibt New Mexico an Obama. Das ist von der Anzahl der Wahlmänner-Stimmen nicht weiter wesentlich (5 Stück), nur sind laut cnn.com dort noch 0% der Stimmen ausgezählt…
03:47: ARD: Wolfgang Fierek spricht. Das Wort “Warum” könnte das redundanteste dieses Eintrags werden.
03:52: cnn.com färbt auf seiner Karte New Mexico blau, obwohl McCain bei 4% ausgezählten Stimmen mit 62% führt. Gut, da wird sich noch was tun. Wenn es das nicht wäre, würd’s peinlich werden.
04:23: In Virginia führt Obama mit 30.000 Stimmen, in North Carolina mit 8.500. Das psychologisch so wichtige Ohio scheint tatsächlich auch von den Republikanern zu wechseln und an ihn zu gehen.
04:41: Virginia ist wohl durch, North Carolina geht aber wohl doch an McCain. Im cnn-Livestream herrscht Grabesstille auf der John McCain-Headquarters-Party. Langweilige Live-Musik, für die es kaum Applaus gibt, und Scharen von Menschen, die sich auf den Weg nach draußen machen.
04:51: So, jetzt stimmt bei cnn die Farbe für New Mexico auch mit den Stimmen für Obama überein.
05:00: Die ersten Sender vermelden, dass Obama mit hoher Wahrscheinlichkeit Präsident ist.
05:11: Die ARD ist doof: ich erschreck mich, dass Obama schon zu seiner Siegesrede aufs Podium steigt, bis ich merke, dass sie grad eine Zusammenfassung zeigen und das sein Auftritt im Stadion von Chicago vor den 70.000 Leuten ist.
05:19: John McCain tritt aufs Podium und gesteht seine Niederlage ein. Ich muss wirklich sagen, er ist ein sehr fairen Verlierer. Und sehr viel fairer als seine Anhänger.
05:33: Obama hat bis jetzt bereits New Mexico, Colorado, Florida, Virginia, Ohio und Iowa als Staaten, in denen zuvor die Republikaner dominiert hatten, gewonnen.
05:38: Mit den zu erwartenden Gewinnen in Kalifornien etc steht der Zähler jetzt bei 338 : 155 für Obama. Es ist beruhigend, dass die äußerst knappen Rennen in Missouri, Indiana und North Carolina dadurch zu Randnotizen werden können. Kein Florida-Desaster zu erwarten.
05:59: Barack Obama tritt vor die jubelnde Menge in Chicago. (48 Stunden früher, und seine Großmutter hätte das wenigstens noch miterleben dürfen.) Er wirkt zwar glücklich, aber auch sehr beherrscht. Und das Seltsame ist: wieder macht er das, was er kann, nämlich Reden halten – im Sinne von: ausschließlich darauf scheint er sich zu konzentrieren. Auch er ist sehr freundlich zu John McCain, auch wenn ihm das natürlich leichter fällt.
06:14: Obama bedankt sich. Er findet wohlwollende Worte. Pathoserfüllte Worte. Es gibt viel zu tun, packen wir’s an. Auf in eine bessere Zukunft. Erzählt eine kleine Geschichte eines Individuums als Parabel für die große Moral von der Geschicht. Das passt alles, das ist alles schön. Und es hört sich gut an. Aber es ist mir zu vorbereitet, zu sachlich engagiert.
Ich warte und hoffe auf ein aus-dem-Bauch-heraus “Jeez, folks, thank you for makin’ this possible, this is the greatest night of my life!”
06:15: Yes, we can! ist das neue I have a dream! Zumindest, wenn man dem rhetoriischen Kniff seiner Rede glauben kann.
06:18: Die Familien von Obama und Biden stehen auf der Bühne, und zum ersten Mal scheinen sie sich zu entspannen. Die bombastische Musik ist zwar kitschig und erinnert doch sehr an Chariots of Fire, aber nun gut, zu geschichtemachenden Momenten passt einfach kein Minimalismus.
06:21: Nevada ist der siebte Staat, den Obama gewinnt, der zuvor republikanisch dominiert war.
06:38: Und damit gehe ich jetzt auch ins Bett.
Er hat’s. Er hat’s wirklich geschafft!
Weitere Live-Blogs zur Wahl unter Anderem bei coffeeandtv.de, Charming Quark und Stefan Niggemeier.
Interaktive Flash-Landkarte zur Wahl gibt’s bei cnn.com.
Liebe Polylux-Redaktion,
ich bin 38 Jahre alt [Orchester-Akkord, Reifenquietschen, rasante Kamerafahrten auf entsetzte Gesichter von Passanten in den Straßen, verzweifelte "Nein!"-Rufe und Angstschreie, "Mann krass, Alde, ischglaubdasnich, und so'n Jopi Heesters hab ich gelesen, ey!", kopfschüttelnd vorne rechts aus dem Bild laufend].
[mit säuerlicher Miene meine in solchen Situationen unvermeidliche Grampa-Simpson-Stimme aufsetzend:]
Warum schreien die Leute grade so, und worauf wollte ich eigentlich hinaus?
Ach ja:
Herr Niggemeier hat mal Eurer Ansicht nach ganz gemein über Euch geschrieben, dass Eure Sendung nur noch in einem Sinne funktioniere, nämlich “als Gradmesser, um das Ende eines Trends zu bestimmen: ‘Ist XY eigentlich noch angesagt oder hat ‚Polylux’ schon was drüber gemacht?’”
Nach langer Zeit hab ich gestern mal wieder bei Euch reingeschaut, und in besagter Sendung vom 16.10.2008 habt Ihr Jumpstyle als neuen Jugend-Tanz-Trend vorgestellt. Obwohl ich nun oben erwähntes Alter erreicht habe, habe ich vor ungefähr einem dreiviertel Jahr zum ersten Mal davon gehört und prompt die ersten Youtube-Videos gesehen, die es zu der Zeit schon mindestens ein halbes Jahr gab.
Mittlerweile wird man dort mit Videos aus der Richtung erschlagen, auch mit solchen, in denen nicht nur 10 einsame Streiter, sondern ganze Fantreffen zu sehen sind.
Mein Empfinden: Der Tanzstil hat Step-Anleihen und sieht auch ein bisschen wie Breakbeat auf Valium aus, höhö (damals, frühe Prodigy und so, sehr sympathisch). Die Musik hat vom Stumpfheitsgrad her Charly-Lownoise-, Gabber- und Scooter-Anleihen (nicht sehr sympathisch). Uuuund abgehakt.
Ob ich selbst so tanzen will, steht auf einem anderen Blatt. Hätt ich aber drauf. Locker. Klar. Kein Ding.
Also, ich bin ja grundsätzlich der Auffassung, dass wir in den nächsten Jahren, noch mehr als jetzt schon, eine Gleichzeitigkeit von Trends haben werden, die von niemandem mehr komplett kartografiert werden kann, weshalb es immer häufiger vorkommen wird, dass man von Dingen hört, die “in anderen Kreisen” schon lange in oder schon wieder out sind.
Aber wenn Ihr Polyluxer schon für Euch in Anspruch nehmt, ein aktuelles Lifestyle-Magazin zu sein: werdet Ihr nicht skeptisch, wenn ausgerechnet ich (und deshalb das Intro dieses Textes) Euch diese Infos so auftischen kann?
Außerdem lautet Euer Urteil – wie frisch, wie raffiniert in der Formulierung – “Der Tanz sieht ziemlich seltsam aus.”
Die distanzierende süffisante Ironie im Off-Kommentar funktioniert übrigens nur dann gut, wenn sie nur dosiert eingesetzt wird. Ansonsten wird da nämlich angestrengt-herablassendes Berlin-Mitte-Geplapper draus. Das man genau deshalb am besten ignoriert.
Aber wer tatsächlich jemandem Raum gibt, der die Plastik-Umhängetasche zum Symbol fürs Nicht-Erwachsenwerden erklärt, nimmt sowas vermutlich ohnehin nicht mehr wahr.
Herr N. hatte wohl wirklich recht. Wieder eine Sendung, bei der ich nicht das Gefühl zu haben brauche, etwas zu verpassen, wenn ich sie nicht sehe.
Abgelegt unter: aufreger, medien, polemik, popkultur, realsatire, tv
Damit gar nicht erst jemand fragt, was mit Jan passiert sei und wer an seiner Stelle solche Einträge verfasst: die Überschrift entspricht nicht etwa meiner Meinung; es ist vielmehr so, dass DSDS allen Ernstes den Deutschen Fernsehpreis 2008 in der Kategorie “Beste Show” gewonnen hat.
Gegen Das weiß doch jedes Kind und Germany’s Next Topmodel…
Bevor nun also das Eindreschen auf die Sendung beginnt, möchte ich noch kurz auf zweierlei hinweisen:
1. Meine eigene Kritik am deutschen Fernsehen bekommt demnächst einen eigenen Eintrag, hier geht’s um die Verleihungs-Show vom Sonnabend/Sonntag mit ihrem sympathischen Skandälchen.
2. Ich habe die Übertragung der Verleihung, die das ZDF mit 24 Stunden Verspätung ausstrahlte, tatsächlich gesehen. Wie DWDL mitteilt, sind einige ganz üble Ausrutscher der Show allerdings gar nicht gesendet worden (z.B. danebengegangene Witze von Lafer/Lichter; welches Kleinod an sprühendem Witz uns Zuschauern da wohl vorenthalten wird).
Das Überraschendste zuerst:
Thomas Gottschalk war tatsächlich nicht der Reinfall des Abends. Er war, nicht nur für seine Verhältnisse, locker und selbstironisch und machte den Eindruck, als könne er dem Deutschen Fernsehpreis durch seine Moderation eine Wichtigkeit verleihen, die dieser gar nicht besitzt (im Gegensatz zu dem Oscar-esken Musik-Bombast-Kitsch, der durch seine Unangemessenheit immer wie eine selbstironische Brechung wirkte). Sogar seine Laudatio auf MRR war zumindest okay. Das wird meine Dauerkritik an ihm zwar nicht groß besänftigen, aber für diesen Abend war das wirklich in Ordnung.
Sogar bei den Dankesreden gab es einen amüsanten Moment, als Michael Gwisdek als bester männlicher Nebendarsteller ausgezeichnet wurde: die Familie seiner Frau habe im Vorfeld der Ausstrahlung von Das Wunder von Berlin in ihrem privaten Umfeld Werbung betrieben, dass “der Mann ihrer Tochter” dort mitspiele, und kam hinterher in Erklärungsnöte, weil die Nachfrage lautete, ob sie tatsächlich Heino Ferch geheiratet habe.
Damit sind dann die guten Momente, die die Veranstaltung an sich verteidigen könnten, allerdings auch schon fast erzählt (neben dem Duo ohne Rolf als Laudatoren ohne gesprochene Worte finden sich die wenigen weiteren unten im Text). Denn dass das Niveau schlagartig sinkt, sobald Atze Schröder den Raum betritt und auch nur ein paar Sätze sagt, versteht sich von selbst. Ebenso bei Ingolf Lück, der eine quälend lange Nummer vor einem Bluescreen zum Schlechtesten gibt, um irgendwann endlich die Nominierten für die Special Effects anzukündigen. Und auch andere wie Jan-Josef Liefers, Stephanie Stumph (samt Vater Wolfgang) oder Stefan Aust und Helmut Markwort bewiesen, dass jeder die Fähigkeit hat, eine noch so geplante Laudatio trotzdem unterhalb der Erträglichkeitsgrenze zu versenken.
Es gab eine Kategorie “Beste Reality”, anmoderiert von Barbara Salesch und Alexander Hold: 3 Bewerber ein Job, Teenager außer Kontrolle und der “Gewinner” Die Ausreißer – Der Weg zurück. Kein Kommentar.
Der Moment, der mir spätestens klarmachte, dass Fernsehschaffende der übelsten Formate frei von jeder Selbstreflexion sind, weil sie nur so ihre eigene Schamgrenze ignorieren können, war derjenige, als Ute Biernat (die Produzentin von DSDS) zu ihrer Dankesrede anhob. Wörtlich sagte sie:
“Ich erzähl Ihnen jetzt mal das Erfolgsgeheimnis von Deutschland sucht den Superstar:
Für Das weiß doch jedes Kind müssen Sie schlau sein, für Germany’s Next Topmodel müssen Sie schön sein, für DSDS ist beides nicht zwingend nötig.”
Und dann sollte also Marcel Reich-Ranicki einen Preis bekommen, wie das Ganze ablief, ist selbstverständlich bereits bei Youtube nachzuschauen.
Das Fernsehlexikon wies bereits auf das Kuriosum des Ehrenpreises hin:
“Die Idee war schon so putzig wie der ganze Deutsche Fernsehpreis an sich, einen Literaturkritiker, der im Fernsehen genau zwei Sendereihen gestaltet hat, die er sinngemäß damit zubrachte, den Menschen zu empfehlen, lieber Bücher zu lesen als fernzusehen, mit dem Ehrenpreis für sein Lebenswerk wegen seiner Verdienste um das Fernsehen auszuzeichnen.”
Ebendort findet sich auch ein Text von Bastian Pastewka (den ich in Teilen seiner Arbeit sehr schätze), in dem dieser MRRs Auftritt kritisierte:
“Was müssen die anwesenden Nominierten (und kurz zuvor ausgezeichneten) Reporter aus Krisengebieten [...], Fernsehfilm-Autoren, Nachrichten-Mitarbeiter, Cutter oder auch nur die zwei sympathischen älteren Herren von Eurosport gedacht haben…”
Wenn man es so betrachtet, hätte Pastewka sogar recht, aber ich sehe Reich-Ranickis Kritik anders, denn er hat ja nicht gesagt “Alle Preisträger sind unwürdig”, sondern er hat die Show bis zu diesem Zeitpunkt kritisert, die unwitzig-peinlichen Showeinlagen, die nichtssagenden Filmausschnitte (was bei Ausschnitten, die Preiswürdigkeit näherbringen sollen, besonders ungünstig ist), und als Ausgezeichneter in einer Reihe mit DSDS genannt zu werden, ist nun wahrlich nicht besonders schmeichelhaft. All dies wird durch seinen Nachtrag in der FAZ noch deutlicher.
Dazu passt als weitere unfreiwillige Selbstreferenz, dass als beste Comedy ausgerechnet (aber berechtigt) das die deutsche TV-Landschaft sezierende Team von Switch Reloaded ausgezeichnet wurde.
Schön auch im weiteren Verlauf Gottschalks Ankündigung des nächsten Laudators, der literaturinteressiert sei, da er die Tochter von Martin Walser geheiratet habe: “Mit der herzlichen Bitte, seinem Schwiegervater auszurichten, dass mir sein Buch “Tod eines Kritikers” gut gefallen hat: Edgar Selge!”
Die unvermeidlichen Senta Berger (Laudatio) und Veronica Ferres (ausgezeichnet als beste Schauspielerin. Nein, das ist kein Scherz) mussten natürlich auch noch ihren Auftritt haben, Letztere hat doch noch die Kategorie Heulattacke während der Dankesrede abgehakt.
Schnitt, Kamera und Musik wurden, zumindest in der ausgestrahlten Fernsehfassung, dreisterweise komplett weggelassen. Trotzdem dauerte es elendig lang, bis die Veranstaltung endlich zuende war.
Nämlich zweieinhalb Stunden.
Ohne Werbepausen.
Die Oscar-Verleihung dauert mittlerweile noch dreieinhalb Stunden.
Mit Werbepausen…
Genau hier merkt man, was an der ganzen Sache falschläuft: die pompöse große Inszenierung suggeriert, dass hier weitgehend hohe Qualität ausgezeichnet wird und dass der Deutsche Fernsehpreis ein Oscar-ähnliches Ereignis im Showbusiness-Kalender und beim tratsch-affinen Publikum sei.
Gleichzeitig werden allen Ernstes Preise in der Kategorie “Beste Reality-Sendung”(!) vergeben und Atze Schröder darf auftreten. Wer in all dem weder einen Widerspruch noch erdrückende Beweislast für schlechten Inhalt sieht, versteht auch nicht, weshalb sich MRR so aufgeregt hat.
Es war zwar der Auftritt eines alten Mannes, dem man vorwerfen kann, dass er Vieles im deutschen Fernsehen gar nicht kenne; aber man sollte nicht den Fehler machen, ihm zu unterstellen, er habe “das ganze deutsche Fernsehprogramm” schlechtgemacht.
Er hat, wenn auch in granteligen und manchmal etwas wirren Worten kritisiert, dass die Veranstaltung selbst drei Nummern zu groß, entsetzlich platt und pseudo-glamurös inszeniert wird sowie von Längen und Peinlichkeiten durchsetzt ist.
Und dass nicht nur durch eine ohnehin langweilige Fernsehkritik auf Spiegel Online, sondern durch einen der Preisträger, die mittendrin sind, endlich mal das Offensichtliche kundgetan wurde, war sehr befreiend und hat dem Deutschen Fernsehpreis wenigstens einen erinnerungswürdigen Moment beschert.
[EDIT, 14. Oktober: RTL hat sich übrigens von der Kritik Reich-Ranickis empört distanziert, wie Stefan Niggemeier festgestellt hat. Allerdings mit einem Newsletter, den man nur noch als Eigentor bezeichnen kann.]
Während der TV-Übertragung des EM-Halbfinalspiels Deutschland-Türkei fehlten für mehrere Minuten Bild und Ton. Das ist schade, und je nachdem, wie sehr man mitgefiebert hat, kann einen das auch so manche Nerven gekostet haben.
Aber ist es nun ein “typisch deutsches” Phänomen oder ein Phänomen dieses Informationszeitalterjahrzehnts, dass ein Bildausfall bei einer Fernseh-Liveübertragung so ein dermaßenes mediales Rauschen auslösen kann?
Es ist von Regressforderungen an die Stromfirma die Rede, Béla Réthy muss immer wieder auf die “Wie war das für Sie?”-Frage antworten, einige fordern gar, dass das Spiel hätte unterbrochen werden müssen (und geben der Bürokratie die Schuld, dass das nicht passiert ist) und es entsteht der Eindruck, wir alle(!) hätten allein durch die fehlende Übertragung persönlichen Schaden genommen.
Eine TV-Übertragung kommt durch die Verwendung von Technik zustande. Technik kann Fehler auslösen. Technik kann durch Naturgewalten beeinträchtigt sein. Shit happens. Dass es ein Notfallprogramm geben sollte, ist klar, aber weshalb so ein Aufstand gemacht wird, weil mal sechs Minuten einer Live-TV-Übertragung nicht klappen, werde ich nie begreifen. Wie satt und arrogant muss man eigentlich geworden sein, dass man an die Unfehlbarkeit von Technik glaubt? Und das auch noch bei Blitzeinschlag?
Und zur Verteidigung Béla Réthys: Er hat nicht Jupp Derwall auf der Tribüne gesehen! Ganz egal, wie häufig dies in den Medien kolportiert wird, es wird dadurch nicht “wahrer”.
Ab Minute 2:05 sagt er wörtlich: “Hans-Peter Briegel [jetzt im Bild zu sehen] sehen wir hier auf der Tribüne, einer von 19 deutschen Trainern, die in der Türkei gearbeitet haben, war eher eine kurze Station, und Kalli Feldkamp [jetzt im Bild zu sehen], er, einer der populärsten natürlich, neben seiner Frau Helma [bezieht sich darauf, dass die beiden nebeneinandersitzen], neben Jupp Derwall und Christoph Daum, große Tradition, Michael Skibbe wird der 20. sein, der geht ja nach der EM zu Galatasaray.”
Wörtliche Rede aufgeschrieben sieht immer etwas holperig aus, aber allerspätestens im Zusammenhang mit den Bildern wird klar, dass er keineswegs einen auf “Ich sehe tote Menschen” gemacht hat, sondern sich auf die Reihe deutscher Trainer in der Türkei bezogen hat.
Wenn auf RTL “Die ultimative Chart-Show” mit Oliver Geissen am Freitag eine Ausgabe zeigt, in der die erfolgreichsten Casting-Stars aller Zeiten vorgestellt werden.
