Morgen wird in Washington der neue US-Präsident vereidigt. Was auch bedeutet, dass der alte nun endlich weg ist. Acht lange Jahre Mist bauen liegen hinter George W. Bush. Das Ausmaß an dem, was dieser Mann und seine Regierungsmannschaft an Vertrauen oder auch nur Respekt gegenüber den USA (und in den USA selbst) zertrampelt haben, ist nur wenigen seiner Vorgänger gelungen.
Deshalb muss ich mir jetzt einfach mal, treffend aber unsachlich, Luft machen:
Geoerge W. Bush, Dick Cheney, Donald Rumsfeld und Colin Powell sind absolute beeeeeep beeeeep, die man beeeeeeep beeeeeep sollte, dann ihnen die beeeeeep durch die beeeeeeeep beeeeeeeeeep, dannn mit einem beeeeeeep die beeeeeeeep beeeeeeeeeep, bis sie winselnd nur noch beeeeeeeeeep können, um ihnen schließlich noch eine Ladung beeeeeeeeep in die beeeeeeeeep zu jagen. Dieser beeeep beeeeeeeeep wäre früher gnadenlos gebeeeeeeeeeeeept worden, und zwar bis zum bitteren Ende.
So, jetzt geht’s mir besser.
Der neue Präsident Obama darf kommen. Er wird Fehler machen, er wird fragwürdige Dinge sagen oder tun. Und es besteht auch die Möglichkeit, dass er kein doller US-Präsident wird.
Aber ich kann mir auch unter größter Anstrengung nicht ausmalen, dass er nur halbwegs das Ausmaß an Inkompetenz, Arroganz, Ignoranz, Dummheit, Stumpfheit, Primitivität, Realitätsferne, Religionswahn und asozialem Arschlochsein seines Vorgängers erreichen wird.
Mittwoch, 5. November 2008, 00:12 Uhr
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00:05: Willkommen in meiner bescheidenen Bloghütte zu einem Live-Blog anlässlich der US-Wahl 2008, an dem ich mich jetzt einfach mal heute Nacht versuchen werde. Die Gelegenheit zu haben, sich die Nacht dafür um die Ohren schlagen zu können, muss ja für irgendwas gut sein.
00:08: Ich habe bereits einen polternd-nuschelnden Gerd Ruge und eine überforderte Sandra Maischberger in der ARD ertragen müssen (eben meine ich sogar kurz Wolfgang Fierek erkannt zu haben), im ZDF versucht sich Johannes B. Kerner an dem, was er nachhakende Fragen nennt. Im Moment sehe ich mich beim Durchhalten der Nacht eher am Niveau der ÖRs scheitern als an der Uhrzeit.
Wenigstens wurde der Kerner von Gayle Tufts niedergeplappert, recht so.
00:36: Vorhin hat die ARD die Dramatik der Wahl mit dem Pirates of the Carribean-Soundtrack untermalt. Ich stelle mir John McCain in der Rolle des Geoffrey Rush (Barbossa) vor…
00:45: Jörg Schönenborn hat tatsächlich grad den Oral Office-Gag in Bezug auf die Lewinsky-Affäre gebracht…
00:47: Gerd Ruge hört sich an wie eine betrunkene Mischung aus Gerhard Löwenthal und Erich Honecker, grausig!
00:59: Herrje, das too close to call ist aus dem Jahr 2000 noch traumatisch in Erinnerung. Bitte so wählen, dass es nicht so oft und nicht entscheidend heute nacht auftaucht, vielen Dank.
01:06: Erschreckend und bezeichnend: auf ARD, ZDF, RTL, Sat1, n-tv, Phoenix und N24 reden sie über die US-Wahl. Und meinem Empfinden nach sagt ausgerechnet der Live-Stream von cnn.com (und ich hab sonst keine große Meinung von cnn) zur Zeit am wenigsten Schwachsinn und ist am besten anschaubar…
01:12: Okay, prompt gibt’s auch bei cnn den ersten missglückten Vergleich: Robert Traynham sagt über den 72-jährigen John McCain, dessen Gesundheitszustand schon häufiger diskutiert wurde: “I see it this way: John McCain is on life-support right now. He needs a miracle to recover, but some people have done that, too.”
01:38: Auf cnn.com ist grad John Norris im Interview, der Markus Kavka von MTV USA, um zu berichten, dass Massen von jungen Leuten bei dieser Wahl wählen gehen.
Meine Güte, John Norris war schon Außenreporter bei den MTV Music Awards, als MTV in Deutschland noch das Programm von MTV UK gesendet hat. Ray Cokes, Steve Blame, Paul King… ich fühl mich grad alt.
02:13: Technisches Versagen. Also bei mir. Den einen Player kann ich nicht anmelden, der andere hat das “echte” cnn nicht im Angebot… ich bleib jetzt beim cnn.com-Stream, so!
02:20: Alle möglichen Staaten werden für den einen oder anderen “prognostiziert”, bei 3, 1 oder gar 0% ausgezählter Stimmen. Hm.
02:36: cnn.com sagt Obama : McCain 81:34.
02:38: ZDF: Kurze Reportage über Joe Biden bei der Debatte der Kandidaten (natürlich auch auf Youtube zu sehen). Host: An editorial in the Los Angles times said, “In addition to his uncontrolled verbosity, Biden is a gaffe machine [Ausrutscher-Maschine"].” Can you reassure voters in this country that you would have the discipline you would need on the world stage, Senator?
Biden: Yes. (Pause)
Host: Thank you, Senator Biden.
02:45: ARD: Wieder Piraten-Musik. Und was bitte, bitte, soll Monika Lierhaus da??
03:04: CNN.comsagt: Obama : McCain: 174:49.
03:22: cnn.com: Live from the McCain campaign headquarters: Weshalb wundert es mich nicht, dass grad ein Countryblues-Sänger mit Sonnenbrille und Cowboyhut auftritt?
03:31: Der Countryblues-Sänger nölt noch immer.
03:38: Die ARD vergibt New Mexico an Obama. Das ist von der Anzahl der Wahlmänner-Stimmen nicht weiter wesentlich (5 Stück), nur sind laut cnn.com dort noch 0% der Stimmen ausgezählt…
03:47: ARD: Wolfgang Fierek spricht. Das Wort “Warum” könnte das redundanteste dieses Eintrags werden.
03:52: cnn.com färbt auf seiner Karte New Mexico blau, obwohl McCain bei 4% ausgezählten Stimmen mit 62% führt. Gut, da wird sich noch was tun. Wenn es das nicht wäre, würd’s peinlich werden.
04:23: In Virginia führt Obama mit 30.000 Stimmen, in North Carolina mit 8.500. Das psychologisch so wichtige Ohio scheint tatsächlich auch von den Republikanern zu wechseln und an ihn zu gehen.
04:41: Virginia ist wohl durch, North Carolina geht aber wohl doch an McCain. Im cnn-Livestream herrscht Grabesstille auf der John McCain-Headquarters-Party. Langweilige Live-Musik, für die es kaum Applaus gibt, und Scharen von Menschen, die sich auf den Weg nach draußen machen.
04:51: So, jetzt stimmt bei cnn die Farbe für New Mexico auch mit den Stimmen für Obama überein.
05:00: Die ersten Sender vermelden, dass Obama mit hoher Wahrscheinlichkeit Präsident ist.
05:11: Die ARD ist doof: ich erschreck mich, dass Obama schon zu seiner Siegesrede aufs Podium steigt, bis ich merke, dass sie grad eine Zusammenfassung zeigen und das sein Auftritt im Stadion von Chicago vor den 70.000 Leuten ist.
05:19: John McCain tritt aufs Podium und gesteht seine Niederlage ein. Ich muss wirklich sagen, er ist ein sehr fairen Verlierer. Und sehr viel fairer als seine Anhänger.
05:33: Obama hat bis jetzt bereits New Mexico, Colorado, Florida, Virginia, Ohio und Iowa als Staaten, in denen zuvor die Republikaner dominiert hatten, gewonnen.
05:38: Mit den zu erwartenden Gewinnen in Kalifornien etc steht der Zähler jetzt bei 338 : 155 für Obama. Es ist beruhigend, dass die äußerst knappen Rennen in Missouri, Indiana und North Carolina dadurch zu Randnotizen werden können. Kein Florida-Desaster zu erwarten.
05:59: Barack Obama tritt vor die jubelnde Menge in Chicago. (48 Stunden früher, und seine Großmutter hätte das wenigstens noch miterleben dürfen.) Er wirkt zwar glücklich, aber auch sehr beherrscht. Und das Seltsame ist: wieder macht er das, was er kann, nämlich Reden halten – im Sinne von: ausschließlich darauf scheint er sich zu konzentrieren. Auch er ist sehr freundlich zu John McCain, auch wenn ihm das natürlich leichter fällt.
06:14: Obama bedankt sich. Er findet wohlwollende Worte. Pathoserfüllte Worte. Es gibt viel zu tun, packen wir’s an. Auf in eine bessere Zukunft. Erzählt eine kleine Geschichte eines Individuums als Parabel für die große Moral von der Geschicht. Das passt alles, das ist alles schön. Und es hört sich gut an. Aber es ist mir zu vorbereitet, zu sachlich engagiert.
Ich warte und hoffe auf ein aus-dem-Bauch-heraus “Jeez, folks, thank you for makin’ this possible, this is the greatest night of my life!”
06:15: Yes, we can! ist das neue I have a dream! Zumindest, wenn man dem rhetoriischen Kniff seiner Rede glauben kann.
06:18: Die Familien von Obama und Biden stehen auf der Bühne, und zum ersten Mal scheinen sie sich zu entspannen. Die bombastische Musik ist zwar kitschig und erinnert doch sehr an Chariots of Fire, aber nun gut, zu geschichtemachenden Momenten passt einfach kein Minimalismus.
06:21: Nevada ist der siebte Staat, den Obama gewinnt, der zuvor republikanisch dominiert war.
Okay, vor einigen Wochen hatte ich die Idee, eine Linksammlung anzulegen mit bemerkenswerten Video-Ausschnitten und Textzitaten, die Sarah Palin charakterisierten oder auf den Arm nahmen.
Ich habe das dann sein lassen, denn mit so einer Sturmflut an Material kam ich nicht zurecht. Wie hätte ich den Unmengen an Original-Interview-Schnipseln, Saturday Night Live-Sketchen, Youtube-Parodien, ätzenden Editorials und der Flut von Daily Show-Ausschnitten je Herr werden können?
Aber John Cleese zu Wort kommen lassen, ist ohnehin eine gute Idee und sein kurzes Statement dazu angenehm treffend:
Politiker schreiben ihre Reden (meistens) nicht selbst. Und Pointen setzen gehört erst recht nicht zu ihren Aufgaben. Wenn also beim ehrwürdigen und doch lockeren Charity-Ereignis Alfred-E.-Smith-Dinner John McCain und Barack Obama sich selbst und ihren politischen Gegner gekonnt auf die Schippe nehmen, tun sie das nicht als eine Eigenleistung, sondern durch ihre Gagschreiber.
Unabhängig davon muss ich überrascht feststellen: die Reden sind wirklich witzig. Und ja, von beiden Kandidaten. Trotz aller Aufgesetztheit und Etikette des Anlasses, trotz einer kurzen Schleimspur zum politischen Gegner, trotz der möglichen “Das gehört sich so, aber sie selbst denken was ganz anderes”-Gedanken ist es wirklich entspannend, die Kandidaten mal auf diese Weise miteinander umgehen zu sehen.
~~ USAerklärt weist darauf hin, dass die Interviews deutscher Politiker nachträglich autorisiert werden, während so etwas in der englischsprachigen Welt als ein Eingriff in die Arbeit des Journalisten angesehen wird:
Die verschiedene Vorgehensweise führt zu einem Unterschied in der Zahl der saudummen Bemerkungen von Politikern, die die Bevölkerung erreichen. Während amerikanische, australische, britische und kanadische Politiker scheinbar ständig their foot in their mouth haben, sind ihre deutschen Kollegen durch ein Netz und einen doppelten Boden vor den größten Fettnäpfchen geschützt. Entsprechend wirken sie – zumindest im Durchschnitt – rhetorisch geschickter.
~~ 11Freunde über ein doch recht bemerkenswertes Spiel meiner Lieblingsmannschaft am vergangenen Wochenende:
93. [Minute:] Schlusspfiff. Die Stürmer beider Mannschaften verabreden sich zum Après Ski, die Verteidiger gründen eine Selbsthilfegruppe. Ralf Rangnick eilt in die Kabine, um seinen ersten Roman zu verfassen: »Begrabt mein Herz an der Biegung der Weser«.
Thomas Schaaf, dessen linke Gesichthälfte seltsamerweise wesentlich faltiger ist als sein rechte, wird gefragt, ob er in Partystimmung geraten sei. Nach zehn Sekunden Bedenkzeit sagt er: »Nö.«
Aus Spaß am Spiel war das natürlich der Wahnsinn; als Fan der Heimmannschaft, die sich oben in der Tabelle positionieren will und nach 6 Spieltagen pro Spiel 2 Gegentreffer gekriegt hat, wird mir aber doch langsam mulmig.
~~ Manuel Andrack vermutet ein baldiges Ende von Schmidt & Pocher. Was ich sehr begrüßen würde, denn fortgeführte Leichenfledderei an einer ohnehin unterirdischen Sendung ist einfach geschmacklos.
Nachdem ich mich neulich ja bereits darüber ausgelassen hatte, wie diskussionsunwürdig es sei, Sarah Palin außenpolitische Erfahrung zugute zu halten, da sie gleich neben Russland wohne, hat Stefan Niggemeier jetzt sogar einen Interview-Schnipsel (mit Katie Couric von CBS News) gefunden, in dem Madame selbst in souverän-selbstdemontierender Art dieses Argument anführt.
Doch vorsicht, das sind sehr lange 87 Sekunden.
In Stefans Eintrag findet sich außerdem ein Link zu einem Text der konservativen Kolumnistin Kathleen Parker, in dem diese es schafft, mit einem einzelnen Satz so knapp wie es nur möglich ist, die Gefühle zu beschreiben, die einen überkommen können, wenn man Sarah Palin länger zuhört:
“My cringe reflex is exhausted.”
[EDIT: Es gibt auch die Möglichkeit, sich das ganze Interview anzuschauen, aber das ist dann wirklich hardcore.]
Es gibt Themen, die kompliziert sind. Themen, bei denen die Fakten und Einflüsse so vielfälitg und gegensätzlich sind, dass man den Überblick verliert und nur schwer zu einer überzeugenden eigenen Aussage kommen kann.
Und dann gibt es Aussagen, deren offensichtliche Unwahrheit so dermaßen die eigene Intelligenz beleidigen, dass man sich lächerlich vorkommt, sich überhaupt mit ihnen zu befassen.
Es fing an mit einem kurzen Ausschnitt aus einer Fox-Diskussionsrunde, in der Steve Doocy feststellte, dass Sarah Palin außenpolitische Erfahrung habe, da sie in Alaska ja Tür an Tür mit Russland wohne. Und es war klar, dass Jon Stewarts The Daily Show sich ausgiebig und berechtigt darüber lustigmachen würde. Jon stellte u.a. fest, dass Palin in Alaska ja nahe des Nordpols wohne und deshalb auch mit dem Weihnachtsmann befreundet sein müsse.
Ich ging zunächst davon aus, dass es sich um eine verkürzte Darstellung handelte und diese Begründung (Palin sei direkt “neben” Russland zuhaus = sie wisse, was dort abgeht) vielleicht als sarkastische Bemerkung gedacht gewesen sei. Aber dann sagte in einem BBC-World-Bericht eine der Zuschauerinnen des Repulbikaner-Parteitages genau dasselbe. Dann führte Cindy McCain in einem ruhigen längeren Interview genau dieses Argument an. Und schließlich sagt es sogar John McCain selbst in einem ABC-Interview. Und so bekamen nicht nur die Analysten von MSNBC langsam Schwierigkeiten, sich die Logik dahinter zu erklären.
Und genau hier stzt der eingangs erwähnte Mechanismus ein: es ist mir zu blöd, dieses erbärmliche, lächerliche, peinliche und schlicht bekloppte Argument zu widerlegen.
Aber noch fassungsloser als über dieses Argument selbst bin ich darüber, dass es eben nicht ein einmaliger Ausrutscher in einer hitzigen Live-Diskussion ist, sondern dass es sich bei in der Öffentlichkeit stehenden Repulikanern als bewusst vorgetragenes Argument für Sarah Palin etabliert zu haben scheint. Das ist das noch viel Groteskere an dieser Aussage.
Einmal noch das Thema Obama, nur einmal noch.
Nun, da der Mann wieder weg ist und in Berlin vor allen Ernstes 200.000 Menschen gesprochen hat, bleibt ja noch die Frage, die sich nach jedem Ereignis stellt: “Und, wie war’s?”
Neulich geriet ich darüber in ein Zwiegespräch zwischen mir und mir selbst:
Ich: Wieso jubeln die Deutschen einem Amerikaner zu, der weder US-Präsident noch offiziell Präsidentschaftskandidat ist, als wenn er der Heilsbringer wäre?
Ich: Weil es gut tut, einem Amerikaner zuzuhören, der kein akustisch unverständliches Kaugummi-Englisch redet, der zusammenhängende Sätze sprechen kann, und der uns nicht automatisch den Bösen zurechnet.
Aber ist das nicht die Grundvoraussetzung eines aufgeklärten Menschen allgemein?
Ja, klar.
Wenn Obama damit also lediglich Grundvoraussetzungen erfüllt, ist das doch noch nichts, was ihn auszeichnet?
Ja, was diesen Punkt angeht, sagt das weniger über die Qualität Obamas aus, sondern mehr über das riesige Ausmaß an Schaden, den die unglaubliche Arroganz, Dummheit, Primitivität und Engstirnigkeit George W. Bushs angerichtet hat. Dessen Attitüde ist so ablehnenswert, dass schon das Auftreten Obamas als deutlicher “Nicht-Bush” ihm schon viele Sympathien bringt.
Soll das heißen, dass sein freundliches Auftreten verschleiert, dass auch Obama einige Standpunkte vertritt, die den Deutschen eigentlich gar nicht schmecken?
Richtig. Im Presseclub der ARD wies jemand darauf hin, dass McCain oder Bush bestimmte Positionen (Afghanistan etc.) auch hätten vertreten können, bei einer vergleichbaren Veranstaltung aber ausgepfiffen worden wären. Der Mann hat so eine Ausstrahlung, dass er auch unbehagliche Ansichten verkünden kann, und das (deutsche) Volk jubelt trotzdem.
So ein Mechanismus ist doch auch bedenklich, oder? Wenn man das weiterdenkt, kriegt das ja den Touch, dass er sagen (und letztendlich machen) kann, was er will, weil er durch sein Charisma die Leute trotzdem auf seine Seite zieht.
Ja, natürlich.
Wenn er in der öffentlichen Wahrnehmung quasi machen kann, was er will, was unterscheidet ihn dann von Bush?
Hrgs.
Aber wenn dem schon so ist, fragt man sich doch, was eigentlich diese Keimfrei-Aktion sollte, dass in den Zuschauermassen keine Plakate erlaubt waren?
In der Tat, auch wenn das ein Wahlkampf-Auftritt für die US-Wahlen war, bei dem man schöne Bilder in die USA senden will:
Was mich wirklich aufgeregt hat, war, dass sich niemand drüber aufgeregt hat. Stell dir mal vor, bad old Bush wäre hier gewesen und hätte dergleichen verlangt! “Missachtung der Grundrechte! Passt zu dem!” und was hätte es nicht alles geheißen. Aber wenn einer so strahlend daherkommt, murrt allen Ernstes keiner, wenn angeordnet wird, ihm bloß nicht durch ein Plakat gegen die Todesstrafe oder Ähnliches in die Suppe zu spucken.
Übernimmst du jetzt meine Sichtweise?
Nee, so nun doch nicht, aber das hat mich echt geärgert. Es ist vertrackt, denn es gibt einiges, was ich an diesem Auftritt geschätzt habe:
Nach acht endlosen ekelhaften Jahren Bush, tritt mal wieder ein charismatischer Amerikaner auf, der sich ausdrücken kann, der versöhnliche statt distanzierende Worte spricht, der uns nicht als Achse des Bösen der Feiglinge betrachtet, der einen Gegenpol zum Amtsinhaber bildet und endlich zumindest wieder das Gefühl vermittelt, dass da einer nicht auf die Ansicht der gesamten Weltgemeinschaft scheißt, sondern sich halbwegs wieder wie ein Teil von ihr aufführt. Einer, dessen Charisma auch für mich beeindruckend ist. Das ist grundsätzlich was wert.
Was davon bleibt, ist abzuwarten und kann sehr enttäuschend werden, aber schon allein, dass er überhaupt mit dieser Haltung auftritt, ist einfach eine Wohltat.
Gleichzeitig hat das Ganze so eine gemachte und strahlende Oberfläche, und die Inszenierung der Obamania hat so viel Eigendynamik entwickelt, dass kritische, hinterfragende oder überhaupt nur abwartende(!) Standpunkte unterdrückt werden oder als “überskeptisch” abgestempelt werden.
Und wenn allen Ernstes ein wahrscheinlicher US-Präsidentschaftskandidat eine öffentliche Rede in Deutschland hält, und seine Kampagnenhelfer ohne Widerstand durchsetzen können, dass Plakate im Publikum nicht erlaubt sind und sich niemand an dieser Tatsache stört, stellt sich die Frage, mit wieviel Sachlichkeit sein Auftritt in Deutschland wahrgenommen wird.
Und spätestens dann kriegt das von ihm in seiner Anspache vermittelte Wir-Gefühl den seltsamen Beigeschmack, dass die deutschen Zuhörer reine Wahlkampfhelfer sind, die keineswegs als Partner ernstgenommen werden, weil sie lediglich Komparsen in der strahlenden Inszenierung sind und zumindest in Sachen Widerworte die Klappe zu halten haben.
Ich sehe, wir verstehen uns. Außerdem: Jeder scheinbare Umbruch nach einer politschen Ära hatte zunächst den Anstrich des frischen Neuanfangs und eines “Jetzt wird’s anders”, denk doch nur mal an Schröder nach 16 Jahren Kohl, oder an Blair nach 18 Jahren Thatcher und Major. Und, fühlte es sich wenige Jahre nach dem Wechsel noch irgendwie gut an?
Wohl wahr. Also, wenn du zugestehst, dass es sich zumindest im Moment mit Obama wieder anders und wohlwollender anfühlt als mit Bush, bin ich gerne bereit, die Obamania weiterhin wohlwollend, aber deutlich skeptisch weiterzuverfolgen.
Abgemacht. Und wie überflüssig werden all diese Gedanken gewesen sein und wie ratlos werden sich alle umgucken, wenn’s im November doch der McCain wird.
Es ist an der Zeit, darauf hinzuweisen, dass man sich die kompletten Episoden der Daily Show mit Jon Stewart im Netz anschauen kann. Sollte es einen beunruhigen oder beruhigen, dass zu den treffenderen Blickwinkeln auf die amerikanischen Politik diejenigen eines Comedians gehören?
Egal, der Mann hat’s drauf, und die Folgen der aktuellen Woche (21. – 24. Juli) beschäftigen sich sehr witzig und treffend mit den Unterschieden der Berichterstattungen über Obama und McCain. Aus gegebenem Anlass ist natürlich die Ausgabe vom 24. Juli über Obamas Berlin-Besuch besonders zu empfehlen. Aber auch seine Sezierung der Aufregung um die Titelseite des New Yorker ist schön beißend.
Sonntag, 20. Juli 2008, 17:32 Uhr
Abgelegt unter: politik, us-wahl
Er ist (mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit) Präsidentschaftskandidat. Auch wenn Barack Obama in den hiesigen (und offenbar auch in den amerikanischen) Medien deutlich präs(id)enter zu sein scheint, sollte einen dieser Eindruck nicht darüber hinwegtäuschen, dass er erstens nicht Präsident der USA ist und zweitens erst einmal noch gegen einen gewissen John McCain gewinnen muss, bevor er Selbiges werden kann.
Nun will Obama also in Berlin sprechen, und egal, wo er auftreten soll, rührt sich Widerstand, weil jeder optische Hintergrund seines Rednerpults einen viel zu geschichtlichen hat. Nachdem Angela Merkel das Brandenburger Tor als Ort der Veranstaltung abgelehnt hatte, wurde nun die Siegessäule auserkoren, das Dekor für seine Rede am 24. Juli zu stellen.
Dies wiederum wird von anderen deutschen Politikern kritisiert, da die Siegessäule an die Siege Preußens gegen Dänemark (1864), Österreich (1866) und Frankreich (1870/71) erinnert und somit für die damalige Ansicht der deutschen Überlegenheit steht. Unvermeidlich für eine Diskussion um deutsche Geschichte wird natürlich auch wieder Adolf Hitler erwähnt, der die Säule von ihrem ursprünglichen Platz vor dem Reichstag auf ihren heutigen Platz versetzen ließ. Natürlich wird ihm die Symbolik der Siegessäule gefallen haben, aber macht die Tatsache, dass Nazis ein Denkmal für sich missbraucht haben, es damit automatisch tabu?
Besonders, wenn man hinzunimmt, dass die Siegessäule in den letzten 20 Jahren jährlich von hunderttausenden Ravern, Public Viewing-Massen und TeilnehmerInnen des Christopher Street Day umströmt wurde, was ein mehr als deutliches Zeichen gegen ihre urspüngliche und hässliche Bedeutung ist?
Die grundsätzliche Überlegung, ob ein Ort für eine bestimmte Person oder Rede angemessen ist, mag ja verständlich und gerechtfertigt sein. Nur stellt sich die Frage, ob es irgendeinen Fleck in Berlin gibt, den man nicht vor dem Hintergrund der Geschichte betrachten (und somit ablehnen) kann. Auf welchen Platz, vor welches Gebäude kann sich überhaupt jemand hinstellen, ohne dass der Ort nicht in irgendeiner ekelhaften Weise von jemandem instrumentalisiert wurde?
Es ist anzunehmen, dass Obamas Rede viel heiße Luft enthalten wird. Aber aus seinen bisherigen geäußerten Positionen ist ebenso zu schließen, dass diese Luft wenigstens angenehmer, versöhnlicher und intelligenter “duften” wird als jene der Reden des amtierenden US-Präsidenten. Wenn also schon jeder Ort Berlins irgendwie von der deutschen Geschichte “verseucht” ist und Obama in Berlin eine Rede halten will, dann soll er sie doch vor der Siegessäule halten dürfen.
Schließlich sind solche Anlässe weitere gute Gelegenheiten, um dem “belasteten” Ort ein positives Zeichen entgegenzusetzen. Der Kontrast zu dem, was diesen Ort dann historisch umweht, kann diesem positiven Zeichen nur dienlich sein.